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02.11.18 / Die letzten Tage einer Epoche / Als der Erste Weltkrieg endete, erlosch das Kaiserreich

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44-18 vom 02. November 2018

Die letzten Tage einer Epoche
Als der Erste Weltkrieg endete, erlosch das Kaiserreich
Klaus J. Groth

Am Ende stand eine Frage: Wer sagt es Seiner Majestät? Wer sagt Kaiser Wilhelm II., es könne keinen Frieden ohne seine Abdankung geben. US-Präsident Woodrow Wilson hatte das neben demokratischen Reformen zur Vorbedingung für Friedensverhandlungen gemacht. In den ersten Novembertagen vor 100 Jahren endete eine Epoche.

Das Ende war unausweichlich, als Reichskanzler Max von Baden sich am 1. November 1918 mit Bevollmächtigten deutscher Fürsten beriet, wie man den Kaiser zur Abdankung bewegen könne. Vor allem: Wer sollte Überbringer der problematischen Botschaft sein? Es fand sich niemand. Schließlich stellte Axel Varnbühler von und zu Hemmingen, ein Freiherr aus Württemberg, die erlösende Frage: Was denn bitte der Kaiser selbst zu einem solchen Ansinnen sage? Das zu erkunden, sandte man den preußischen Innenminister Wilhelm Drews ins belgische Spa. Ins dortige Hauptquartier war Wilhelm II. am 30. Oktober zur Inspektion der Truppe gereist. Berlin hatte er in kritischen Tagen sich selbst überlassen. Der Kaiser reagierte erwartungsgemäß empört. Wie könne ein preußischer Beamter es wagen, ihm seine Abdankung nahezulegen? Die kaiserliche Antwort: „Wenn zu Hause der Bolschewismus kommt, stelle ich mich an die Spitze einiger Divisionen, rücke nach Berlin und hänge alle auf.“

Da war die Revolution bereits näher, als der Kaiser ahnte. Ende Ok­tober 1918 entschied die Seekriegsleitung, ein letztes „ehrenvolles Gefecht“ gegen überlegene britische Verbände zu führen. Seit der Schlacht im Skagerrak 1916 waren die Marineverbände kaum zum Einsatz gekommen. Und nun plötzlich, zum absehbaren Ende des Krieges, ein solches Todeskommando? Unter Matrosen der Marine kursierten Gerüchte, die Offiziere suchten den Heldentod, sie wollten Munition in Ehren verschießen, mit dem Vorstoß sollten angebahnte Friedensverhandlungen torpediert werden. Die Matrosen hatten ein feines Gespür, ohne die Parole des Chefs des Marinekabinetts, Adolf von Trotha, zu kennen. Der schrieb: „Der Flotte steht ein solcher Schlusskampf als höchstes Ziel vor Augen, um nicht diesen Krieg beschließen zu müssen, ohne dass die in ihr steckende nationale Kraft voll zur schlagenden Wirkung gekommen ist.“ In Wilhelmshaven sabotierten Matrosen das Auslaufen der Flotte. Viele der Meuterer wurden verhaftet, das III. Geschwader nach Kiel verlegt. Kommunistische Agitatoren hatten in der aufgeheizten Situation leichtes Spiel. Bei Massendemonstrationen wurde die Freilassung der Matrosen gefordert. Auch in Kiel. 

Ein Tabakhändler aus Kiel berichtete am 6. November in einem langen Brief an seine Schwester Erna, was sich in den Tagen zuvor an unerhörten Vorgängen ereignet hatte: „Gestern Abend saßen wir mit ein paar Leuten von der Marine in der Hinterstube. Ein Matrose erzählte mit leuchtenden Augen, die Schiffe sollten nach England einen Vorstoß machen und mit Ehren untergehen, woraufhin die Matrosen dem Kapitän sagen ließen, sie würden die Heimat verteidigen bis auf den letzten Blutstropfen, aber den Feind aufsuchen wollten sie nicht mehr, da dadurch die Friedensverhandlungen gestört würden, und der Krieg soll eben zu Ende gehen. Daraufhin kam doch der Befehl zum Vorwärtsgehen, und die Schiffe sind bis zur Minensperre gefahren. Dort sind die Feuer von den Heizern ausgemacht worden. 17 von den Heizern sind in Arrest gekommen, die anderen Matrosen haben eine Protestversammlung abgehalten, worauf von den Demonstranten 80 Mann gefangengesetzt wurden. Das war das Signal zum Aufstand … Es wurde Infanterie aus Rendsburg und Wandsbecker Husaren requiriert. Erst daraufhin wurden die Munitionslager gestürmt. Die Wachmannschaften gingen selbst mit und gaben Gewehre und Maschinengewehre raus, bis dahin hatten die Matrosen keine Waffen! Die Infanteristen wussten gar nicht, was sie machen sollten und gingen am Bahnhof gleich über, die Offiziere gaben die Waffen ab. Dagegen fingen die Husaren gleich mit dem Maschinengewehr zu schießen an. Schließlich siegten die Matrosen und erbeuteten die Maschinengewehre.“ 

Diese Schilderung entsprach dem, was man sich damals erzählte, was Augenzeugen beobachtet hatten. Aufgestaute Unzufriedenheit schuf in Kiel schon länger eine explosive Situation. Nachdem Kiel zum Reichskriegshafen erklärt worden war, hatte die Stadt einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Rüstungsbetriebe und Werften siedelten sich an. Kiel wuchs schneller als jede andere Stadt im Reich. Damit entstand eine Arbeiterschaft ohne gesellschaftliche Bindungen. Und diese Arbeiterschaft hatte genug von Krieg. Sie hatte genug vom „Steckrübenwinter“, von amtlich empfohlenen Krähen als Ersatz für Hühnchen. In Kiel war es bereits im Januar 1918 zu Streiks gekommen. 

Noch einmal hatte die Oberste Heeresleitung im Frühjahr 1918 letzte Kräfte mobilisiert. Sie wollte einen Sieg erringen, bevor US-Truppen in Flandern einmarschierten. Sollte das nicht möglich sein, „dann muss Deutschland eben zu Grunde gehen“, antwortete Erich Ludendorff auf eine Frage. Es war nicht möglich. Zwar stieß die Offensive bis kurz vor Paris vor, aber dann stand sie 400 Tanks gegenüber. Der Kampf war verloren. Die Truppe wollte nicht mehr. 

Das war die Stimmungslage, aus der in Kiel das Bündnis von Arbeitern und Matrosen wuchs. Im Hafen der Stadt lagen zu dem Zeitpunkt acht Linienschiffe, drei Torpedobootflotillen, mehrere U-Boote und kleinere Kreuzer, insgesamt 40000 Mann Besatzung. Es kam zu gemeinsamen Kundgebungen, Protestmärschen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Bei einer Demonstration am 3. November marschierten Matrosen und Arbeiter zum Bahnhof. Sie randalierten und erklärten den Krieg für beendet. Eine Feuerwehrspritze raste in die Menschenmenge, angehende Offiziere schossen. Acht Tote und 29 Verwundete waren die Opfer. Dieser 3. November 1918 gilt als der Beginn des Matrosen- und Arbeiteraufstandes, aus dem sich die Novemberrevolution entwickelte. Es herrschte ein heilloses Durcheinander von einer überforderten Kommandantur, die nicht wusste, wie sie entscheiden sollte und im Regelfall falsch entschied, von Matrosen, die noch an das Vaterland, aber nicht mehr an den Sieg glaubten, von Arbeitern, die an nichts mehr glaubten, außer den Sieg des Proletariats. Am 4. November wurde in Kiel die rote Fahne gehisst, meuternde Soldaten fluteten die Stadt, der erste Matrosen-Soldaten-Rat wurde gebildet. Am nächsten Tag versuchte Gustav Noske zu vermitteln, vergebens. Matrosen erschossen den Stadtkommandanten. Nahezu auf allen Schiffen wehte nun die rote Fahne. Der Bruder des Kaisers, Großadmiral Prinz Heinrich von Preußen, floh aus dem Kieler Schloss. Die Revolution breitete sich über Lübeck und Hamburg aus, bald bis nach Köln, Stuttgart und München.

Als die Nachricht von den Aufständen den Kaiser in Spa erreichte, bemerkte dieser: Da habe man nun eine ganz neue Front, mit der man nicht habe rechnen können. Den Generalen war klar, der Krieg war endgültig verloren. Einer von ihnen schlug vor, der Kaiser möge an die Front gehen und fallen, nur so sei die Monarchie zu retten. Hindenburg wandte ein, dann habe man aber keinen Kaiser mehr. 

Seit Anfang November drängte Max von Baden verstärkt auf den Rücktritt des Kaisers, um einen Friedensschluss zu retten. Der Kaiser aber wollte sich nicht drängen lassen.

Am 8. November erreichte eine deutsche Delegation nach langen, überaus schwierigen Vorbereitungen den Verhandlungsort für einen Waffenstillstand, einen Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne. Die Zeit drängte. Schon am 9. November ließ Max von Baden bekanntmachen: „Seine Majestät der Kaiser und König haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen.“ Das entsprach zumindest nicht ganz der Wahrheit. Wilhelm II. hatte zu diesem Zeitpunkt lediglich seinen Rücktritt als Kaiserin Aussicht gestellt – preußischer König wollte er bleiben. Erst am 28. November unterzeichnete er tatsächlich seinen Thronverzicht. Allerdings bat Wilhelm II. schon am 9. November die niederländische Königin Wilhelmina um Asyl. Am 10. November fuhr er mit dem Auto über die holländische Grenze.

In Deutschland war am 9. November die Republik ausgerufen und der Sozialdemokrat Friedrich Ebert zum neuen Reichskanzler ernannt worden. „Ich lege Ihnen das Deutsche Reich ans Herz“, hatte Prinz von Baden gesagt und Arbeiterführer Ebert hatte geantwortet: „Ich habe zwei Söhne für dieses Reich verloren.“

Bei der ersten Begegnung der deutschen und der alliierten Waffenstillstandsdelegation im Eisenbahnwaggon im Wald von Compiégne am 8. November waren der deutschen Delegation von den Alliierten unter deren Oberbefehlshaber Marschall Ferdinand Foch 72 Stunden für die Unterzeichnung eines Waffenstillstandes zugebilligt worden. Nur Offiziere niederer Ränge waren Verhandlungspartner der deutschen Delegation unter Leitung des Staatssekretärs ohne Portefeuille Matthias Erzberger von der Zentrumspartei. Es waren Verhandlungen, bei denen nicht verhandelt wurde. Es war das Diktat eines Siegers, dem die Aufstände in Deutschland die letzte Karte zugespielt hatten. Foch triumphierte: Nun sei Deutschland „den Siegern auf Gnade und Ungnade ausgeliefert“.

Erzberger erschienen die gestellten Forderungen als zu hart, doch Ebert ordnete nach Absprache mit der Obersten Heeresleitung an, den Waffenstillstand unter allen Bedingungen zu akzeptieren. Dazu gehörte die Räumung der deutschen Gebiete links des Rheins, eine entmilitarisierte Zone auf dem rechten Rheinufer, die Auslieferung der deutschen Kriegsflotte nebst 5000 Lokomotiven, 15000 Eisenbahnwaggons und 5000 Lastwagen. Die Sieger dachten eben auch an Kleinkram. Und dann wurde Schadensersatz in vorläufig unbestimmter Höhe verlangt. Da werde man sich keineswegs mit Kleinkram begnügen.

Der Gang nach Canossa war damit vorläufig abgeschlossen. Am 11. November 1918 wurde der Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet. Nach vier Jahren, drei Monaten und elf Tagen endete das sinnlose Töten, das zehn Millionen Menschen das Leben gekostet hatte. Die USA stiegen zur Weltmacht auf und vier Imperien – das deutsche Kaiserreich, Österreich-Ungarn, das russische Zarenreich und das Osmanische Reich – lagen zerschmettert am Boden. Und doch war das vermeintliche Ende der Tragödie erst das Vorspiel zur nachfolgenden Katastrophe.