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09.11.18 / Bücher, die jeder kennt / Ein eigenes Museum für den in Leipzig gegründeten Reclam-Verlag

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 45-18 vom 09. November 2018

Bücher, die jeder kennt
Ein eigenes Museum für den in Leipzig gegründeten Reclam-Verlag
Erik Lommatzsch

Klein und unprätentiös wie sein Hauptgegenstand, die preiswerten und schlicht ausgestatteten Büchlein, so stellt sich auch das neue Leipziger Reclam-Museum auf den ersten Blick dar. Auf den zweiten Blick überzeugt es, ebenso wie Titel des Verlages, durch Inhalte. Blick-fänge sind zunächst die monströsen Regale, etwa mit über 5000 vor 1945 gedruckten Bändchen oder mit einem Querschnitt aus der Nachkriegsproduktion. Diese Bücher sollen allerdings nicht nur von außen bestaunt werden, handelt es sich doch nicht nur um ein Museum, sondern zugleich um eine Präsenzbibliothek.

Die Produkte des Reclam-Verlages dürften keinem Schüler unvertraut sein, allen voran diejenigen Bücher, welche seit 1970 ein knallgelber Umschlag schmückt. Mit Anstreichungen durchgearbeitet oder entnervt mit eigenen „Illustrationen“ versehen, so kennt sie jeder. Von solcher  „Lesergestaltung“ sind Kostproben im Museum zu bewundern. Überhaupt ist die Ausstellung ein Beispiel dafür, wie Geschichte, in diesem Fall die Geschichte eines deutschen Traditionsverlags, anschaulich und zugleich unterhaltsam präsentiert werden kann. 

Gegründet wurde der Verlag vor 190 Jahren, am 1. Oktober 1828, durch Anton Philipp Reclam in Leipzig. Reclams Großvater, Jean François, war Hofjuwelier Friedrichs des Großen und führte als Nachfahre hugenottischer Einwanderer ursprünglich noch den Namen Reclam.

Der große Wurf des Verlegers Reclam wurde die bis heute bestehende „Universalbibliothek“. Ab 1867 war es möglich, Autoren, die mehr als 30 Jahre zuvor verstorben waren, als „gemeinfrei“, das heißt ohne Kosten für Rechte oder Ähnliches, zu drucken. Dies betraf eine Reihe von Klassikern. Reclam machte davon reichlich Gebrauch.

Als erste Bände der schnell anwachsenden Reihe erschienen die beiden Teile von Goethes „Faust“. Reclam produzierte für den kleinen Geldbeutel. Allerdings gab es, wie man im Museum erfährt, auch anspruchsvoller gestaltete Ausgaben. Der Verlag war bekannt und konnte damit werben, „keine Reklame“ zu benötigen – damit hatte er gleich noch einmal auf sich aufmerksam gemacht. Die Popularität führte auch dazu, dass das Reclam-Format in angespannten Zeiten von anderen gern als „Tarnschrift“ verwendet wurde. Unerwünschte Inhalte erhielten den Umschlag eines gewöhnlichen Reclam-Titels, um keinen Verdacht zu erregen. Übrigens hat nur ein Reclam-Familienmitglied ein im Verlag gedrucktes Büchlein verfasst – der Bruder des Verlagsgründers, der Arzt Carl-Heinrich Reclam, brachte hier 1878 seinen „Gesundheitsschlüssel“ heraus.

Das Museum, in dem ein Reclam-Bücherautomat nicht fehlen darf, macht auch mit dem Schicksal des Verlages im geteilten Deutschland vertraut. Er exis-tierte in Stuttgart und Leipzig, hohe literarische Ansprüche wurden auch in der DDR gepflegt. Seit 2006 ist „Reclam“ an seinem Gründungsort nicht mehr präsent. Umso wichtiger ist das Leipziger Museum, welches ausschließlich aus Teilen der privaten Sammlung des Germanisten Hans-Jochen Marquardt besteht. Dass es am Eröffnungstag heillos überfüllt war, ist sicher kein schlechtes Zeichen.


Reclam-Museum, Kreuzstraße 12, 04103 Leipzig, Telefon (0345) 5821726 (außerhalb der Öffnungszeiten), Mobiltelefon: (01578) 1913287 (während der Öffnungszeiten), E-Mail: kontakt@literarisches-museum.de, Öffnungszeiten: dienstags und donnerstags 15 bis 18 Uhr (außer an gesetzlichen Feiertagen und zwischen Weihnachten und Neujahr) sowie nach Vereinbarung.