28.01.2022

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17.08.18 / Entwicklung des Steinkohlebergbaus in Europa

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 33-18 vom 17. August 2018

Entwicklung des Steinkohlebergbaus in Europa
Dirk Klose

Schwarze Fahnen wehen an der Ruhr nicht. Dabei wäre der Anlass gegeben, denn zum Jahresende läuft in Deutschland der Steinkohlebergbau endgültig aus. Dann ist eine große Ära deutscher Industriegeschichte zu Ende. Merkwürdig ist, dass dies der Öffentlichkeit kaum bewusst ist, ja, dass es auch niemanden mehr  – selbst im Ruhrgebiet –wirklich interessiert. Die großen Schlachten sind längst geschlagen, wo Zechen und Fördertürme bleiben, werden sie zu Museen und Schauobjekten. 

Dem an der Universität Freiburg lehrenden Wirtschaftshistoriker Franz-Josef Brüggemeier kommt das Verdienst zu, den überfälligen Nachruf zu schreiben. Dabei beschränkt er sich nicht auf Deutschland, sondern nimmt die Steinkohleförderung in ganz Europa seit Mitte des 18. Jahrhunderts in den Blick. Das Buch „Grubengold“ ist ein großer Wurf, es deckt alle Facetten des Bergbaus ab. Brüggemeier berücksichtigt gleichermaßen die unglaubliche Entwicklung der Technik, behandelt speziell die Montanwirtschaft, um dann seine Industriegeschichte (fast zwangsläufig) in eine allgemeine politische Geschichte münden zu lassen, geht auf soziale Aspekte des Bergbaus ein, in seinen Anfängen zumal die skandalöse Kinderarbeit, die Härte der Arbeit unter Tage mit ständiger Gefährdung der Bergleute durch Einstürze, Wassereinbrüche und Explosionen, sowie Zwangsarbeit in den beiden Weltkriegen – das alles ist hochkonzentriert geschrieben und zugleich so verständlich, dass der Leser fast atemlos von Seite zu Seite eilt.

„Kohle hat unsere Welt verändert, im Positiven wie im Negativen“, schreibt er gleich zu Beginn. In der Tat, die Kohlegewinnung war es, die die Industrialisierung vorantrieb und Europa seit dem 19. Jahrhundert einen uneinholbaren Vorsprung vor den großen Mächten Asiens und Lateinamerikas sicherte. Europa hatte jetzt genügend Energie, um leistungsfähige andere Industrien aufzubauen, insbesondere Eisen und Stahl, später dann auch die chemische Industrie, als es gelang, aus der Steinkohle immer mehr Rohstoffe herauszufiltern. Wie so oft, war auch hier der Krieg ein Motor, als es beispielsweise den Deutschen 1940 gelang, aus Kohle Benzin zu filtern, wodurch eine ausreichende Versorgung von Heer und Luftwaffe gesichert war.

Kohleförder- und Kohleexportland war unbestritten Großbritannien, wo schon um 1800 industriemäßig Kohle abgebaut wurde. An zweiter Stelle stand Deutschland, weitere Großproduzenten waren Frankreich, Belgien und das Donezbecken. Brüggemeier geht all diese Länder chronologisch durch und zeigt die unterschiedlichen Entwicklungen. Überall war der Bergbau klassenkämpferisch geprägt. Einer selbstbewussten Arbeiterschaft standen harte, gegenüber gewerkschaftlichen Forderungen kompromisslose Eigentümer gegenüber. Die zahllosen Streiks in allen Ländern wurden mit großer Erbitterung ausgefochten (in Erinnerung bleibt der ruinöse Streik in England zwischen der Regierung unter Margret Thatcher und den Bergarbeitern unter Arthur Scargill). Oft genug zogen dann allerdings doch die Bergleute den Kürzeren. 

Das Ende kam dann ziemlich abrupt. Seit den 1960er Jahren verdrängten Erdöl und Erdgas mehr und mehr die Kohle, das große Zechensterben an Ruhr und Saar begann, und alle herzbewegenden Demonstrationen und Appelle halfen letztlich nichts. Bund und Länder haben seitdem über 200 Milliarden Euro an Subventionen und Übergangshilfen gezahlt. Immer wieder ist diskutiert worden, ob man das nicht alles billiger und vor allem früher hätte haben können. 

Es ist ein hochspannendes Tableau, das der Autor hier ausbreitet, nüchtern und ohne Nostalgie, was der ganzen Darstellung zugutekommt. An manchen Stellen denkt man, er hätte vielleicht doch noch etwas mehr die sozialen Aspekte berücksichtigen können, denn solche „Maloche“ wie im Bergbau gibt es in der Tat nur in wenigen anderen Berufen. Nicht von ungefähr mussten noch in unserer Zeit viele Bergleute aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig ausscheiden. 

Im Ruhrgebiet haben sich dieser Tage 17 Museen zu einem Mammutprojekt „Kunst und Kohle“ zusammengeschlossen, um Abschied zu nehmen. Am 31. Dezember wird man im Fernsehen noch einmal eine Bergmannskapelle aufziehen sehen, dann werden die restlichen 3500 Bergleute entweder in Rente gehen oder  in andere Berufe wechseln. Es bleibt die Braunkohle, die nach wie vor im Rheinischen Revier und in der Lausitz abgebaut, über deren Ende aber inzwischen ebenfalls heftig gestritten wird.

Franz-Josef Brüggemeier: „Grubengold. Das Zeitalter der Kohle von 1750 bis heute“, C.H. Beck Verlag, München 2018, gebunden, 456 Seiten, 29,95 Euro