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05.10.18 / Abtauchen mit Keyserling

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 40-18 vom 05. Oktober 2018

Abtauchen mit Keyserling
Harald Tews

Es passiert nicht viel in den Romanen und Novellen Eduard von Keyserlings. Dafür geht von dieser Prosa ein elegischer Zauber aus, der in der deutschsprachigen Literatur einzigartig ist. Wegen seines Plaudertons hat man den vor genau 100 Jahren gestorbenen Keyserling mit Theodor Fontane verglichen (siehe PAZ vom 28. September), doch was bei Fontane ironische Causerien sind, das sind bei Keyserling melancholisch-schöne Abgesänge auf den alten Adel des deutschen Ostens.

Dem Manesse Verlag ist es zu verdanken, dass der aus kurländischem Adel stammende Keyserling nicht in Vergessenheit gerät. Zum runden Todesjahr sind gleich drei Editionen mit Werken des Autors erschienen. In der dreibändigen Schuberausgabe „Die schönsten Romane des Stimmungsmagiers“ sind seine Hauptwerke versammelt. Ist sein 1887 erschienenes naturalistisches Frühwerk „Frau Rosa Herz“ um eine von ihrem Liebhaber sitzen gelassene und von der Gesellschaft ausgestoßene junge Frau noch im bürgerlichen Milieu angesiedelt, so spielen seine impressionistisch angehauchten Meisterwerke „Dumala“ – dem Roman über das Schicksal eines baltischen Schlosses – und „Wellen“ – einer tragisch endenden Reise an die Ostsee – in der Welt, in der sich Keyserling qua Geburt bestens auskennt: die ostpreußische und baltische Aristokratie.

Vor dieser Kulisse sind von etwa dem Jahr 1900 an seine besten Bücher entstanden. In dem Erzählband „Landpartie“ kann man seine meisterlichen Novellen wie „Schwüle Tage“ oder „Seine Liebeserfahrung“ nachlesen, welche immer ganz heiter im Dur-Ton beginnen, um dann doch zumeist mit einem Moll-Ton zu verklingen. Florian Illies hat dazu ein kluges Nachwort verfasst. In seiner „Kleinen Gebrauchsanleitung“ empfiehlt er auf die Frage, wie man Keyserling lesen soll, „das Hineinspringen in diese Prosa, als wäre es ein sonnenbeschienener See an einem Sommertag.“

Einfach nur genießen sollte man auch Keyserlings letzten vollendeten Roman, den er 1917 schrieb. Nein, das ist nicht ganz richtig: diktierte. Wegen einer Erblindung sprach er sein Werk „Fürstinnen“ seinen beiden Schwestern in die Feder. Der Verlust des Augenlichts ist wohl mit verantwortlich dafür, dass er sich die Adelswelt vor dem geistigen Auge vorgestellt hat, ehe sie nach dem Ersten Weltkrieg ganz unterging. Als Leser sieht, hört, riecht man förmlich die Landschaft des deutschen Ostens: „Von den Gemüsebeeten stieg ein kühler, würziger Duft auf, in den Salatblättern raschelten Kröten, irgendwo in einem Hause weinte ein Kind, und draußen im jungen Korn schnarrten die Wachteln. So war es gut, in der Frühlingsnacht zu stehen und auf ein Mädchen zu warten, da war Leben.“

Tatsächlich atmet auch dieser Ro­man nach Leben, auch wenn er eine seltsame Verrenkung macht. Von den titelgebenden Fürstinnen, drei Schwestern eines Adelshauses, schwenkt die Handlung zu einer anfänglichen Ne­benfigur über, einem älteren Grafen, der noch einmal Frühlingsgefühle bekommt, ehe er mitten im Liebesglück stirbt. So hat sich Keyserling am Ende wohl selbst ein wenig ironisch, aber auch wehmütig porträtiert. Nur wenig später starb auch er mitten auf der Höhe seiner Kunst.

Eduard von Keyserling: „Die schönsten Romane des Stimmungsmagiers“, Manesse Verlag, Zürich 2017, gebunden, drei Bände zusammen 1056 Seiten, 45 Euro

Eduard von Keyserling: „Landpartie. Gesammelte Erzählungen“, Manesse Verlag, München 2018, gebunden, 744 Seiten, 28 Euro

Eduard von Keyserling: „Fürstinnen“, Manesse Verlag, Zürich 2017, gebunden, 320 Seiten, 19,95 Euro