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30.11.18 / Der Spießerfeind / Satire-Bilder des Sozialkritikers George Grosz im Berliner Bröhan

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-18 vom 30. November 2018

Der Spießerfeind
Satire-Bilder des Sozialkritikers George Grosz im Berliner Bröhan
Dirk Klose

Der Gegensatz, den derzeit das Berliner Bröhan-Mu­seum zu bieten hat, ist immens: Im Erdgeschoss „Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus“ gibt es Möbel, Bilder und anderes Interieur im schönsten Jugendstil, und im Stockwerk darüber politische Satire der bissigsten Art. Es sind Zeichnungen, Lithografien und späte Gemälde von George Grosz, dem berühmt-berüchtigten Künstler aus dem Berlin der Weimarer Republik. 

Im Gedenken an die Matrosenaufstände und die Gründung der deutschen Republik im November 1918 wurde auch diese nur noch bis zum 6. Januar laufende Ausstellung „George Grosz in Berlin“ eingerichtet. Wie kaum ein anderer Künstler seiner Zeit hat Grosz in drastisch übersteigerter Form politische und soziale Missstände aufgespießt. Mit geringer Ab­schwächung hielt das auch an, als er 1932 in die USA emigrierte. Von dort kehrte er 1959 nach Berlin zurück, wo er schon kurz darauf gestorben ist.

Grosz stammte aus dem pommerschen Stolp. Sein Talent zur Zeichnung schlug schon früh durch, bereits 1907 malte er erste Blätter mit sozialkritischem In­halt. Die Technik einer Kritzelei mit dem Bleistift, die keinem geometrischen Gesetz gehorcht, steigerte er in den 1920er Jahren zur Virtuosität. Seine Themen wie­derholen sich in ständiger Variation durch all die Jahre der Weimarer Republik, heute sieht man sie geradezu als Inbegriff dieser Zeit. Der Schock über den Weltkrieg saß ihm tief in den Knochen. Extrem sind seine Zeichnungen von Monokel tragenden Offizieren, von verkrüppelten So­ldaten, von Huren und Bordellen, aber auch von bitterster Not. Dreimal stand Grosz wegen Gotteslästerung und Verhöhnung der Reichswehr vor Gericht. Den heraufziehenden Nationalsozialis­mus karikiert er früh mit dem Plakat „Siegfried Hitler“. 

Trotz oder gerade wegen ihrer Aggressivität war seine Kunst ge­fragt. Der (kommunistische) Ma­lik-Verlag brachte viele seiner Ar­beiten heraus. 1923 wurde Grosz Vertragskünstler bei dem bedeutenden Kunsthändler Alfred Flechtheim, immerhin ein Vertreter des attackierten Bürgertums. Vielleicht deshalb suchte er auch andere Tätigkeitsfelder: Für das politische Theater der damaligen Jahre hat er zwölf Kostüm- und Szenenentwürfe geliefert. 1932 nutzte er eine Einladung nach New York, wo er dann blieb und als Dozent arbeitete. Hier entstanden bis in die 1940er Jahre mehrere größere Gemälde, welche die Schrecken des Zweiten Weltkrieges ebenso thematisieren wie die Furcht vor einem Nuklearkrieg. 

Ein kühner Hintergedanke be­wegt die Aussteller: Sie hoffen auf eine Initialzündung für ein künftiges George-Grosz-Museum, zu­mal in Berlin der größte Teil seines Nachlasses liegt. Ob die spröde Berliner Kulturverwaltung da mitspielt? Für die Stadt wäre es ein Gewinn.

Geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 8 Euro. www.broehan-museum.de