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14.09.18 / Verzweifelt an Gott und dem System / Die Selbstverbrennung des Pfarrers Rolf Günther rief die Stasi auf den Plan

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 37-18 vom 14. September 2018

Verzweifelt an Gott und dem System
Die Selbstverbrennung des Pfarrers Rolf Günther rief die Stasi auf den Plan
Klaus J. Groth

Die Tat, die vor 40 Jahren den Ort Falkenstein im Vogtland erschütterte, ist bis heute dort nicht vergessen. Am 17. September 1978 verbrannte sich Pfarrer Rolf Günther vor den Augen der Gottesdienstbesucher. 

Wenn Pfarrer Günther predigte, war die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Die Gemeinde mochte ihn und seine unkonventionelle Art, den Gottesdienst zu feiern. An diesem Sonntag im Herbst saßen rund 300 Menschen im Kirchenraum. Nach dem Lied „Wir glauben all an einen Gott“ hatte Günther die Mädchen und Jungen zum Kindergottesdienst ins Gemeindehaus geschickt. Die Erwachsenen waren nun unter sich. Der Pfarrer verschwand kurz in der Sakristei und kam mit zwei großen Milchkannen zurück. Die Gemeinde schmunzelte. Was hatte er sich nun wieder ausgedacht? Die Bibelfesten unter ihnen glaubten, er werde auf das 2. Buch Mose zu sprechen kommen, in dem von Kanaan die Rede ist, dem Land, in dem Milch und Honig fließen, und auf die schlechte Versorgungslage in der DDR anspielen. Das war dem streitbaren Pfarrer zuzutrauen.

Was dann geschah, war unfassbar. Günther entrollte ein Plakat mit der Aufschrift „Wacht endlich auf“. Ein beißender Geruch breitete sich aus. Der Pfarrer hatte seinen Talar in der Sakristei mit Benzin getränkt. Dann schüttete er die Milchkannen vor sich aus. Benzin! Günther hielt die Ärmel seines Talars in die Kerzen auf dem Altartisch und stand im Nu in hellen Flammen. Das Feuer ergriff den Altar und den Altarraum. Schreiend lief die Gemeinde nach draußen. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Pfarrer Günther war nicht mehr zu helfen. Feuerwehrleute bargen seinen Leichnam.

Ein Motiv war schnell gefunden. Der 41-jährige alleinstehende Günther fühlte sich von Kollegen und Vorgesetzten gemobbt. Immer wieder gab es Streit um kirchliche Fragen. Günther sollte die Gemeinde nach zehnjähriger Tätigkeit verlassen, was er als Strafversetzung empfand. Günther, ein frustrierter, labiler Mensch, hatte also aus Rache Selbstmord begangen. Ein politischer Hintergrund erschien ausgeschlossen.

Es war das zweite Mal, dass sich ein Pastor in der DDR öffentlich verbrannte.

Erst zwei Jahre zuvor hatte sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz vor der Kirche St. Michaelis im sachsen-anhaltischen Zeitz angezündet. Beide Fälle weisen Parallelen auf. Wie Günther war Brüsewitz bei seiner Gemeinde sehr beliebt und füllte das Gotteshaus, galt aber der Landeskirche als Störfaktor. Seine Aktionen und Installationen waren dort gefürchtet. Er verhöhnte die SED-Parole „Ohne Gott und Sonnenschein fahren wir die Ernte ein“ mit einem Plakat, auf dem stand „Ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott“. Ein großes Kreuz aus Glühlampen an seiner Kirche leuchtete provozierend. Die Landeskirche legte ihm die Versetzung auf eine andere Pfarrstelle oder eine Übersiedelung in den Westen nahe.

Am 18. August 1976 entrollte er vor der Michaeliskirche in Zeitz zwei Plakate mit fast gleichlautendem Text: „Funkspruch an alle – Funkspruch an alle – Wir klagen den Kommunismus an wegen Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen“ und „Funkspruch an alle – Funkspruch an alle – Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen“. Dann übergoss er sich mit Benzin und zündete sich an. Stasi-Mitarbeiter, die Brüsewitz längst observierten, rissen die Plakate ab und ließen den Schwerverletzten in die Klinik bringen, wo er vier Tage später starb. 

Da sich der Vorfall nicht verheimlichen ließ und westdeutsche Medien darüber berichteten, stellte die SED den Pfarrer als psychisch Kranken, als Verrückten dar. Doch die intellektuelle Opposition in der DDR mit dem Liedermacher Wolf Biermann versammelte sich geschlossen hinter Brüsewitz. Das „Fanal von Zeitz“ gilt als Geburtsstunde der Bürgerrechtsbewegung, die letztlich zum Ende der DDR führte. 

Auch wenn politische Gründe bei Günther keine erkennbare Rolle spielten, äußerst unangenehm war das „schmerzliche“ Geschehen von Falkenstein für die sächsische Landeskirche dennoch, wie alles, was die Situation der Kirchen in der DDR noch erschwerte und zu weiteren Repressalien führen konnte. 

Die Christen waren der Stachel im Fleisch der Kommunisten. Sie erwiesen sich als immun gegen die Verheißungen eines sozialistischen Paradieses. Die kirchlichen Institutionen waren der SED von Anfang an verhasst. Sie betrachtete das Christentum als den „stärksten legalen Stützpunkt des Imperialismus in den sozialistischen Ländern“, wie der Minister für Staatssicherheit, Ernst Wollweber, es 1957 ausdrückte. 

Für die DDR-Oberen war die Selbstverbrennung Günthers ein gefundenes Fressen. Ein Mensch, der in der christlichen Gemeinschaft so gepeinigt wurde, dass er sich auf so grausame Art das Leben nahm, enttarnte die Bigotterie der Kirchenleute. Bisher war es der Stasi nur vereinzelt gelungen, Inoffizielle Mitarbeiter in Kirchenvorstände und Pfarreien einzuschleusen. Der Fall Falkenstein wurde Anlass für einen Großangriff, mit dem die Staatssicherheit die Landeskirchen, besonders die in Sachsen, unterwanderte und das Vertrauen der Mitarbeiter untereinander erschütterte. 

Schuldzuweisungen gab es genug. Die Kirchengemeinde in Falkenstein warf der Landeskirche vor, die Probleme um Günther gekannt und nicht schlichtend eingegriffen zu haben. Die wertete den Fall als „Verkettung unglück­licher Umstände“. In einer Pressemitteilung der Gemeinde hieß es zum 30. Jahrestag der Selbstverbrennung: „Wir erklären, dass in unserer Kirchgemeinde niemand Pfarrer Rolf Günther für seine Tat verurteilt … Die Tat Pfarrer Günthers war nicht die Tat eines Helden oder Märtyrers, sondern ein unverantwortlicher Selbstmord, der rund dreihundert Gottesdienstbesucher gefährdete. Aus diesem Grunde ist eine Gedenkveranstaltung nicht angebracht. In zeitlicher Nähe zum Tag der Selbstverbrennung erinnert die Gemeinde von Zeit zu Zeit im Gottesdienst an das damalige Geschehen und die von Gott geschenkte Bewahrung.“