13.08.2022

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28.09.18 / Gewichtiges Werk zur »Endlösung«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-18 vom 28. September 2018

Gewichtiges Werk zur »Endlösung«
Konrad Löw

Der 1956 in London geborene und 2015 dort verstorbene britische Historiker David Cesarani stellt in seinem posthum erschienenen Buch „Endlösung. Das Schicksal der Juden 1933 – 1948“ einleitend fest: „Der Holocaust war noch nie so allgegenwärtig wie heute. Noch nie ist er so intensiv untersucht, so verbreitet gelehrt und so häufig zum Thema von Romanen und Spielfilmen gemacht worden.“ Man gedenke seiner weltweit als „Inbegriff des Bösen“. 

Warum dennoch ein neues Werk, das die anderen einschlägigen Veröffentlichungen an Umfang übertrifft? Seine Antwort: Es bestehe eine große Kluft zwischen dem aktuellen Forschungsstand und dem allgemeinen Wissen zum Thema. Wer die Materie kennt, kann ihm nur beipflichten. Doch kann ein so gewichtiges Opus die Wissenslücke schließen, wird es viele Leser finden? 

Auch wer die Frage verneint, kann schwerlich umhin, das redliche Bemühen zu begrüßen. Gerade wir Deutsche sollen dieses Bestreben unterstützen, da Deutschland für den Holocaust der Hauptverantwortliche ist und auf Dauer damit belastet bleibt. Doch wenn ein so schwerwiegender Vorwurf „Inbegriff des Bösen“  den Gegenstand der Anklage bildet, soll es unser Anliegen sein, dass tunlichst die ganze Wahrheit aufgetischt wird, und dazu leistet Cesarani einen verdienstvollen Beitrag.

Das Buch will eine Gesamtdarstellung sein, doch der Schwerpunkt liegt – dem Titel entsprechend – eindeutig auf den Juden. Der Stoff ist in acht Kapitel gegliedert und beginnt – wie kaum anders zu erwarten – mit „Das erste Jahr – 1933“. Im letzten geht es auch noch um die Nachkriegsära, da nicht alle Befreiten in ein eigenes Heim zurückkehren konnten oder wollten, wie dies Victor Klemperer möglich war, dessen Haus am Rande von Dresden den Krieg gut überstanden hatte. Insofern widerspricht der Buchtitel der Kapitelüberschrift, die da lautet: „VIII. Das letzte Jahr 1944–1945“. (Die Originalausgabe trägt sogar den Titel: „Final Solution. The Fate of the Jews 1933–1949“).

Schon die Einleitung lässt darauf schließen, dass es dem Autor um die nackte historische Wirklichkeit geht, sei sie gelegen oder ungelegen, so wenn er schreibt: „Aber da sie (die Bildungsprogramme, d. Red.) darauf abzielen, Rassismus zu bekämpfen, liegt ihr Schwerpunkt auf den Verbrechen der Deutschen … Auf die schreck­lichen Dinge einzugehen, die von Juden begangen wurden, wäre so, als würde man den Opfern die Schuld geben.“

Er beginnt mit dem Nachweis, dass die NSDAP, also Hitlers Partei, „nicht wegen ihres Antisemitismus an die Macht gelangte“, eine Sicht, die gerade mit Blick auf die Beurteilung der Wähler Hitlers von Gewicht ist. Hitler verfolgte vor allem das Ziel, die deutsche Machtposition wiederherzustellen. In den NS-Publikationen bis einschließlich März 1933 spielte Antisemitismus keine größere Rolle.

Nachdem die Nationalsozialisten die Macht erlangt hatten, kam es zwar gleich zu schweren antisemitischen Exzessen, aber sie waren nicht von ganz oben angeordnet, sondern „nur“ geduldet. Noch konnten sich die Betroffenen mit Aussicht auf Erfolg an die Behörden und Gerichte wenden. Selbst auf Hitler setzten manche ihr Vertrauen: „Verehrter Herr Reichskanzler, wie Sie den Kampf jahrelang für Ihre Sache geführt haben, genauso möchte ich den Kampf für meine Glaubensgenossen führen.“ Der Brief blieb ohne Antwort.

Ausführlich schildert der Autor, wie in den Jahren nach 1934 viele Juden einen Modus Vivendi fanden, der den Verbleib im Reich verständlich macht – zum Missfallen der fanatischen Gefolgsleute des „Führers“. Nachdem die Olympischen Spiele 1936 das internationale Ansehen des Dritten Reiches gefestigt und große deutschsprachige Gebiete ohne Gewalt „heim ins Reich“ gefunden hatten, sollte endlich Hitlers Veterinärphilosophie in die Tat umgesetzt werden. Näheres dazu eingehend im Kapitel „Pogrom – 1938–1939“, der nun genau 

80 Jahre zurückliegt. Im Oktober 1938 wurden die in Deutschland lebenden Polen gewaltsam repatriiert, nachdem ihnen Polen mit der Entlassung aus der Staatsangehörigkeit gedroht hatte.

Herschel Grynszpan, selbst ein Betroffener, der aber in Paris lebte, glaubte, er müsse das Los seiner Eltern rächen, die nach Polen verschleppt worden waren, kaufte sich eine Pistole und schoss auf einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft, der am 9. November seien Verletzungen erlag. Der junge Mann löste damit einen Pogrom aus, wie ihn Deutschland noch nie erlebt hatte. Der Mord wurde von Goebbels und Gefolge dem Weltjudentum angelastet. 

Hunderte Juden fanden den Tod, als Mordopfer, durch Selbstmord oder infolge der Leiden, die den Verhafteten in den Lagern Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen zugefügt worden waren, in die die Machthaber rund 30000 meist wohlhabende Juden eingeliefert hatten. Synagogen und Kaufhäuser wurden zerstört, Wohnungen geplündert und demoliert.

Cesarani lässt viele Zeitzeugen und Dokumente sprechen, wodurch die Schilderung an Anschaulichkeit und Glaubwürdigkeit gewinnt. Sie zeigen, dass es die vielbeschworene deutsche „Volksgemeinschaft“ nicht gab, dass denen, die den Pogrom begrüßten, eine deutliche missbilligende Mehrheit gegenüberstand.

Bei der Fülle des Gebotenen können sich auch Fehler einschleichen. So war Eva Klemperer keine Jüdin. Doch derlei mindert den Wert des gewaltigen Werkes nicht, das weiteste Verbreitung verdient.

David Cesarani „Endlösung. Das Schicksal der Juden 1933 – 1948“, Propyläen Verlag, Berlin 2016, gebunden, 1104 Seiten, 42 Euro