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07.12.18 / Keine Angst vor der Leere / Meister der Wimmelbilder – Wien zeigt eine der größten Bruegel-Ausstellungen, die es je gab

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-18 vom 07. Dezember 2018

Keine Angst vor der Leere
Meister der Wimmelbilder – Wien zeigt eine der größten Bruegel-Ausstellungen, die es je gab
Alexander Glück

Aus Anlass von dessen 450. Todestag im kommenden Jahr ist in Wien die größte Ausstellung aller Zeiten mit Werken Pieter Bruegels des Älteren zu sehen. Etwa das halbe Gesamtwerk ist vereint. Bruegels geistreiche und komplexe Bilderzählungen sind von zeitloser Wirkung und Faszination. Er entwickelte eine virtuose Bildsprache, durch die er den Schrecken seiner Zeit und den Abgründen des Menschen mit Gelächter begegnete.

Besonders viele Leihgaben mussten dafür nicht einmal akquiriert werden, denn fast ein Drittel der noch erhaltenen Bruegels befinden sich sowieso in Wien – den Habsburgern sei’s gedankt. Es ist trotzdem eine Weltsensation, denn die Werke dieses Meisters werden kaum mehr auf Reisen geschickt.

Zum ersten Mal überhaupt werden Bruegels Gemälde, Zeichnungen und Grafiken gemeinsam in einer Ausstellung gezeigt, was in diesem Umfang nur durch großzügige Leihgaben möglich war. Das Gesamtwerk umfasst etwa 40 Gemälde, 60 Zeichnungen und 80 Grafiken. Viele davon verlassen für die Wiener Ausstellung zum ersten Mal ihre Heimatorte. Wer diese auf lange Sicht  größte Bruegel-Ausstellung verpasst, hat sicher keine zweite Gelegenheit, diese Werkschau zu sehen. Zur Eröffnung kam sogar das belgische Königspaar. Der im niederländischen Breda geborene Bruegel starb in Brüssel.

Pieter Bruegel der Ältere (um 1525/1530–1569) ist als Schöpfer teilweise überaus populärer Werke einer der wichtigsten flämischen Maler des 16. Jahrhunderts. Die Verbindung seiner Bilder zu Wien hat geschichtliche Gründe. Die Versendung unersetzlicher Werke wie „Der Triumph des Todes“ aus dem Prado in Madrid, „Die Heuernte“ aus dem Palais Lobkowicz in Prag oder „Die Anbetung der Könige im Schnee“ aus der Sammlung Oskar Reinhart in Winterthur erforderte enorme logistische, konservatorische und versicherungstechnische Vorbereitungen. Für die Leihgabe des letztgenannten Bildes hatte man in der Schweiz sogar ein Gesetz geändert. Manche Bilder, etwa drei auf „Tüchlein“ gemalte, sind aber nicht verleihbar.

In der Wiener Ausstellung werden die Werke nicht allein als achtungsgebietende Ikonen der abendländischen Kunst inszeniert, sondern sie können von den Besuchern sozusagen erforscht werden. Dies funktioniert mit zahlreichen Begleitmedien, beispielsweise Vergrößerungen, Spezialfotografien (UV- und InfrarotLicht) und anderen technischen Hilfsmitteln, die verschiedene Farbschichten erkennbar machen und damit einen tiefen Einblick in Bruegels Arbeitsweise ermöglichen.

Darin liegt ganz sicher ein hoher Wert dieser Ausstellung, denn die Besucher können sich auf diese Weise einen starken Eindruck davon verschaffen, was alles hinter der obersten Schicht liegt, was alles erforscht wird und was die Neugier auf mehr wecken kann. Für die Aura der Bilder bleibt noch genug Raum. Dieses Konzept kann man gar nicht hoch genug preisen in unserer Zeit, deren Ausstellungen sonst oft den „Horror vacui“, die Angst vor der Leere, spürbar machen, der Kuratoren befällt, wenn sie nicht wissen, was sie zwischen Animation, technischem Getue und Rätsel-Rallye eigentlich Gewichtiges zu sagen hätten. Hier, bei Bruegel, ist es eine ganze Menge, und man kommt aus der Ausstellung mit einer gewissen Erleuchtung hinsichtlich des Machbaren in der Kunstforschung heraus.

Hinter der Ausstellung liegen sechs Jahre internationale Forschung. Kuratorin Sabine Pénot sieht darin „den Schlüssel zum Erfolg“. Gleichwohl liegt in dieser extremen Durchdringung dieser Werke – eines ist zugunsten der „materiellen Aspekte des Werkes“ rahmenlos von vorne und auch von hinten zu betrachten – auch eine kleine Entzauberung, denn hier wird vom Konzept der reinen Bild-Präsentation abgegangen und die Inszenierung ein biss­chen in Richtung Gerichtsmedizin verschoben. Die Magie früherer Werkschauen wird geopfert, an ihre Stelle tritt eine neue.

Diese analytische Herangehensweise wird dem Werk dieses Ma­lers in besonderer Weise gerecht, denn in jedem seiner Bilder gibt es eine Vielzahl von Details zu entdecken, Parallelen zum Werk Hieronymus Boschs treten deutlich in Erscheinung. Jedes einzelne der gezeigten größeren Gemälde kann für sich einen Nachmittag füllen. Der deutlich hervortretende Humor des Malers, seine Gesellschaftskritik und der weise Blick auf den Lauf der Welt (Beispiel: „Der Triumph des Todes“) ziehen den Besucher in ihren Bann. 

Zwischen den weltberühmten Bruegel-Klassikern gibt es auch jede Menge zu entdecken, insbesondere bei den Druckgrafiken, etliches bleibt rätselhaft. Es kann sein, dass diese Ausstellung bei manchem Besucher am Beginn einer noch lange anhaltenden Beschäftigung mit diesem Maler steht.


Bis 13. Januar, Kunsthistorisches Museum Wien, Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien, geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, Eintritt: 20 Euro. Internet: www.bruegel2018.at. Buchtipp: Jürgen Müller, „Pieter Bruegel. Das vollständige Werk“ (Taschen-Verlag, 492 Seiten, 150 Euro).