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31.08.18 / Die »innere« Einheit Deutschlands? / Wem die deutsche Vereinigung zu verdanken ist

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-18 vom 31. August 2018

Die »innere« Einheit Deutschlands?
Wem die deutsche Vereinigung zu verdanken ist
Friedrich-Wilhelm Schlomann

Bald ist es drei Jahrzehnte her, dass die staatliche deutsche Vereinigung erfolgte. Zu einer inneren Einheit indes kam es bisher nur bedingt. Gerade in jüngster Zeit mehren sich die Stimmen von Menschen, die damals die DDR-Diktatur bekämpften und heute den Westen überaus kritisch sehen.

Nach dem Fall der Mauer spielten sich bundesdeutsche Politiker wie Egon Bahr oder Joschka Fischer, die noch wenige Monate zuvor die Wiedervereinigung verteufelt hatten, nunmehr als die Helden der Einheit auf. Ex-Kanzler Helmut Schmidt bezeichnete sich vor dem Bonner Verein der Auslandspresse ebenso wahrheitswidrig als einziger Politiker, der die Entwicklung vorausgesehen habe. 

Zur Bekräftigung dieser neuen Haltung wurde stets das Wort Willy Brandts zitiert, gemäß dem nun zusammenwachse, was zusammengehöre. Indes war damit keineswegs die deutsche Einheit gemeint. Noch am 6. Dezember 1989 wünschte sich der vormalige Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende in der Marienkirche Rostocks „eine neue Art von deutschem Bund“. Eine Wiedervereinigung könne er sich nur schwer vorstellen. 

Große Verbitterung löste das Auftreten der sogenannten Wessies in der Ex-DDR aus, als seien sie die Sieger der Geschichte. Hatten die sogenannten Ossies in ihrer gutgläubig-sehnsüchtigen Haltung eine herzliche Umarmung ihrer Landsleute aus dem Westen erhofft – die es in den ersten Stunden nach dem Mauerfall auch tatsächlich gab –, so blieb die Haltung der Westdeutschen zumeist hölzern. Bald fragte sich die Bevölkerung in den sogenannten neuen Ländern, was bei denen in den „alten“ stärker ausgeprägt sei – deren Arroganz oder deren Ignoranz. 

Im Westen hieß es, die „wirklichen Gründe“ der Vereinigung seien „die Beharrlichkeit und Opferbereitschaft der Westdeutschen und Westberliner, ein entscheidender Faktor war der unbeirrbare Glaube der Mehrheit der Deutschen in Westdeutschland in die Wiedervereinigung“. In typischer Selbstgerechtigkeit wurde nicht selten verlangt, den neuen Politikern in Mitteldeutschland „westliche Freiheitswerte“ beizubringen, bevor diese in wichtige Positionen kämen. Waren sie, die für die Freiheit und Einheit Deutschlands kämpften, politische Untermenschen? Ein CDU-nahes Zentrum in Königswinter sah die Ursache der Vereinigung im westdeutschen Rechtsstaat und seiner Wirtschaftskraft, als hätten die Menschen in der DDR überhaupt nicht existiert. 

Symptomatisch ist die im Sommer 2009 in den Medien groß betriebene Kampagne „60 Jahre Deutschland“. Gemeint war wohl die so lange Existenz der Bonner Verfassung, die indes nur im Westen galt. Die Bundesrepublik war niemals mit Deutschland gleichzusetzen, sie war lediglich ein Teil. Menschen der Ex-DDR werden auch heute noch oftmals als Staatsbürger zweiter Klasse und flächendeckend als Stasi-Spitzel verdächtigt. Immer noch denkt jeder zweite Deutsche in den Kategorien Ost und West. 

Die Angehörigen des Staatssicherheitsdienstes behaupten auch heutzutage, lediglich im Einklang mit der DDR-Verfassung gehandelt zu haben. Ihre Namensnennung in der Öffentlichkeit, klagen sie vor Gericht, verletze ihr Persönlichkeitsrecht. Sie hätten das Recht „in gewählter Anonymität zu bleiben“. Völlig unverständlich bleibt, dass von den 91000 Stasi-Angehörigen lediglich 33 Offiziere verurteilt wurden – in der Regel zur Bewährung. Nur ein einziger musste die Gefängnisstrafe antreten. Bei den Mauerschützen gab es 3000 Ermittlungsverfahren, doch nur bei 331 kam es zu einem Urteil – von denen 100 Freispruch lauteten. Große Nachsicht wurde auch gegenüber den vielen Bundesbürgern gewährt, die für die DDR spioniert hatten. Lediglich 31 gingen ins Gefängnis. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die persönliche Verstrickung in diese Diktatur zum Kavaliersdelikt. Bereits vor Jahren wurden in den Landesverwaltungen jener „neuen Länder“ über 17000 Hauptamtliche der Stasi eingestellt. Sogar der Bund übernahm fast 2600 Stasi-Mitarbeiter. Wen überrascht es noch, wenn bei der Berechnung ihrer Altersbezüge einstige Systemträger ihre Unterdrücker-Tätigkeit inzwischen als Lebensleistung anerkannt bekommen. Das Bundesverfassungsgericht glaubte, ihre bisherigen Luxus-Renten unter den Eigentumsschutz der Westdeutschen stellen zu müssen. 

Erst 18 Jahre nach der Vereinigung interessierte sich das gesamtdeutsche Parlament für eine Sonderrente für politische DDR-Häftlinge. Das Ergebnis ist, dass der deutsche Staat alljährlich vier Milliarden Euro für DDR-Staatsdiener zahlt, davon 212 Millionen für frühere Stasi-Angehörige, und 70 Millionen Euro für die 48000 Empfänger jener Opferrente. Es ist unvorstellbar, aber Tatsache: Wenn jemand im Zuchthaus Bautzen zehn Jahre als Wärter tätig war und politische Häftlinge drangsalierte, erhält er eine höhere Rente, als wenn man dort 20 Jahre in politischer Haft einsaß. Man hatte weltfremdes Bundesrecht erhalten, die erhoffte Gerechtigkeit gab es nicht. 

Die Männer und Frauen, die im Widerstand waren und einer Verhaftung entgingen, erhielten weder von Bonn noch von Berlin bis heute auch nur ein einziges Wort des Dankes. Jedes Land der Welt hätte jenen Menschen, die für die Freiheit ihr Leben einsetzten, geehrt – in Deutschland blieb bisher jegliche Würdigung aus. 

Es waren auch nicht die Bürgerrechtler, die das Ende der DDR-Diktatur herbeiführten. Ihr Ziel war nicht die Einheit, sondern eine reformierte, menschenfreundlichere DDR – letztlich eine Utopie. Ihnen indes ist zu verdanken, dass die Menschenmassen mobilisiert wurden. 

Entscheidend waren die 70000 Demonstranten am 9. Ok­tober 1989 in Leipzig. die trotz aller Androhungen der bewaffneten DDR-Truppen mit ihrem Ruf „Wir sind das Volk!“ auf die Straße gingen und erstmals die Stasi und die verschiedenen Polizeieinheiten zwangen, vor dem Volk zurückzuweichen. Diese Stunden waren der Beginn des Endes der DDR. Bezeichnend für das Unwissen des Bonner Bundeskanzleramtes über die dortige Bevölkerung war sein Anruf am nächsten Tage bei der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND), ob es sich bei jenen Demonstranten um westdeutsche Neonazis gehandelt habe. 

Die DDR allein von außen zu verstehen, ist offenbar nahezu unmöglich. Dafür wären noch sehr viele Erkenntnisse erforderlich, die man vielleicht gar nicht haben will. In selten selbstkritischer Art hieß es Mitte April dieses Jahres in einem Leserbrief einer West-Berliner Zeitung: „Vermutlich können nur die Ostdeutschen nachvollziehen, was es bedeutet, mehr als 40 Jahre lang ein erzwungenes Leben zu führen. Uns Wessis fehlt dafür jedes Gespür. Und wie lange es dauert, bis die Wunden verheilt sind, falls es dazu kommt“.





PAZ-Autor Friedrich-Wilhelm Schlomann wird 90

Lebensstationen im Ticker

5.8.1928 Geburt +++ 1945 Eintritt in die Wehrmacht +++ 26.4.1945 Abschuss eines T-34 und Verwundung durch 30 Granatsplitter +++ 5.5.1945–1.7.1945 Britische und US-amerikanische Kriegsgefangenschaft +++ 7.7.1945 Heimkehr nach Schwerin +++ 2.1.1946 Eintritt in die CDU +++ 17.6.1948 Abitur und anschließende Aufnahme eines Jurastudiums in Rostock +++ 1950 Verhaftung nach widerständiger Arbeit und Flucht nach West-Berlin +++ Herbst 1950 Fortsetzung des Studiums an der Universität Freiburg im Breisgau +++ 1954 Erstes juristisches Staatsexamen in der Bundesrepublik +++ 1956 Erstes juristisches Staatsexamen in der Schweiz und Promotion +++ 1959 Zweites juristisches Staatsexamen vor dem Oberlandesgericht in Stuttgart und Aufnahme einer Beschäftigung im Bereich des Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen +++ 1961–1970 Wissenschaftlicher Angestellter in der Psychologischen Kampfführung der Bundeswehr +++ 1970–1992 Angestellter im Abhördienst der „Deutschen Welle“+++ ab 1992 Gastvorlesungen an der Universität Zürich und Tätigkeit als Artikelautor, unter anderem für die PAZ