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29.06.18 / Hat der Westen Angst vor dem mentalen Nichts?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 26-18 vom 29. Juni 2018

Hat der Westen Angst vor dem mentalen Nichts?
Dirk Klose

Als 1989 in Osteuropa der von der Sowjetunion beherrschte Block zusam-menbrach, war die Erleichterung im Westen allgemein. Im damaligen Hochgefühl sah der US-Politologe Francis Fukuyama im scheinbar endgültigen Sieg der westlichen Staatsform das Ende der Geschichte gekommen. Etwas skeptischer war sein Kollege Samuel Huntington, der vor einem „Kampf der Kulturen“ warnte, in den der Westen früher oder später unweigerlich hineingezogen werde, vor allem gegen China. Beide Thesen gehören inzwischen zum Standardrepertoire politischer Diskussionen. 

Gegen sie macht der Islamwissenschaftler Stefan Weidner vehement Front. Weidner, lange Zeit für das Goethe-Institut in mehreren asiatischen Ländern tätig, fordert, dass der Westen Abschied nehmen müsse von der Vorstellung, sein Modell sei das allein seligmachende. Der Westen, so schreibt er in seinem Buch „Jenseits des Westens“, habe die Welt lange nach seinen Vorstellungen geformt und behaupte jetzt, das sei der natürliche Zustand von Staat und Gesellschaft. Vorstellungen aus anderen Kulturkreisen, zumal aus der fernöstlichen oder der islamischen Welt, lehne er aus Arroganz oder Unkenntnis ab. Das könne auf Dauer nicht gut gehen, damit immunisiere er sich geradezu gegenüber dem Rest der Welt. 

Das ist, sehr vereinfacht, die Grundthese dieses ebenso nachdenklichen wie gedankenreichen Buches. „Ich halte“, so schreibt Weidner nach einer Analyse der geistigen Situation in den westlichen Demokratien, „die Ideologie des Westens für apokalyptisch und möchte Alternativen dazu aufzeigen. Ich halte es für unerlässlich, sie abzuwickeln – falls sie sich nicht von allein abwickelt.“ Warum sich der Westen bewusst oder unbewusst dagegen sträube? Weidner sieht es nicht nur in westlicher Überheblichkeit, sondern mehr noch aus Angst vor allem Fremden, auch aus Angst vor einem mentalen Nichts, nachdem religiöse Bindungen in Europa seit der Aufklärung weggefallen seien. 

Erst ziemlich am Ende kommt er auf Alternativen zum Westen zu sprechen. Es mag an einer langen Vertrautheit mit den Kulturen Asiens, insbesondere mit der indischen Kultur liegen, dass er hier Ansatzpunkte sieht, die ein gegenseitiges Geben und Nehmen ermöglichen. Er verweist auf das berühmte indische Epos „Bhagavad Gita2, noch heute in Indien einer der zentralen religiös-literarischen Texte, das auch in Europa viele Bewunderer gefunden hat. Von hier hat, so Weidner, im 20. Jahrhundert Mahatma Gandhi seine Philosophie des gewaltlosen Widerstands abgeleitet. Freiheit, so Gandhi, sei nicht wie im Wes-ten eine die Lebensqualität des einzelnen Menschen steigernde Freiheit, sondern im Gegenteil eine entsagende Freiheit: „Das Gefühl für das Ich schwinden zu lassen, besteht in der Askese.“ Askese besteht im Verzicht, auch im Verzicht auf unentwegtes Handeln.

In der Summe ist es eher ein philosophisches denn ein aktuell politisches Buch. Wegen seiner Konzentration auf die westliche Geistesgeschichte (Kant, Hegel, Nietzsche, Heidegger und viele andere) setzt es einige Kenntnis voraus und entlässt den Leser fast mit mehr Fragen als Antworten. Beispielsweise möchte man als genuin „westliches“ Produkt doch ein engagiertes Handeln nennen, wie es Hannah Arendt in „Vita activa“ beschrieben hat, – nicht die Raffgier eines Bankers, wohl aber der Arzt, der seinen Urlaub in einem afrikanischen Slum verbringt und lebensbedrohten Kindern hilft; der Ingenieur, der mit der Planung von Brücken oder Bewässerungssystemen das Leben ebendort verbessern kann; oder der Wissenschaftler, der ein Bildungssystem in einem Dritteweltland mit aufbauen hilft. Gerade solche Menschen erfahren dann ohnehin, dass es auch Menschlichkeit jenseits westlicher Werte und Vorstellungen gibt. 

Stefan Weidner: „Jenseits des Wes-tens. Für ein neues kosmopolitisches Denken“, Carl Hanser Verlag, München 2018, gebunden, 368 Seiten, 24 Euro