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12.10.18 / Jürgen Gretschels schlesischer Himmel / Ein Preis und ein Buch würdigen einen Deutschen in Liegnitz

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 41-18 vom 12. Oktober 2018

Jürgen Gretschels schlesischer Himmel
Ein Preis und ein Buch würdigen einen Deutschen in Liegnitz
Chris W. Wagner

Elzbieta Chucholska ist Pädagogin und Kulturanimatorin im Kulturzentrum Liegnitz [Legnica] und in einem Seniorenzentrum. 2002 gründete sie den Verein „Frauen in Europa“ und den Verband der „Freunde Liegnitz“ (Towarzystwo Milosnikow Legnicy). Ihre Passion ist die Geschichte ihrer Heimatstadt. Am 5. Oktober erhielt sie den historischen, weil ersten Jürgen-Gretschel-Preis der Stadt Liegnitz.

„Ich gehöre der ersten Generation der in Legnica Geborenen an, ich bin hier aufgewachsen. Die Veranstaltungen unseres Vereins erinnern an die Geschichte der Stadt und kultiviert die Bindungen unserer Vielvölkergesellschaft“, so Chucholska, die der 

historische Moment im Liegnitzer „Lehrerhaus“ mit Stolz erfüllte. „Dieser Abend geht in die Geschichte ein, nicht nur weil wir zum ersten Mal den nach dem Deutschen Liegnitzer Jürgen Gretschel benannten Ehrenpreis vergeben, sondern auch, weil wir ein Buch vorstellen, dessen Held Jürgen ist“, freute sich der Moderator des Abends und Verleger Franciszek Grzywacz. Er ist ein Freund und Mitstreiter des 2014 von der Liegnitzer Bevölkerung zum „Liegnitzer des Jahres“ gewählten langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft und vor einem Jahr verstorbenen Jürgen Gretschel. „Als das Buch 2017 fertig wurde, hätte sich niemand vorstellen können, dass Jürgen bei der Buchvorstellung nicht mehr unter uns sein wird“, bedauerte Grzywacz.

„Meine erste Erinnerung an Opa Jürgen ist, da war ich drei oder vier Jahre alt, als ein Fernsehteam aus Japan einen Film über Opa bei ihm zu Hause drehte und ich dabei war“, so Enkel Damian Stefaniak, der nun in die Fußstapfen des Großvaters steigen musste und die Liegnitzer Deutschen leitet. „Es ist alles andere als einfach für mich, denn Großvater hat eine Kluft hinterlassen, die wir wohl nie wirklich überwinden werden“, so Stefaniak. Aber er gibt nicht auf. Der 30-jährige Vater von drei Kindern hat in Liegnitz Hilfe. Die jetzt im 16 Kilometer entfernten Haynau [Chojnow] lebende Rosel Rzepakowska ist begnadete Köchin und Bäckerin und hat noch bei Jürgen alte schlesische Gerichte zubereiten gelernt. Für die Preisverleihung zauberte sie neben den berühmten Liegnitzer „Bomben“ gleich mehrere Sorten vom schlesischen Streuselkuchen.

Wann immer sie kann, kommt sie zu den jeden Donnerstag stattfindenden Treffen der Deutschen in Liegnitz und ist bei der bereits legendären „Weihnacht der Völker“ mit ihrem Deutsch-Schlesischen Tisch immer dabei. Genauso wie Johanna Gurbiel, die zusammen mit Jürgen Gretschel die gleiche Schule und später die technische Mittelschule besuchte. „Wir haben als Kinder in Liegnitz jeden Winkel erkundet, nichts war vor uns sicher. Das Leben war nicht einfach nach Kriegsende für uns Deutsche, aber wir haben uns mit der neuen Situation arrangiert. Dadurch, dass Liegnitz eine tatsächliche Muliti-Kulti-Stadt mit Russen, Ukrainern, Lemken, polnischen Juden, Roma und Polen war, waren wir alle in einer Minderheitensituation. Ohne Jürgen ist es schwer, er hat nicht nur alle Deutschen in Liegnitz vereint, sondern hat es geschafft, dass alle Minderheiten zusammenarbeiten“, so Gurbiel, die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen in Liegnitz ist. Und dass die unterschiedlichen Minderheiten in Liegnitz gut miteinender können, ist eben auch Jürgen Gretschel zu verdanken, der die „Weihnacht der Völker“ initiierte und dafür sorgte, dass die Vorzeigegruppe „Legnica“ auf ihren Tourneen durch Polen und die Welt auch in schlesischer Tracht mit schlesischen Liedern und Tänzen auftritt. 

„Jürgen Gretschel haben wir zu verdanken, dass unser niederschlesisches Kulturerbe überdauerte, er lehrte uns, dass wir – die Neuschlesier – verpflichtet sind, dieses Erbe zu pflegen. Er öffnete unsere Augen, Ohren und Herzen für die Geschichte und den kulturellen Reichtum dieser Region“, so Wojciech Kondusza vom Verein „Erinnerung und Dialog“, der Initiator des Gretschel-Preises ist.

Auch ehemalige Liegnitzer haben es sich nicht nehmen lassen, an der Preisverleihung im Theatersaal des Lehrerhauses dabei zu sein, und reisten gleich mit mehren Bussen an. So konnten sie auf der Bühne polnische Jugendliche in niederschlesischen Trachten zu schlesischer Musik tanzten sehen.