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30.11.18 / Lauernde Gefahren aus der virtuellen Welt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-18 vom 30. November 2018

Lauernde Gefahren aus der virtuellen Welt
Friedrich-Wilhelm Schlomann

In unserer heutigen Welt von Internet, Mobiltelefon und Computer sind wir von deren Systemen völlig abhängig geworden. Je komplizierter diese sind, umso leichter sind sie verwundbar. Ein Angriff auf überlebensnotwendige Infrastrukturen (etwa Stromversorgung, Verkehrswesen, Kran­kenhäuser) würde in kürzester Zeit zum Katastrophenfall führen. Mit ihrem Buch „Cyber War“ gewähren die beiden Autoren, die als Experten auf diesem Gebiet gelten, einen tiefen Einblick auch für technisch nicht versierte Leser in den Cyber-Krieg, in dem wir uns längst befinden. 

Die häufigsten Angriffsmethoden sind das Enttarnen des Passwortes und das Umgehen von Zugängen. Erleichtert wird dies durch Schlamperei und oft Unwissenheit der Entwickler. Gern wird auch versucht, Schwachstellen in Computern zu finden, um dort dann eigene Überwachungssysteme einzupflanzen oder ebenfalls Hintertüren in Digitalprodukte einzuschmuggeln. Eine Art dabei ist auch das Einschleusen von Mitarbeitern in digitale Unternehmen und die Bestechung des dortigen Personals. 

Unter den sehr vielen beschriebenen Beispielen wird ein Coup des US-Abhördienstes erwähnt:  Er ließ Lieferungen an wichtige Kunden über einen Frachtflughafen leiten, wo er in geheimen Räumen ohne Beschädigung der Versiegelung seine eigene Hardware einbaute. Bekannt wurde dessen Sabotageaktion 2010 gegen die iranischen Atomanreicherungsanlagen. 

Schon im Kalten Krieg verwanzten westliche Spionagedienste Rech­ner, die am Embargo vorbei in den Osten geschmuggelt wurden. Allerdings wurde dies bald vom KGB durchschaut. Der britische Geheimdienst GCHQ hörte lange Zeit einen belgischen Telekom­mu-nikationskonzern ab, den viele EU-Parlamentarier bei ihren Telefongesprächen nutzten. 

Russische Militärforschungsschiffe spionierten die gesamte Lage von transat­lantischen Kabeln aus. Wenn diese durch Unterwassersprengsätze zerstört würden, kämen  große Teile des weltweiten Datenverkehrs zum Erliegen. Bisher gibt es keine wirksamen Möglichkeiten, die Kabel gegen Angreifer zu schützen. 

Detailliert erläutern die Autoren die aktuelle Cyber-Strategie Moskaus gegen die westlichen Demokratien. Ziel sei die Beeinflussung der Öffentlichkeit durch Desinformationskampagnen (dass der Westen zu ähnlichen Methoden greift, verschweigt das Buch nicht). 

Bereits 2006 wurden in China Cyber-Kriegs-Einheiten in die nationale Verteidigungsstrategie aufgenommen. Ihre Hacker erzielten etliche Erfolge wie etwa ihr Zugriff auf sämtliche Fertigungsanlagen modernster US-Flugzeuge. Nord-Koreas Cyber-Offensivkräfte versuchen in quasi-krimineller Art, auf diesen Wegen Geld zu erwirtschaften.  

Schon vor Jahren erklärte ein US-Verteidigungsminister öffentlich, Cyber-Angriffe könnten so zerstörerisch sein wie der damalige Angriff auf das New Yorker World Trade Center. 

Dabei ist die Herkunft solcher Aktionen fast nie mit Sicherheit feststellbar. Oft gibt es Anhaltspunkte wie kyrillische Datennamen, nicht selten aber sollen Spuren zur Irreführung dienen und vom wahren Urheber ablenken. 

Einen echten Schutz gegen Cyber-Krieg gibt es kaum. Eine Methode ist die Verschlüsselung von Nachrichten, die nur diejenige Person lesen kann, welche den Dekodierungsschlüssel besitzt. Andererseits existiert bereits Software, welche Zugriffssi­cherungen umgehen, 

Um ernste Konflikte im Cyber-Krieg zumindest einzudämmen, schlagen die Verfasser internationale Verträge vor. Dazu hat es auch bereits mehrfach Vorstöße gegeben, indes ohne Erfolge. Vorbild für solche Übereinkünfte könnte die UN-Konvention gegen Atom- und Chemiewaffen sein. Einige Staaten verweigern indes Verhandlungsgespräche, obwohl sie im Kriegsfall selber sehr verwundbar wären. Voraussetzung ist ohnehin ein Vertrauen zwischen den Weltmächten, das gegenwärtig nicht besteht. So wird der Weg zu echten Verein­barungen im Cyber-Krieg  sicherlich ein sehr langer sein. 

Constanze Kurz /Frank Rieger, „Cyber War. Die Gefahr aus dem Netz“, Bertelsmann-Verlag, München 2018; gebunden, 288 Seiten, 20 Euro