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16.11.18 / Die Unabhängigkeitserklärung war theaterreif / Vor 100 Jahren proklamierte der Lettische Volksrat in Riga die souveräne Republik Lettland

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-18 vom 16. November 2018

Die Unabhängigkeitserklärung war theaterreif
Vor 100 Jahren proklamierte der Lettische Volksrat in Riga die souveräne Republik Lettland
Dirk Klose

Im Zentrum der lettischen Hauptstadt Riga steht unübersehbar das 42 Meter hohe Freiheitsmonument. Eine Säule wächst aus einem Sockel mit zahlreichen Darstellungen aus der lettischen Geschichte, an ihrer Spitze als Allegorie der Freiheit ein Mädchen, das einen Kranz mit drei Sternen emporhält, Symbole für die drei historischen Provinzen Livland, Kurland und Lettgallen. Wie durch ein Wunder hat das in den Jahren 1931 bis 1935 erbaute Denkmal sogar die Sowjetzeit überstanden. Heute legen junge Paare nach der Eheschließung hier Blumen nieder. In wenigen Tagen wird auf dem Platz davor wieder die Unabhängigkeit Lettlands gefeiert. Diesmal wird es eine besondere Feier sein. Vor 100 Jahren, am 18. November 1918, proklamierte der damalige lettische Volksrat die Unabhängigkeit des Landes. 

Diese Unabhängigkeit war eine der vielen Folgen des Ersten Weltkrieges. Wie Polen, Litauen, Finnland und Estland hatte auch Lettland bei Beginn des Krieges zum russischen Zarenreich gehört. Da es im Baltikum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen gekommen war, hatte Petersburg beziehungsweise Petrograd nun Zweifel an der Loyalität dieser nationalen Minderheiten im russisch geführten Vielvölkerstaat und ließ deshalb auch Tausende von Letten ins Innere Russlands deportieren. Unter ihnen bildeten sich oppositionelle Gruppen, die analoge Bestrebungen in der Heimat beeinflussten, wo zugleich eine wachsende Gegnerschaft zum zahlenmäßig kleinen, aber einflussreichen Deutschbaltentum die inneren Spannungen vertiefte. 

Die Februarrevolution 1917 in Russland wirkte auch im Baltikum wie ein Fanal. Die sich rasch bildenden Parteien spiegelten die russischen Verhältnisse wider: Bolschewiki, Menschewiki, Demokraten, Liberale und Bauern. Anfangs zielten alle Forderungen nur auf größere Autonomie innerhalb Russlands ab. Erst als weder die bürgerliche Regierung Russlands unter Alexander Kerenski noch die Bolschewiki zu größeren Zugeständnissen bereit waren, radikalisierten sich die Forderungen hin zu völliger nationaler Souveränität. 

Im Herbst 1917 bildete sich ein Lettischer Provisorischer Nationalrat, der sich bald zum Lettischen Volksrat entwickelte. Er erklärte, Südlivland, Kurland und Lettgallen bildeten gemeinsam eine „autonome Staatseinheit“. Im November 1918 entstand ein Machtvakuum. Die militärische Niederlage Deutschlands war besiegelt und damit waren auch die Tage der Befehlsgewalt der deutschen Militärverwaltung im Baltikum gezählt. Und die inneren Wirren in Russland trieben einem Höhepunkt zu. Angesichts dieses Machtvakuums sahen lettische Politiker ihre Stunde gekommen. Eine Woche nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Compiègne, am 18. November 1918, proklamierte der lettische Volksrat auf einer feierlichen Sitzung im städtischen Theater Riga die unabhängige Republik Lettland. Erster Präsident wurde Janis Cakste (Ja(h)nis Tschakste), erster Ministerpräsident Karlis Ulmanis. Letzterer wurde der starke Mann Lettlands. Er war mehrfach Ministerpräsdent, putschte sich 1934 in einem Staatsstreich zum autoritären Herrscher des Landes und ist 1942 in sowjetischer Haft gestorben.

Wie andere in den Wirren des Ersten Weltkrieges unabhängig gewordene Staaten geriet auch Lettland sofort in kriegerische Verwick­lungen. Nur mit Hilfe der noch im Lande stehenden deutschen Militärs, insbesondere der Freikorps, überlebte der Staat sein erstes Jahr. Die bolschewistische Führung unter Lenin scherte sich schon 1919 nicht mehr um ihr Versprechen, allen Völkern des Zarenreiches nationale Unabhängigkeit zu gewähren, sondern bekämpfte unter dem ebenso energischen wie skrupellosen Kriegskommissar Leo Trotzki alle nationalen Erhebungen vom Kaukasus über die Ukraine bis zum Baltikum. 

Im Januar 1919 nahm die Rote Armee Riga ein. Nach schweren Kämpfen wurde es von deutschen und lettischen Verbänden im Mai zurückerobert. Der gnadenlose Lettische Unabhängigkeitskrieg forderte unzählige Opfer. Wohl der Absicht Lenins, sich auf die Rück­eroberung der Ukraine und des Kaukasus zu konzentrieren, verdankten die baltischen Republiken, dass sie das militärische und politische Chaos – Lettland hatte zeitweise drei Regierungen – überlebten. Im Friedensvertrag von Riga vom 11. August 1920 erkannte die Sowjetunion die Unabhängigkeit und territoriale Souveränität Lettlands an. Die diplomatische Anerkennung durch die westeuropäischen Großmächte Frankreich und Großbritannien folgte am 26. Januar 1921, die der USA am 27. Juli 1922. Das Deutsche Reich hatte die Regierung bereits am 26. November 1918 mit der Übergabe der Zivilverwaltung anerkannt.

Durch das Ende des Unabhängigkeitskrieges, der auch ein Bürgerkrieg war, und die diplomatische Anerkennung durch das Ausland konsolidiert, entwickelten sich Wirtschaft und Handel in dem jungen Staat. Seine Hauptstadt Riga wurde eine der Kulturmetropolen Europas. 

Für Lettlands Baltendeutschen verlief die Entwicklung indes weniger erfreulich. Kaum, dass die sowjetische Gefahr zumindest vorerst beseitigt zu sein schien, wurden im September 1920 mit einem Agrargesetz alle Rittergüter und Pastoralländerreien und damit die großen Besitzungen des baltendeutschen Adels entschädigungslos verstaatlicht.