20.05.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
05.10.18 / Der Stoff zur Freiheit / Mit einem selbstgenähten Ballon floh eine Familie 1979 in den Westen – Die Geschichte ist jetzt im Kino

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 40-18 vom 05. Oktober 2018

Der Stoff zur Freiheit
Mit einem selbstgenähten Ballon floh eine Familie 1979 in den Westen – Die Geschichte ist jetzt im Kino
Silvia Friedrich

Mit einer Mauer und Schießanlagen an der Grenze sperrte die DDR einst ihre Bürger ein. Wer die Hindernisse überwinden wollte, musste sich etwas Besonderes einfallen lassen. Eine Flucht im Ballon zum Beispiel.

Die Älteren unter uns werden sich erinnern. Da gab es 1982 eine Disney-Verfilmung dieser spektakulären Ballonflucht mit dem Titel „Mit dem Wind nach Westen“. Es war etwas schwierig, den Hollywoodstars die verzweifelten DDR-Bürger ab­zunehmen, die ihr Land per Flucht verlassen wollten. Wirkten sie doch, als hätte man sie wahllos in mitteldeutsche Kulissen gestellt. 

Fast 40 Jahre später ist nun das Kino-Remake „Ballon“ auf den Markt gekommen. Produziert hat es Michael „Bully“ Herbig, ein Multitalent, das viele völlig zu Unrecht in eine Humorecke verbannten, die dem rührigen Münchener inzwischen viel zu eng geworden ist. 

Basierend auf der wahren Geschichte der Familien Strelzyk und Wetzel erzählt der Erfolgsregisseur, der mit „Der Schuh des Manitu“ bleibende Spuren in der Filmlandschaft hinterlassen hat, in dem fesselnden Kinothriller „Ballon“ die wahrscheinlich spektakulärste Flucht, die es in Zeiten der beiden deutschen Staaten je gegeben hat. Im Sommer 1979 wollten zwei Familien mit ihren Kindern aus Thüringen fliehen, doch der erste Versuch scheiterte. Der Ballon stürzte kurz vor der Grenze ab. Von da ab war die Stasi den vermeintlichen Straftätern auf der Spur. 

Da die Familien, die dieses lebensgefährliche Unterfangen durchführten, nach ihrer gelungenen Flucht die kompletten Rechte ihrer Lebensgeschichte für „immer und ewig“ an den Disney-Konzern verkauft hatten, schien das Projekt schon im Vorfeld zu scheitern. Doch Herbig gab nicht auf. Mithilfe des in den USA lebenden deutschen Produzenten und Re­gisseurs Roland Emmerich („Independence Day“) und nach zähen Verhandlungen mit Disney gab es endlich grünes Licht. 

Die Drehbuchautoren Kit Hopkins, Thilo Röscheisen und Bully Herbig konnten das Drehbuch in enger Abstimmung mit den Familien vollenden. Mit ihnen wurden Beraterverträge abgeschlossen. So konnten auch 2000 Seiten Stasi-Akten zur Flucht von der ehemaligen Gauck-Behörde eingesehen werden. 

Wichtig war dem Regisseur, dass die Darsteller einen engen Bezug zur DDR hatten. Hauptdarsteller Friedrich Mücke und Karoline Schuch, die im Film das Ehepaar Strelzyk spielen, kommen aus Berlin und Thüringen. Auch bei den anderen Schauspielern und Teammitgliedern schätzte Herbig deren Einfluss eigener Erfahrungen aus DDR-Zeiten zum Wohle des Films. 

Auch, wenn dem Zuschauer das Ende der Geschichte bekannt ist, war doch der Weg das Ziel. Und dieser Weg all der Widrigkeiten und Hindernisse, die sich einem Fluchtversuch entgegenstellten, wurde von Herbig und seinem gesamten Team ganz hervorragend umgesetzt.

1245 Quadratmeter Stoff waren nötig, den bunten Ballon entstehen zu lassen. Herbig wollte unbedingt einen echten zum Anfassen, kein computererzeugtes Monstrum. Wie schwierig es 1979 für die Familien war, so viel Stoff in der DDR zu besorgen, ohne dass es auffiel, zeigt der Film in dramatischen Szenen. Gedreht wurde im bayerischen Nordhalben, in Berlin und im ehemaligen Todesstreifen des Deutsch-Deutschen Museums in Mödlareuth, dem kleinen Ort, der als „Klein Berlin“ in die Geschichte einging. Das Dorf war einst genauso geteilt wie die Hauptstadt. 

Schon das Anfangsbild erzeugt Gänsehaut und treibt so manchem Zuschauer Tränen in die Augen. Wenn nämlich ein Flüchtender an der Grenze erschossen wird und, von zwei Grenzsoldaten beobachtet, in seinem Blut langsam stirbt, während gleichzeitig andernorts bei einer Jugendweihe liebliche DDR-Propagandalieder gesungen werden. Erinnerungen an Peter Fechter werden wach, das wohl bekannteste Maueropfer des DDR-Regimes, der 1962 vor den Augen der Weltöffentlichkeit angeschossen in den Grenzanlangen, mitten in Berlin, verblutete. Keine Sekunde verlässt der Film diesen Weg, die DDR als Unrechts- und Polizeistaat, der seine Bürger an jeder Freiheit hinderte und sie einmauerte, zu entlarven. 

Dennoch spricht Herbig in einem Interview wertfrei darüber, dass die Familien Wetzel und Strelzyk eine „andere Zukunft“ wollten und lässt „eine bessere Zukunft“ dabei außen vor. Der Film ist von hoher dramaturgischer Dichte und hält das Tempo bis zum Schluss, reißt den Zuschauer mit, schüttelt ihn durch. Fast wie auf einer Ballonfahrt, die man beginnt, wenn das Licht im Kinosaal ausgeht, und aus der man aufgerüttelt und sturmgeschüttelt am Ende des Films wieder aussteigt.