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07.12.18 / Frieden mit dem Klassenfeind / Unter deutschen Linken finden sich kaum noch wirkliche Kommunisten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-18 vom 07. Dezember 2018

Frieden mit dem Klassenfeind
Unter deutschen Linken finden sich kaum noch wirkliche Kommunisten
Dirk Pelster

Als die KPD vor 100 Jahren gegründet wurde, traf sie den Nerv ihrer Zeit. Überall in Europa brodelte es. Schnell gewannen kommunistische Organisationen an Einfluss und errangen vereinzelt sogar Regierungsgewalt. Mit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges konnten sie im Osten des Kontinents ihre Macht zementieren. Im westdeutschen Teilstaat verlor die KPD nach einzelnen und zunächst ganz ansehnlichen Wahlergebnissen bereits vor ihrem Verbot an Bedeutung. Mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Staatenblocks in den osteuropäischen Nationen war der orthodoxe Marxismus weltweit und endgültig diskreditiert. Was bleibt also heute vom Erbe der KPD?

Organisatorisch kann lediglich die Linkspartei noch auf gemeinsame Wurzeln mit der alten KPD zurückblicken. Ihre zentrale Beteiligung an der DDR-Diktatur und ihre spätere Vereinigung mit anderen sozialistischen Gruppierungen hat sie jedoch zunehmend auf Distanz zu ihrer Vergangenheit gehen lassen. Eine Bezugnahme auf die KPD als Ganzes findet daher kaum noch statt. Vielmehr greifen Politiker der Linkspartei nurmehr ganz selektiv auf einzelne Versatzstücke des Traditionsbestandes der alten Kommunisten zurück. So werden auch im Januar des kommenden Jahres wieder führende Politiker der Linken in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht Kränze niederlegen. Waren diese Feierlichkeiten noch unmittelbar nach dem Untergang der DDR regelrechte Massenveranstaltungen, so finden sich heute neben der offiziellen Parteiprominenz der Linken nur noch wenige hundert Teilnehmer unter den Klängen eines kleinen Schalmeienorchesters ein.

Sieht man sich die Schar der Versammelten näher an, so beschleicht einen rasch das Gefühl, dass sich hier Menschen treffen, die genau das sind, was sie selbst ansonsten gerne ihren politischen Gegnern vorwerfen, nämlich Ewiggestrige. Die kommunistische Folklore und DDR-Nostalgie reduziert sich meist erst bei der sich an das Gedenken anschließenden Demonstration auf ein erträgliches Maß. Dafür mischen sich dann die Genossen der Türkischen Kommunistischen Partei und andere Politsekten in den Aufzug, um unter den Bildern von Stalin und Mao den Klassenkampf zu beschwören.

Unter ihnen in jüngster Zeit auch einige vermummte Anhänger des Berliner „Jugendwiderstandes“, die immer wieder durch gewalttätige Aktionen auf sich aufmerksam machen und unter anderen linken Gruppen wegen ihrer dezidiert antiisraelischen Haltung umstritten sind. Obwohl der militante „Jugendwiderstand“ und seine noch in einigen anderen deutschen Städten aktiven Partnerorganisationen die einzigen kommunistischen Vereinigungen sind, die einen nennenswerten Zulauf von Anhängern unter 30 Lebensjahren verzeichnen können, zeigt sich gerade an seinem Beispiel besonders deutlich, zu welch tektonischen Verschiebungen es nach 1989 im linken Lager in Deutschland gekommen ist. Nicht nur der Rekurs auf den orthodoxen Marxismus gilt heute allgemein als verpönt, sondern ebenso zentrale realpolitische Positionen des einstigen sozialistischen Staatenblocks wie etwa die Solidarität mit der palästinensischen Befreiungsbewegung.

Deutschlands Linke begeistert sich heute vor allem für die Abschaffung des Nationalstaates, die Möglichkeit zur weltweiten Migration, für Genderneutralität, für Homosexuellenrechte und für Israel. Die Kapitalismuskritik früherer Kommunisten ist nurmehr eine substanzlose rhetorische Pflichtübung geworden. Längst schon hat man Frieden mit dem Klassenfeind geschlossen. Besonders deutlich zeigt sich dies an einzelnen führenden bundesdeutschen Politikern. Nicht wenige von ihnen starteten ihre politische Karriere einst als überzeugte Kommunisten in den maoistischen K-Gruppen der 70er und 80er Jahre. Viele Mitglieder dieser Organisationen fanden am Ende ihren Weg zu den Grünen und damit schließlich in Regierungsämter.

Im Verlauf der 90er Jahre fand dann ein Prozess statt, den der Politikwissenschaftler Robert Michels schon 1911 in seinem Buch zur Soziologie des Parteiwesens treffend als Amalgamierung, also als Verschmelzung des bestehenden Estab­lishments mit seinen von unten an die Macht drängenden Opponenten, bezeichnet hatte. Dies ist der Grund dafür, dass sich unter deutschen Linken heute kaum noch wirkliche Kommunisten finden lassen.