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05.10.18 / Das »Nazi-Archiv« der Stasi in der Villa Heike / Das archivierte Material diente der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen zur Erpressung und für Verleumdungskampagnen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 40-18 vom 05. Oktober 2018

Das »Nazi-Archiv« der Stasi in der Villa Heike
Das archivierte Material diente der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen zur Erpressung und für Verleumdungskampagnen
Michael Leh

Wer das frühere Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen besichtigt, sollte auch einen Blick auf die sehr nahe gelegene „Villa Heike“ werfen. In ihr war das „Nazi-Archiv“ der Stasi untergebracht. Es wurde für viele Kampagnen gegen Politiker und Beamte in Westdeutschland genutzt. Außerdem diente es der Überprüfung von DDR-Funktionären sowie der Erpressung und Anwerbung von Informanten. 

Die 1910 erbaute Villa steht in der Freienwalder Straße 17 und war ursprünglich das Wohn- und Geschäftshaus des Fleischmaschinenfabrikanten Richard Heike. Sie ist nur rund 100 Meter vom Eingang des früheren Stasi-Gefängnisses in der Genslerstraße 66 entfernt und schon von dort aus zu sehen. Das repräsentative Gebäude wurde 1945 von den Russen beschlagnahmt. Der Unternehmer Heike und seine Haushälterin wurden erschossen. Sein Sohn wurde in ein Arbeitslager in der Sowjetunion deportiert, wo er ums Leben kam. 

Nach 1989 stand die imposante Villa mit 1800 Quadratmetern Grundfläche leer und war vom Verfall bedroht. Zunächst hatte sie der Lebensmittelkonzern Lidl samt zugehörigen Grundstücken gekauft. Links neben der Villa hat Lidl eine Filiale errichtet. Mit der Villa wuss­te Lidl aber anscheinend nichts anzufangen und hat sie wieder verkauft. Derzeit wird sie von den neuen Eigentümern saniert und mit Büro- und Atelierräumen ausgestattet. Die Fassade ist denkmalgeschützt. Nach der „Wende“ wurde die Heike-Villa vorübergehend auch als Wohnheim für Bürgerkriegflüchtlinge aus Bosnien benutzt. Trotz der laufenden Umbaumaßnahmen konnte die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen vor Kurzem eine Führung durch die Villa anbieten.

Vor dem Haus informiert eine Gedenktafel über die Geschichte des Gebäudes. Zunächst war dort nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine Verhörzentrale der sowjetischen Geheimpolizei. Auf dem angrenzenden Werksgelände, Freienwalder Straße 17–19, unterhielten die Russen bis 1948 ein Haftarbeitslager. Dort und in der Villa „kam es zu Misshandlungen der Gefangenen“, heißt es auf der Tafel. Im benachbarten Backsteingebäude in der Freienwalder Straße 16 hatte sich bis 1951 die Sowjetische Kommandantur, später der Sitz des Stasi-Wachkommandos für das Sperrgebiet befunden. In der „Heike-Villa“ hatte zunächst Anfang der 1950er Jahre das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seine „Hauptverwaltung Personenschutz“ für die Partei- und Staatsführung der DDR untergebracht.

Im Buch von Peter Erler und Hubertus Knabe „Der verbotene Stadtteil“ (Jaron Verlag) über den Stasi-Sperrbezirk heißt es: „Es war eine terra incognita: Bis ins Jahr 1990 waren Teile der Bahnhof- und der Genslerstraße sowie der Freienwalder und der Lichtenauer Straße im Ost-Berliner Stadtbezirk Hohenschönhausen in keinem Stadtplan der DDR verzeichnet. An Stelle der tatsächlichen Straßenverläufe war in den Karten nur eine leere Fläche zu sehen. Vor Ort traf der ahnungslose Passant auf geschlossene Blechtore, Wachtürme und bewaffnete Sicherheitskräfte.“

Im Jahr 1990 wurden die Bestände des NS-Archivs der Stasi vom Bundesarchiv und verschiedenen Landesarchiven übernommen. Wie Sabine Dumschat 2005 auf dem Deutschen Archivtag berichtete, umfasste es 1989 etwa 7000 bis 10000 Regalmeter. Die Sammlung bestehe vor allem aus personenbezogenen Unterlagen, aber auch aus Sachakten. Die Unterlagen seien „zum Teil nur fragmentarisch überliefert, größtenteils aus ihrem provenienzmäßigen Zusammenhang gerissen“ und zu neuen Dossiers zusammengefügt worden. Sie stammten „in erster Linie aus einer Vielzahl von Stellen des Behörden- und Parteiapparats des Dritten Reichs“, dabei auch aus von diesem angegliederten und besetzten Gebieten. Die Unterlagen beträfen hinsichtlich der NS-Zeit auch Österreich, die Niederlande, Belgien, Frankreich, Luxemburg, Italien, Norwegen, Dänemark, Polen, Tschechien, die Slowakei, die Ukraine, Weißrussland, Russland, Lettland, Litauen und Estland. Gemeinhin gelte 1953 als das Geburtsjahr des „Nazi-Archivs“. „Der Bezug zum Aufstand vom 17. Juni ist dabei nicht zufällig“, erklärte Sabine Dumschat, „wollte man in dem Ereignis doch das Ergebnis einer ,faschistischen‘ Provokation sehen. Dem ,Kampf‘ gegen alte und jung gebliebene Nazis sollten nun verstärkt auch Akten dienen.“

Das MfS habe sich in der propagandistischen „Entlarvung“ von NS- und Kriegsverbrechern in verantwortlichen Stellungen im öffentlichen Leben der Bundesrepublik Deutschland engagiert, um diese als angeblich „aggressiven, imperialistischen Staat in der Tradition des NS-Regimes zu demaskieren, der eine aktive Renazifizierung betreibe“. 

Politisch brisant seien besonders die „Braunbücher” und die „Ent­hül­lungs­kam­pag­nen” gegen Kurt Georg Kiesinger, Hans Globke, Heinrich Lübke und Theodor Oberländer gewesen. Weitere Kampagnen seien gegen Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums, der Polizei, der Bundeswehr sowie gegen die sogenannten „Blutrichter“ gelaufen. Außerdem gegen Wissenschaftler, vor allem Osteuropahistoriker, die man in der Tradition der „Ostforschung“ sah.

In seinem sehr lesenswerten Buch „Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien“ weist Hubertus Knabe noch auf mehrere weitere Kampagnen hin, bei denen man sich des NS-Archivs bediente. So etwa bei der Kampagne gegen den früheren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier, die er ausführlich schildert. „Der SED war Gerstenmaier vor allem deshalb ein Dorn im Auge“, erläutert Knabe, „weil er zu den erklärten Gegnern der Anerkennung der DDR gehörte“. Schon 1963 besaß das Ministerium für Staatssicherheit NS-Material über mehr als 100000 Menschen. Wie Knabe schreibt, wurden in einer 1964 gegründeten und von MfS-„Offizieren im besonderen Einsatz“ kontrollierten „Dokumentationsstelle“ binnen kurzer Zeit 8500 westdeutsche Staatsbeamte registriert und 50000 Karteikarten angelegt. 

Zuletzt habe eine Personenkartei über eine Million Karten umfasst. Sie waren Grundlage für die sogenannte Aktion „Nazi-Kamerilla“. Knabe: „In Zusammenarbeit mit dem KGB betrieb das MfS darin die ,Entlarvung‘ von Hunderten echter oder vermeintlicher ehemaliger Nationalsozialisten in der Bundesrepublik, wobei das Material, je nach Maßgabe, durch Dokumente aus eigener Fertigung ,vervollständigt‘ wurde, wie zwei ehemalige Mitarbeiter der Desinformationsabteilung nach der Wende enthüllten.“ Die „operative“ Verwendung von NS-Unterlagen durch die Stasi habe bis zum Untergang der DDR gedauert. Vor allem linke westdeutsche Medien, auch viele Journalisten öffentlich-rechtlicher Sender, ließen sich gerne mit Material aus den Händen der Stasi „füttern“.