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17.08.18 / Die kleine, militärische Schwester der HVA des MfS / Im Windschatten der Stasi konnte der Militärische Nachrichtendienst der NVA ebenso unentdeckt wie erfolgreich agieren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 33-18 vom 17. August 2018

Die kleine, militärische Schwester der HVA des MfS
Im Windschatten der Stasi konnte der Militärische Nachrichtendienst der NVA ebenso unentdeckt wie erfolgreich agieren
Wolfgang Kaufmann

Während sich die Spionageabwehr der Bundesrepublik ganz auf die Enttarnung der „Kundschafter“ der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit konzentrierte, konnten die Agenten des Militärischen Nachrichtendienstes der Nationalen Volksarmee der DDR (Mil-ND) ebenso unentdeckt wie erfolgreich agieren.

Auf Befehl des DDR-Innenministers vom Mai 1952 bis zum Juni 1955, Willi Stoph, der hiermit einer Vorgabe der Führung der sowjetischen Streitkräfte folgte, wurde am 19. Juli 1952 die Dienststelle Allgemeine Verwaltung der Kasernierten Volkspolizei gegründet. Dahinter verbarg sich die Keimzelle des Militärgeheimdienstes der DDR, der ab 1956 zur neugegründeten Nationalen Volksarmee (NVA) gehörte und bis 1990 sieben Mal seine Tarnbezeichnung wechselte – die längste Zeit firmierte er dabei als „Verwaltung Aufklärung“.

Die Aufgabe des Mil-ND bestand in der „Verhinderung einer Überraschung durch den Gegner“. Deshalb analysierte er unter anderem den Sechstagekrieg von 1967, in dem Israel ebenso unerwartete wie erfolgreiche Präventivschläge gegen seine arabischen Nachbarn geführt hatte. Dabei kamen die NVA-Geheimdienstler zu dem Schluss, man müsse die eigene Aufklärungsarbeit konsequent so „organisieren, dass der Gegner ständig unter Kontrolle gehalten wird“. Das geschah durch den Einsatz von zuletzt rund 3500 hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeitern in der DDR und einigen hundert Agenten im Westen. Deren Interesse galt vor allem der Situation in den 17 „Räumen besonderer Aufmerksamkeit“ von den Ostsee-Eingängen im Norden bis zu den Alpen im Süden. Hier lagen insgesamt 1700 spezielle „Aufklärungsobjekte“, darunter Kommandostellen der NATO und der Bundeswehr sowie die als besonders gefährlich erachteten Kernwaffeneinsatzverbände der USA wie die 56. Raketenbrigade in Schwäbisch-Gmünd mit ihren Pershing II. 

Der militärische Nachrichtendienst der NVA setzte nicht nur auf menschliche Quellen, sondern betrieb ebenso Funkaufklärung, und dies in solch intensivem Maße, dass der Mil-ND heute gelegentlich als die „NSA der DDR“ bezeichnet wird. So installierte die „Verwaltung Aufklärung“ (ab 1983 „Bereich Aufklärung“) auf dem Gelände der ehemaligen Junkers-Flugzeugwerke in Dessau eine Abhöranlage in der Größe von 15 Fußballfeldern. Damit konnte der Funkverkehr des Gegners in bis zu 1000 Kilometern Entfernung verfolgt werden – und angeblich haben die DDR-Spione auf diese Weise sogar Telefonate des US-Präsidenten aus seiner Präsidentenmaschine Air Force One belauscht.

Dabei arbeitete der Mil-ND in höchstem Maße konspirativ. Um jedwedes Sicherheitsrisiko auszuschließen, zog die Zentrale des Geheimdienstes gleich fünf Mal innerhalb von Ost-Berlin um – ihr sechstes Domizil sollte dann ein wohl auch gegen Atomschläge gehärteter Hochbunker in der Köpenicker Oberspreestraße, genannt „Objekt 17/8618“, werden. 

Die geringe Zahl der enttarnten Agenten zeugt von der Professionalität der DDR-Militäraufklärung. Zu den wenigen aufgeflogenen Personen gehörten Dieter Popp und Egon Streffer alias „Asriel“ und „Aurikel“, die 20 Jahre lang Geheimunterlagen des Planungsstabes im Bundesverteidigungsministerium an den Mil-ND verhökerten. „Kundschafter“ wie das Homosexuellen-Duo Popp und Streffer bescherten den Aufklärern der NVA zuletzt rund 1500 Meldungen und vertrauliche Dokumente pro Jahr. Wie Untersuchungen von Experten der Bundeswehr nach 1990 ergaben, war dabei nur ein Promille der übermittelten Informationen fehlerhaft gewesen. 

Diese Erfolge gelangen erstaunlicherweise trotz mehrerer interner Skandale. So ging der erste Chef des Mil-ND, Generalmajor Karl Linke, einer CIA-Agentin namens Anna Kubiak auf den Leim. Der Nachfolger des daraufhin Geschassten, Oberst Willy Sägebrecht, stürzte wiederum über die Fahnenflucht seines Stellvertreters Siegfried Dombrowski. Und der NVA-Aufklärungschef Nummer vier, Generalleutnant Theo Gregori, veruntreute in größerem Umfang Volksvermögen. Das nutzte der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, zum Sturz von Gregori, in dessen Folge plötzlich der oberste MfS-„Maulwurf“ in der Mil-ND-Zentrale, Johannes Pfotenhauer, von „Unbekannten“ erdrosselt wurde. 

Am 28. Mai 1983 rang Mielke dem Ministerium für Nationale Verteidigung, das bis dahin formell die alleinige Kontrolle über den Mil-ND ausgeübt hatte, eine „Grundsatzvereinbarung“ ab, mit der das DDR-Militärspionagewesen faktisch unter die Aufsicht der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung geriet, die bislang nur für die Spionageabwehr innerhalb der Nationalen Volksarmee zuständig zeichnete. Seitdem gingen die Berichte des Mil-ND allesamt an das Lagezentrum der HVA, wohingegen diese keinerlei Auskunftsverpflichtungen gegenüber dem angeblichen „Partnerdienst“ hatte.

Den Aussagen von Überläufern zufolge war aber wohl auch schon der dritte Mil-ND-Chef, Generalleutnant Arthur Franke, ein Mann Mielkes gewesen. Denn sonst hätte er wohl kaum die spektakuläre Scheithauer-Affäre überstanden. 1967 kam heraus, dass der Abteilungsleiter in der „Verwaltung Aufklärung“, Major Helmut Scheithauer, seine beiden nicaraguanischen Gewährsleute José Kautz-Coronel und Julio Torrentes-Avellan erschossen hatte, um die Unterschlagung von deren Agentenlöhnen zu verdecken. Daraufhin stellte der Stasichef Franke den MfS-Generalmajor Alfred Scholz, der später noch zu seinem Stellvertreter avancieren sollte, als Aufpasser zur Seite. Außerdem platzierte die MfS-Haupt­ab­te­ilung I (Überwachung und Absicherung der NVA und Grenztruppen; Tarnbezeichnung: „Verwaltung 2000“) peu à peu Dutzende „Offiziere im besonderen Einsatz“ und mehrere hundert Inoffizielle Mitarbeiter im Mil-ND, sodass die Stasi über dessen Interna bestens Bescheid wusste.

Für all das revanchierten sich die Aufklärungsspezialisten der NVA, indem sie verhinderten, dass HVA-Mitarbeiter nach der Stasi-Auflösung bei ihren „Kollegen“ von der Armee unterkrochen. Allerdings wurde der Mil-ND bald ebenso abgewickelt. Der letzte Verteidigungsminister der DDR, Admiral Theodor Hoffmann, wies den Nachrichtendienst am 16. März 1990 an, seine Arbeit einzustellen und sämtliche Unterlagen, „die zur Aufdeckung von Personendaten führen können“, zu vernichten. Und da zu diesem Zeitpunkt alle Augen auf die Stasi gerichtet waren, gelang das auch ohne jedwede Komplikation – sicher sehr zur Freude der zahlreichen bis heute unenttarnt gebliebenen Mil-ND-„Kundschafter.“