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16.11.18 / Kein Schiff wird kommen / Keri in Estland – Als Leuchtturmwärter auf der vergessenen Insel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-18 vom 16. November 2018

Kein Schiff wird kommen
Keri in Estland – Als Leuchtturmwärter auf der vergessenen Insel
Peer Schmidt-Walther

Zum kleinen Baltikumstaat Estland gehören ganze 2222 Inseln. Die kleinste von ihnen ist das nur drei Hektar große Keri mit seinem 31 Meter hohen Leuchtfeuer. 

Langsam senkt sich die Dämmerung über den Finnischen Meerbusen. Aber es gibt einen Wegweiser mit jeweils zwei Lichtsignalen, unterbrochen von mehreren Sekunden Pause: Das Leuchtfeuer von Keri ist nicht zu übersehen. Vorsichtig tastet sich Bootsführer Peep durch das flache Wasser. „Willkommen auf Keri, der vergessenen Insel! Nicht mal der Tod findet dich hier“, grinst der Este. Zur Hansezeit sei Keri deshalb auch ein Piratenversteck gewesen. 

Im Leuchtturmwärterhaus riecht es muffig. Die Räume scheinen fluchtartig verlassen worden zu sein. In der primitiven Kombüse gibt es zumindest Gas zum Kochen. Für Strom sorgt ein Dieselgenerator aus sowjetischer Produktion im Nachbarhaus. „Wasser haben wir auch“, ist Peep stolz, „aus dem ersten Bohrloch strömte vor 200 Jahren Gas, das man praktischerweise für die Beleuchtung nutzte.“ Damals war der Leuchtturm von Keri der erste gasbefeuerte der Welt. Heute wird er mit Solarenergie versorgt. 

Am Ende eines langen, finsteren Gangs mit aufgerissenen, knarrenden Holzdielen das Schlafzimmer: vier Bettgestelle, ein wackliges Tischchen, eine zersessene Couch. In der Decke klafft ein riesiges Loch. „Wir würden ja gern alles renovieren“, entschuldigt sich Peep, „aber das Geld dafür fehlt, obwohl die Insel samt Gebäuden ein Denkmal ist.“ 

Der einzige Weg der Insel führt an der Sauna vorbei zum „Kino“, das mit zerschlissenen Klubsesseln vollgestellt und ungemütlich kalt ist. Peep wirft die altertümliche Technik an. Über die Leinwand flimmert ein selbst produzierter Streifen zur langen Ge­schichte von Keri, das 1623 erstmals urkundlich erwähnt wurde.

1719 wurde auf Befehl von Zar Peter I. ein Leuchtturm errichtet, der heutige 1803 in Betrieb ge­nommen und 1857 mit einem Metallaufsatz verstärkt. 2003 verließ der letzte Leuchtturmwärter die nur 300 mal knapp 100 Meter lange Insel.

Doch heute können Gäste wieder nachempfinden, wie es sich damals so lebte – in einem Crash-Kurs für Leuchtturmwärter. Dazu gibt Peep am Abend noch eine kurze Einweisung. Danach wartet die erste Nacht. Der Wind pfeift um die Baracke. Zeit, um mit Trainingsanzug und Socken in den Schlafsack zu kriechen. Auf dem Tisch flackern Kerzen, die das Kabuff in ein gespenstisches Licht tauchen. Irgendwann trommelt ein Regenschauer auf das Blechdach und sorgt bald für wilde Träume von herumgeisternden Leuchtturmwärtern und an Land gespülten Schiffbrüchigen.

Am nächsten Morgen steht dann eine Inselerkundung auf dem Programm. Einen Steinwurf vom Wohnhaus entfernt liegt die Sauna. Durch Flieder- und Heckenrosen-Gebüsch bahnt man sich den Weg zum Leuchtturm, dessen gemauerte Rundform wie ein gewaltiger Festungsbau wirkt. Eine metallene Kreuzkonstruktion davor enthält zwei Gedenktafeln: eine davon für den Abschuss eines finnischen Flugzeugs vom Typ Ju 52 im Zweiten Weltkrieg durch einen sowjetischen Jagdflieger. Zwölf Menschen starben dabei. Das Wrack soll vor Keri liegen, wurde aber nie gefunden. 

Die Ostseite des mächtigen Seezeichens ist von Wind und Wetter angenagt und einsturzgefährdet. Ein paar Balken sollen die traurige Ruine abstützen. Irgendwann klingelt das Mobiltelefon und Peep meldet sich: „Das Wetter ist gut heute für die Überfahrt, morgen soll es schon wieder kräftig blasen.“ Und dann geht es auch schon wieder zurück aufs Festland.