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30.11.18 / Immer unter Volldampf / Die Wirtschaftswunderfrau Aenne Burda – Das Leben der Verlegerin wird im Fernsehen neu aufgerollt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-18 vom 30. November 2018

Immer unter Volldampf
Die Wirtschaftswunderfrau Aenne Burda – Das Leben der Verlegerin wird im Fernsehen neu aufgerollt
Anne Martin

Aenne Burda gilt als Verkörperung des deutschen Wirtschaftswunders. Die ARD widmet ihr im Dezember einen Spielfilm und eine Dokumentation.

Gut möglich, dass Anna Magadalene Lemminger, verehelichte Burda, jenen Kalenderspruch beherzigt hat, der selbst heutigen Frauengenerationen über manche Klippen hilft: „Schenkt das Leben dir Zitronen, mach Limonade draus.“ In ihrem Fall: Betrügt dein Mann dich mit seiner Sekretärin und schenkt dieser auch noch einen Verlag, dann wende die Demütigung in einen Erfolg. Besser noch: Mach’ einen Triumph daraus!

Genauso geschieht es: Die hintergangene Ehefrau drängt den untreuen Gatten, ihr das Mo­demagazin der Geliebten zu überschreiben und übernimmt zu­gleich sämtliche aufgelaufenen Schulden. Das erste Heft unter ihrer Regie erscheint am 1. Okto­ber 1949 unter dem Titel „Favorit“, ab Januar 1950 heißt es „Burda-Moden“ und geht mit mutigen 100000 Exemplaren an den Start – der Beginn einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. 

Die ARD widmet der Unternehmerin Aenne Burda aus der badischen Provinz kurz vor Weih­nachten einen Zweiteiler, den Katharina Wackernagel in der Hauptrolle mit Leben füllt: „Ich wollte das unbedingt spielen. Eine Frau, die so eine Lust hat, etwas zu machen, zu gestalten.“ („Aenne Burda – Die Wirtschaftswunderfrau“, am 5. und 12. De­zember, jeweils 20.15 Uhr. Dokumentation „Aenne Burda – Die Königin der Kleider“, am 12. De­zember um 21.45 Uhr, Das Erste)

Burda-Moden trifft in ein Land, das in den Hungerjahren der Nachkriegszeit nach Schönheit und Luxus giert. In dieses Lebensgefühl zielt Anna Burda, die sich als Verlegerin „Aenne“ nennt 

– nach ihrem Lieblingslied, dem ostpreußischen „Ännchen von Tharau“. Ihr Credo: „Die Frauen wollen Farbe und Eleganz!“ Die Frauen wollen vor allem wieder Frau sein, nur praktisch soll es sein, und kosten darf es nicht viel.

Wer wüsste das besser als Aenne Burda, die Tochter eines Eisenbahners aus der grauen Gaswerkstraße in Offenburg.  Ihrem ersten Geistesblitz, den maroden Verlag einer Konkubine zu übernehmen, folgt ein zweiter und ein dritter: Sie fügt jedem Heft Schnittmusterbögen bei, auf denen mehrere Schnitte übereinander kopiert sind. 

Die kleinen Rädchen, mit denen die Frauen über das Papier fahren, um ihr Lieblingsstück durchzupausen und zu nähen, finden sich in fast jedem deutschen Haushalt. Außerdem lässt Aenne Burda die Passform der deutschen Frauen neu vermessen, um die Schnitte ihrer Modelle bestmöglich anzupassen. Und sie reist zu den Modenschauen nach Paris und Mailand, recherchiert die neuesten Trends und wird selbst zur Stilikone: Stets tritt sie in perfekt sitzenden Kostümen auf, die Haare von Star-Figaro Alexandre in Paris onduliert. 

Mit dem Patriarchen Franz Burda im Rücken führt Aenne das Leben einer mondänen Frau, die sich um Konventionen nicht schert. Die drei Söhne Franz, Frieder und Hubert werden mit Kindermädchen groß, die Ehefrau und Unternehmerin nimmt sich aus der bürgerlichen wie der Ge­schäftswelt, was gut für sie passt.

Wer in den Annalen der Firma stöbert, erlebt eine Frau, die das damalige Gebot zu Bescheidenheit und Unterordnung mit Lust unterläuft. „Blüh wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein!“ So ein klassischer Kitschvers mag für Poesiealben taugen, für eine Aenne Burda sicher nicht. Die versteht sich als Boss und benimmt sich auch so: Schreit ihre Redakteurinnen an, wenn ihr etwas nicht gefällt, wirft schon mal mit Aschenbechern und Telefonbüchern. Andererseits stellt sie ihrer Lieblings-Mitarbeiterin beiläufig einen Porsche vor die Tür. 

Die Kräche des Ehepaares Burda sind legendär, aber eine Trennung kommt für beide nicht infrage, schon gar nicht für die machtbewusste Aenne, die sehr wohl weiß, dass geschiedene Frauen zu ihrer Zeit ein Schattendasein im gesellschaftlichen Ab­seits fristen. Man arrangiert sich. Franz pflegt fortan seine Amouren, Aenne ihre Liebe zu schnellen Autos und Italien. 

Der ARD-Film zeigt, wie die lebenshungrige Verlegerin die Sehnsucht aller Deutschen nach dem heiteren Süden mit gewohnter Verve verfolgt. Im schicken Karmann Ghia braust sie die Uferstraßen entlang, landet in einem Hotel, das sich zwar „Mare“ nennt, aber nicht am Meer liegt. Nichts für Aenne. Ans Meer will sie! Auf Sizilien trifft sie einen gutaussehenden Italiener, der ihr Geliebter und Hausfreund wird – 30 Jahre lang wird sie Giovanni auf Sizilien und in ihren Domizilen an der Côte d’Azur und in Salzburg treffen. Die beiden Machtmenschen aus Offenburg schenken sich nichts, aber geben in der Öffentlichkeit weiterhin das glamouröse Paar.

Es sind goldene Jahre für Aenne Burda. Der Bal paré der Burdas ist zehn Jahre lang das gesellschaftliche Highlight Münchens, heute fortgeführt mit der Verleihung des Medienpreises „Bambi“. Die Mo­dekönigin feiert Partys mit Sofia Loren, ist befreundet mit Grace Kelly, Hans-Dietrich Genscher und Karl Lagerfeld. 1973 wird sogar der Popkünstler Andy Warhol aus New York eingeflogen, um die gesamte Familie Burda zu porträtieren. Noch Wünsche offen? Die weite Welt wäre wohl dran. Aenne Burda schafft auch hier das schier Unmögliche. Sie knüpft Kontakte nach Russland, das Riesenreich hinter dem Eisernen Vorhang. 1987 der Triumph: In Moskau laufen Models in ihren Kleidern über den Laufsteg, präsentieren eine Mode, wie sie im kommunistischen Reich bislang verpönt war. Figurbetont, farbig, mit raffinierten Details. Das Foto, das die damals 78-jährige Unternehmerin im vertrauten Gespräch mit Raissa Gorbatschowa zeigt, beide in Kostümen mit den da­mals üblichen Schulterpolstern, geht um die Welt. Der Verlag Aenne Burda steht im Zenit, verkauft in 120 Ländern, darunter China, Millionen von Heften. 

Mit 85 Jahren erst wird sich Aenne Burda aus der Geschäftsführung zurückziehen. Das Alter empfindet sie als Zumutung. Zu ihrem 90. Geburtstag schenkt sie ihrer kleinen Heimatstadt eine 20 Meter hohe Statue von Jonathan Borofsky, die Stadt revanchiert sich fünf Jahre später, ein Jahr vor ihrem Tod, mit einer „Aenne-Burda-Allee“. Dann wäre da noch eine historische schwarze Dampf­lokomotive nahe der Hochschule, die immer an sie erinnern wird. Gestiftet von der Eisenbahner-Tochter als Hommage an ihren Vater, den Lokomotivführer Franz Lemminger.