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30.11.18 / Feinstaub-Alarm im Jahre 1800 / Wer hätte das gedacht: Schon vor 200 Jahren warnte ein Experte vor der Gefahr

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-18 vom 30. November 2018

Feinstaub-Alarm im Jahre 1800
Wer hätte das gedacht: Schon vor 200 Jahren warnte ein Experte vor der Gefahr
Wilhelm Widenmann

Von 1789 bis 1805 erschien im gesprenkelten Pappeinband eine umfangreiche Rezept- und Experimental-Enzyklopädie unter dem Titel „Unterricht in der natürlichen Magie. Oder zu allerhand belustigenden und nützlichen Kunststücken“. Einige Bände tragen den Zusatztitel „Völlig umgearbeitet von Johann Christian Wiegleb“ beziehungsweise „Wieglebs und Rosenthal’s gesammelte Schriften über natürliche Magie“. 

Verfasser war zunächst der Chemiker Johann Christian Wiegleb (1732–1800) aus dem thüringischen Langensalza, ein einflussreicher Chemiker, Pharmazeut, Autor, Herausgeber und Übersetzer der Aufklärung. Offenbar hat er teilweise ältere Texte und Veröffentlichungen von Johann Nicolaus Martius ergänzt und bearbeitet. 

Fortgesetzt wurde die Reihe ab Band 6 von Gottfried Erich Rosenthal. Vermutlich handelt es sich um den Nordhausener Herzoglich Sachsen-Gothaischen Bergkommissarius G. E. Rosenthal (1745–1813), einen seinerzeit bekannten Meteorologen und Messgerätebauer. Die Enzyklopädie umfasst 20 Bände. Vorgestellt wurden „elektrische, magnetische, optische, chemische und mechanische Kunststücke, Rechen- und Kartenkunststücke“, beispielsweise „Bertholon’s Elektrovegetometer“ oder „Einen Regenbogen durch Kunst hervorzubringen, von Herrn Silberschlag“. 

Im 14. Band stößt man auf eine mehrseitige Abhandlung, die vom Thema her erstaunlich aktuell ist. Zu Anfang entfaltet der Verfasser Rosenthal ein damals gängiges Szenario: „Bey der Schreiberey, so wie in allen Canzeleyen bedient man sich zur geschwindern Abtrocknung der frischen Schriften gemeiniglich des Löschpapiers und des feinen Streusandes.“ 

Dann aber kommt der Verfasser zu seinem eigentlichen Anliegen: „Derjenige, der seine Tage am Schreibpulte oder Schreibtische zu allerley Schriftausfertigungen, und selbst als Gelehrter zu verleben das Loos hat und genöthigt ist, alle Minuten nach der Sandbüchse zu greifen, um sein Papier so wie seine Lunge eiligst damit zu pudern, wird gewiß auch bemerkt haben, daß bey dem schnellen und öftern Ausstreuen des Sandes nur die gröbern Körner und kleine Steinchen auf das Papier fallen, der leichtere Staubtheil aber in der Luft zurück und darin schwimmend bleibt und größtenteils vermittelst des Athems unaufhörlich aus dieser Wolke, über welcher er sitzt, in die Lunge gezogen wird.“ 

Und der Verfasser diagnostiziert eine weitere Unannehmlichkeit. „Viele haben bey dem häufigen Gebrauche des Tintenstreusandes ein heftiges Jucken in den Augen empfunden, und an denselben eine unnatürliche Röthe beobachtet, welche durch Reiben nicht gemildert wird.“

Dass Mode mitunter Staub aufwirbelt, ist bekannt, neu aber dürfte die Meinung des Verfassers sein, dass sie es ganz real tun kann. So äußert er allen Ernstes große Bedenken, wenn zur Sommerzeit Spaziergänger der „mit Wohlgeruch parfümierten Staubwolke“ nicht ausweichen können, die modebewusste Damen mit ihren langen Schleppen aufwirbeln. Er behauptet, der „Schleppenkehricht der schleichenden Damen“ verursache „einen kurzen, trockenen Husten“. Auch gibt er generell zu bedenken: „Wie soll ein oft in die Lunge eingepuderter Staubsand aus der Lunge wieder geschafft werden können, um der Schwindsucht vorzubeugen?“ Ahnungsvoll endet der vierseitige Feinstaubalarm mit den Worten: „Vielleicht läßt sich ein Mittel erfinden, wodurch der Schreibtinte eine solche Eigenschaft gegeben werden könnte, daß sie nach dem Ausfluß aus der Feder so geschwinde als möglich auf dem Papier trocknen müßte.“