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30.11.18 / Jedes Rotlicht kostet Lebenszeit / Ohne Verkehrsampeln kommt nur ein Land der Welt aus

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-18 vom 30. November 2018

Jedes Rotlicht kostet Lebenszeit
Ohne Verkehrsampeln kommt nur ein Land der Welt aus
Klaus J. Groth

London war die erste Stadt mit einer Ampel. Am 10. Dezember vor 150 Jahren wurde sie am Parlamentsgebäude installiert. Heute gibt es weltweit nur ein Land, in dem der Verkehr ausschließlich per Handzeichen geregelt wird.

Als der Tourismus um die Jahrtausendwende Bhutan hinter den Bergen des Himalajas entdeckte, befahl der König eine Modernisierungs-Offensive. Wichtiger Punkt auf der Agenda war eine Ampel. Doch der König hatte die Furcht seines Volks vor Geistern und bösen Mächten unterschätzt oder während seines Studiums in den USA vergessen. Viele Autofahrer hielten das Wesen mit dem großen roten und grünen Auge, das plötzlich im Zentrum der Hauptstadt Thimphu auftauchte, für einen Drachen. Anstatt zu halten, rasten sie in Panik an dem vermeintlichen Ungeheuer vorbei. Fußgänger liefen davon, so schnell es ihre traditionellen Unisex-Wickelröcke erlaubten. Die Ampel wurde abmontiert. Seitdem regelt ein Polizist in malerischer Uniform den übersichtlichen Verkehr und sorgt für hübsche Selfies der Besucher.

Die Londoner Pionier-Ampel stand ebenfalls nur kurze Zeit. Sie sollte den Abgeordneten, die versunken in Gedanken um das Wohl des Empires die Straße überquerten, einen gefahrlosen Übergang ermöglichen. Die britische Hauptstadt gehörte Mitte des 19. Jahrhunderts mit Paris zu den verkehrsreichsten Metropolen Europas. 

Doch die Anlage mit einem roten und einem grünen Signalflügel wie bei der Eisenbahn sorgte erst recht für Chaos. Pferde scheuten und gingen durch. Sie ignorierten das Rot und krachten mit anderen zusammen. Der Polizist, der die Ampel per Fußschalter bediente, war ständig in Gefahr, umgefahren zu werden. Es kam noch schlimmer. Bei Dunkelheit und Nebel leuchtete eine drehbare Gaslaterne an der Spitze des Mastes mal rot, mal grün. Sie wurde abends von einem Polizisten angezündet. Eine Explosion verletzte den Mann tödlich. Das war das Aus für die Ampel. Bobbys regelten den Verkehr, bis elektrisch betriebene Lichtanlagen ihren Dienst aufnahmen.

Die Ampel (von ampulla, lateinisch Gefäß, Leuchte) ist das von Autofahrern am meisten gehasste Verkehrszeichen, wenn sie auf Rot springt. Und das tut sie gefühlt immer, wenn man es besonders eilig hat. Rein rechnerisch verbringt jeder Mensch zwei Wochen seines Lebens mit Warten auf das erlösende Grün. In Deutschland wurden die ersten Lichtsignalanlagen, so die amtliche Bezeichnung, Anfang der 20er Jahre in Hamburg an der Kreuzung Mönckebergstraße/Glockengießerwall und in Berlin am Potsdamer Platz installiert. Ein Nachbau des drei Meter hohen Turms ist dort zu besichtigen. Polizisten saßen in der Kabine und steuerten die Intervalle per Hand. 

Die elektrisch betriebene Ampel ist eine Erfindung des US-Polizisten Lester Wire und des Tüftlers Garrett Morgan. 1914 ließ sie zum ersten Mal in Cleveland/Ohio ihre Lichter leuchten. Bald darauf begann der Siemenskonzern mit der Produktion von Ampelanlagen, nun auch mit Gelblicht. Er wurde bald der weltweit größte Ampelhersteller. Inzwischen ist das traditionsreiche Augsburger Werk geschlossen, und 90 Mitarbeiter verloren ihre Stelle. Aus Kostengründen verlagerte das Unternehmen die Fertigung ins südenglische Poole. Teile der Forschung und Entwicklung gingen nach Tschechien. Deutschland zählt mit schätzungsweise 1,5 Millionen Ampeln zu den am dichtesten bestückten Industrienationen. LED-Leuchten reduzieren den Energiebedarf.

Um die Ampel ranken sich viele Geschichten. Da Fußgänger ihre Autorität zunächst nicht anerkannten, bastelten Erfinder an Verbesserungen. Ein Londoner Ingenieur erfand das akustische Signal. Er schrieb: „Äußerlich unterscheidet sich die sprechende Verkehrsampel nur wenig von einer gewöhnlichen Anlage … In einem an den Lampenkasten angeschlossenen Gehäuse befindet sich eine sehr gedrängt konstruierte kleine Magnetophonapparatur mit einem Band, das als Träger der Verkehrs-Befehle, oder besser -Warnungen dient, die mit sympathischer männlicher oder weiblicher Stimme durch einen eingebauten Lautsprecher angesagt werden.“ Es gibt auch musizierende Ampeln, die während der Grünphasen eine Melodie intonieren und Anwohner zur Verzweiflung treiben. 

Ein riesiges Presseecho fanden die Ampeln, welche die Wiener Stadtverwaltung zum Eurovision Song Contest 2015 in Österreich, Motto „Brücken bauen“, mit neuen Schablonen versehen ließ. Die sogenannten Queer-Ampeln zeigen Männerpaare mit Herzchen auf der Brust und zwei Frauen, die mehr sind als Freundinnen und Hand in Hand die Straße überqueren. Die Idee bot sich an, nachdem der Transvestit Conchita Wurst mit Bart den ESC im Jahr davor gewonnen hatte. Die österreichischen Heteros ärgerten sich über den Schmarren und verlangten in erregten Leserbriefen die Entfernung der ihrer Meinung nach anstößigen Symbole. Sie blieben, als Zeichen für Toleranz und bunte Vielfalt. Queer-Ampeln gib es auch in München und Berlin. Endlich fühlen sich die LGBT (lesbian, gay, bisexual, and transgender = Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) verkehrsmäßig nicht mehr ausgegrenzt.

Die allermeisten Lichtsignalanlagen sind aber so bieder, wie ihre amtliche Bezeichnung es schon sagt. Ein Männlein signalisiert bei Rot mit hängenden Armen stopp, Grün zeigt ihn im flotten Schritt. Die Ost-Variante, das Männchen mit Hut, hat bei DDR-Nostalgikern Kultstatus wie der Trabi. Psychologen haben übrigens herausgefunden, dass Passanten nur den Farbwechsel wahrnehmen, nicht die Symbole.

Bei den Ampeln für Autofahrer herrscht weltweit ausnahmsweise Einigkeit. Nur in Ausnahmefällen wird auf das gelbe Licht verzichtet oder sind die Lichter wie etwa in Japan waagerecht statt senkrecht angeordnet. Die Kommunistische Partei Chinas störte sich zwar daran, dass Rot für Halt steht, denn Rot bedeutet für Maos Enkel Aufbruch und Fortschritt, nicht Stillstand, aber wegen der unkalkulierbaren Folgen blieb es bei Gedankenspielen, an der Farbbedeutung der Ampeln zu rütteln. 

Dass die Digitalisierung nicht an der Ampel vorübergeht, ist klar. Die Ampel 4.0 könnte in Vernetzung mit autonom fahrenden Autos die Verkehrsströme optimal regeln. Aber warten müsste man vermutlich trotzdem.