26.01.2022

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02.11.18 / Merkel war’s

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44-18 vom 02. November 2018

Merkel war’s
Günter Scholdt

Ein Zuckerschlecken ist Regieren in Berlin momentan nicht. Denn die Einschläge kommen näher: Chemnitz, Maaßen, Brinkhaus, sächsische CDU-Planspiele in Sachen AfD, Wahlschlappe in Bayern und in Hessen. Dennoch darf man die Noch-CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel noch nicht gänzlich abschreiben. Als wahre Überlebenskünstlerin schert sie sich weder um Verluste noch Stil, Demokratie noch Deutschland. Ihr Erfolgsblick konzentriert sich auf Macht, Kuhhandel, Seilschaften und Profiteure, denen sie für das Weiterwursteln bis zum Gehtnichtmehr zumindest noch Reste des Tafelsilbers verpfändet.

Gleichwohl rückt unaufhaltsam der Zeitpunkt näher, an dem  ihr die Scherben dieser Herrschaftstechnik um die Ohren fliegen werden. Sie wird dann – die Prognose fällt leicht – kaum noch Freunde haben. Schon jetzt nehmen (Teil-)Distanzierungen zu. Und so manche politische „Ratte“ – man verzeihe das unkorrekte Bild, das nur besonders laute frühere Claqueure trifft – verlässt schon jetzt das sinkende Boot. Wie im Mai 1945, als Millionen von NS-Gläubigen sich über Nacht auf Nimmerwiedersehen verabschiedeten, wird es dann überall heißen: „Merkel war’s!“ Gemeint ist natürlich: sie allein. Die Grundsätze retrospektiver Geschichtslügen funktionieren nun mal zeit- beziehungsweise systemübergreifend.

Für Mitleid bestünde dann wenig Anlass. Denn diese stets ein wenig verhuschte deutsche Unglücksfigur trägt ihr gerüttelt Maß Schuld daran, dass ein früher so leistungsstarkes, ökonomisch prosperierendes, sozial weithin befriedigtes Land leichtfertig seine Zukunft verspielt, dass ein schmerzlicher Riss durch unsere Gesellschaft geht, seit sich das Establishment so spektakulär von der Basis entfremdet hat, und dass schließlich, um all dies unter den Teppich zu kehren und der verdienten Quittung am Wahltag zu entgehen, auch noch der Rechts- in einen duckmäuserischen Gesinnungsstaat umgemodelt wurde.

Die emotionale Abreibung wäre also fraglos verdient. Allerdings verkörpert diese weibliche Ausprägung eines inhaltslosen Machtprinzips nur den sichtbarsten Teil unseres verhängnisvollen Parteien- und Ideologiekartells. Und sollte man einst nur sie (ohne zahlreiche Begleitung dieser politmedialen Klasse) an den Pranger stellen, stiehlt sich ein ganzes System aus der Verantwortung für die fatale Verwandlung einer Demokratie zur Postdemokratie. Merkel war dabei federführend. Aber was sie anrichtete, war zuvor auf linksgrünen Speisezetteln den Deutschen als einzig bekömmliche beziehungsweise gestattete Mahlzeiten angepriesen worden. 

Und die hatten es geschluckt, berauscht von Hosianna-Klängen unserer Hofintellektuellen und -künstler. Merkels bauernschlauer Regierungstrick bestand schließlich einzig darin, ihre Blockparteien-Erfahrung aus DDR-Tagen zu übertragen. Sie mühte sich demnach nicht mehr um ein eigenes CDU-Profil im Bewusstsein, dass diese Partei längst keins mehr hatte und sich mit Fleischtöpfen der Macht begnügte. Und sie erkannte, dass ihr keine Politkonkurrenz mehr etwas anhaben könnte, wenn sie einfach deren Programme übernimmt. 

Sollte nun also, wo eine wirkliche Opposition erstand, gerufen werden: „Merkel war’s!“ klänge dies seltsam von CDU‘lern, die seinerzeit zehnminütigen Parteitagsapplaus spendeten. Sollten sich Linke jeglicher Marke oder gar Grüne beschweren, wüsste man gern, wessen Politik denn Merkel jemals exekutiert hat. Klagte die FDP, so frage man sie, wo denn ihr Einspruch war, als man zur Stigmatisierung einer Rechtsalternative unser Land in eine Zuchtanstalt korrekter Gesinnung verwandelt hat. Peinlichkeiten allüberall.