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05.10.18 / Santorin, die zerfurchte Schönheit / Müll, Bauruinen und Luftverschmutzung entstellen das Antlitz der malerischen Agäis-Insel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 40-18 vom 05. Oktober 2018

Santorin, die zerfurchte Schönheit
Müll, Bauruinen und Luftverschmutzung entstellen das Antlitz der malerischen Agäis-Insel
Wolfgang Kaufmann

Die schwere Staats- und Finanzkrise der letzten Jahre hat Griechenland deutlich verändert. Dabei fiel der Wandel aber nicht überall gleich aus. So sorgte er auf der malerischen Ägäis-Insel Santorin weniger für Stagnation als vielmehr für eine drastische Verschlechterung der Umweltsituation.

Sie lärmen und stinken wie leibhaftige Ausgeburten der Hölle und zerstören restlos jede Romantik in den Dörfern rund um den alten Vulkankrater: die vierrädrigen Nervensägen namens Quad, deren Ökobilanz schlichtweg verheerend aussieht. Dennoch erfreuen sich diese Motorfahrzeuge auf Santorin wachsender Beliebtheit – nicht zuletzt, weil sie deutlich weniger kosten als ein Auto. 

Ansonsten resultiert die unablässige Quad-Parade aber ebenso aus dem anhaltenden Zustrom junger „spaßorientierter“ Urlauber. Obwohl die Umsatzsteuererhöhung von 2016 auf satte 24 Prozent zu erheblichen Preissteigerungen in der Tourismusbranche geführt hat, kommen aufgrund der einzigartigen Beliebtheit von Santorin inzwischen bis zu 120000 Gäste pro Tag auf die Insel. Das ist fast das Zehnfache von deren Einwohnerzahl!

Die hieraus erwachsenden Probleme sind unübersehbar. Dabei gibt es freilich noch deutlich schlimmere Luftverpester als die unzähligen Quads und im Übrigen auch die schwarzen Dieselwolken aus den Schornsteinen der Kreuzfahrtschiffe in der Caldera. Das sind die ausgedehnten Bimsstein-Brüche überall auf der Insel, welche lange Zeit gutes Geld brachten, weil die sogenannte „Santorin-Erde“ den perfekten Zuschlagstoff für Unterwasserzement abgibt, weshalb sie schon beim Bau des Suezkanals Mitte des 19. Jahrhunderts zum Einsatz kam. Die Tagebaue wurden zwar inzwischen stillgelegt, aber der Staub aus den aufgelassenen, in keiner Weise gesicherten Anlagen weht weiter über die ganze Insel und setzt sich überall nieder, bis er durch die Fahrzeugmassen wieder neu aufgewirbelt wird.

Ansonsten bilden nicht nur die ehemaligen Bimsstein-Brüche großflächige Narben in der Landschaft – für Letztere sorgte auch der extreme Bauboom in der Zeit vor der großen Krise. Erst wollte jeder ein großes Stück vom Tourismuskuchen abhaben, dann kam die Pleitewelle. Infolgedessen rotten nun zahlreiche hässlich-nackte Betonskelette an den schönsten Plätzen der Insel vor sich hin, weil weder das Geld zur Vollendung noch zum Abriss der Investionsruinen vorhanden ist. Hierdurch schrumpfte die Fläche für den traditionellen Weinanbau von 4500 auf 1500 Hektar, weshalb die Winzer nun gleichermaßen ums Überleben kämpfen müssen. Dabei genießt der santorinische Wein große Beliebtheit im In- und Ausland.

Ebenfalls so gar nicht mehr paradiesisch mutet das Meer um Santorin an: Es ist auffällig schmutzig geworden, und die Sicht unter Wasser beträgt nur noch wenige Meter. Das liegt vor allem an den eingeleiteten Abwässern aus den Dörfern und Ferienanlagen. Zwar existieren mittlerweile fünf teilweise von der Europäischen Union gesponserte Kläranlagen, wie man den Besuchern gern versichert, aber deren Wirkungsgrad ist eher dürftig. Da die Fäkalienbrühe nach ihrer „Reinigung“ durch mehrere hundert Meter lange Rohre in die Tiefe des Meeres gepumpt wird, sieht der Laie die Bescherung vom Ufer aus allerdings kaum.

Eine weitere Gefahr für die Wasserqualität in der relativ austauscharmen Caldera stellt das Wrack des griechischen Kreuzfahrtschiffes „Sea Diamond“ dar. Der Luxusliner der Gesellschaft Louis Hellenic Cruise sank am           6. April 2007 unmittelbar vor dem Fährhafen Athinios und liegt seitdem in rund 100 Metern Tiefe in gefährlicher Schräglage an einem unterseeischen Steilhang auf Grund. Aus dem Schiffskörper, dessen Bergung bisher aus Kostengründen unterblieb, strömt bis heute Dieselöl aus, das mit höchst provisorisch anmutenden Sperren zurückgehalten werden soll.

Außerdem herrscht permanente Süßwasserknappheit auf Santorin. Obschon es jetzt zwei Meerwasserentsalzungsanlagen gibt, kommt der Löwenanteil des kostbaren Nasses doch nach wie vor aus 40 Tiefbrunnen im Kalksockel des nichtvulkanischen Teils der Insel, welche den Bedarf kaum mehr zu decken vermögen. 

Schließlich benötigt jedes neu gebaute Hotel und jede trotz Krise fertiggestellte Ferienwohnanlage einen oder gar mehrere Pools; teilweise gehören diese Schwimmbecken sogar zur Ausstattung von einzelnen Luxus­apartments der gehobenen Preisklasse. Diese exorbitante Beliebtheit von Pools auf Santorin resultiert daraus, dass das „Inselparadies“ kaum über einladende Badestrände verfügt.

Strom wiederum wird auf dem Eiland in dem großen staatlichen Elektrizitätswerk am Flughafen erzeugt. Selbiges verbrennt das ebenso billige wie schadstoffhaltige russische Erdöl-Destillat Masut, was die Luftqualität noch weiter verschlechtert. Dahingegen finden sich keine Photovoltaik-Anlagen in nennenswertem Ausmaß auf der Insel, obwohl gerade in den besucher- und damit auch verbrauchsstarken Sommermonaten fast immer die Sonne scheint. 

Ebenfalls vergeblich sucht man Windräder, die von dem permanent wehenden Meltemi angetrieben werden könnten. Was ausnahmsweise aber doch eher ein Segen ist, denn damit blieb der ohnehin schon arg geschundenen Landschaft wenigstens diese Form von optischer Verschandelung erspart.

Und dann wäre da noch der allgegenwärtige Müll: Santorin             erstickt mittlerweile im Abfall seiner Besucher und Bewohner, denn Mehrwegverpackungen und Pfandflaschen sind nach wie vor die absolute Ausnahme. Im Bereich Mülltrennung beziehungsweise gar Müllvermeidung ist man über zaghafte Anfänge nicht hinausgelangt. Also bläst der Wind all die achtlos weggeworfenen Plastiktüten, Getränkedosen, Wasserflaschen und ähnlichen Unrat quer über die kahlen Flächen der Insel, bevor sie sich dann irgendwo in den Weinbergen oder einer Ortschaft verfangen und das Bild von „Der Schönsten“, wie schon die Phönizier das Eiland nannten, nachhaltig beschädigen. In puncto Müll – so der Eindruck auf den vielgereisten Besucher – herrschen auf Santorin Verhältnisse, wie sie sonst eigentlich nur in Ländern der Dritten Welt vorkommen.

Angesichts all dessen steht zu befürchten, dass Santorin auch ohne neuerliche Vulkanausbrüche oder Erdbeben in nicht allzu ferner Zukunft in einem dreifachen Kollaps enden wird: überrannt von viel zu vielen Menschen und erstickend in deren Unrat sowie krankend an galoppierendem Wassermangel, der am Ende sehr einschneidende und unpopuläre Maßnahmen nötig machen wird. 

Es sei denn, die Insel bekommt noch eine Chance, weil sie wieder in den Dornröschenschlaf früherer Zeiten fällt. Das könnte beispielsweise der Fall sein, wenn die „Geiz ist geil“-Mentalität vieler Urlauber zu einer verstärkten Umorientierung auf Reiseziele in der liraschwachen Türkei führt. Sonderlich wahrscheinlich ist das allerdings bei diesem populären Flaggschiff des Griechenland-Tourismus nicht. 

Denn die blauen Kuppeln der Kirchen hoch oben über dem Meer um Santorin, von denen Lidl kürzlich auf seinen Joghurt-Verpackungen die Kreuze wegretuschieren ließ, werden wohl auch zukünftig genügend Besucher anlocken, denen solch ein Anblick lieber ist als der von Moscheen und Bettenburgen an der türkischen Küste.





Neuer Vulkanausbruch befürchtet

Die griechische Kykladen-Insel Santorin (offiziell auch Thira genannt) erhielt ihren Namen zur Zeit der Errichtung der venezianischen Herrschaft über große Teile der Ägäis im 13. Jahrhundert. Zusammen mit den benachbarten Eilanden Thirasia und Aspronisi sowie Nea und Palea Kameni bildet sie den Überrest eines gewaltigen Vulkans, der vor etwa 3600 Jahren ausbrach und dann kollabierte, wodurch sich die heutige wassergefüllte Caldera bildete. 

Dabei wurde unter anderem die bronzezeitliche Großsiedlung Akrotiri zerstört, in der manche Wissenschaftler das sagenhafte Atlantis vermuten.

Heute leben auf dem 90 Quadratkilometer umfassenden Archipel mehr als 17000 Menschen – meist in pittoresken Siedlungen hoch oben auf dem Kraterrand. Viele davon waren dem schweren Erdbeben vom 9. Juli 1956 zum Opfer gefallen und mussten weitgehend neu aufgebaut werden. Seit 2011 zeigt sich nun auch der Vulkan unter der Caldera wieder recht aktiv. Deshalb sagen manche Geologen eine baldige neue Eruption voraus.  W.K.