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07.12.18 / Ein Frauenlob, der Frauen lobt / Ein reimender und singender Schlagerstar des Mittelalters – Zum 700. Todestag des Minnesängers Heinrich von Meißen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-18 vom 07. Dezember 2018

Ein Frauenlob, der Frauen lobt
Ein reimender und singender Schlagerstar des Mittelalters – Zum 700. Todestag des Minnesängers Heinrich von Meißen
Martin Stolzenau/tws

Die Stadt Meißen hat viele bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht. Einer trägt sogar ihren Namen. Es handelt sich um den mittelalterlichen  Minnesänger Heinrich von Meißen, der unter den Beinamen „Frauenlob“ bekannt ist und der vor genau 700 Jahren starb.

In der kulturgeschichtlich be­deutenden „Manessischen Liederhandschrift“, die wegen ihres Aufbewahrungsorts auch als „Große Heidelberger Liederhandschrift“ be­zeichnet wird und die von 140 Dichtern rund 7000 Strophen sowie zahlreiche szenische Abbildungen enthält, ist auch Heinrich von Meißen verewigt. Der Minnesänger und Spruchdichter wurde von den Meistersingern als einer ihrer zwölf Meister angesehen. Für sein Eintreten für den Begriff „vrouwe“ (Frau, Herrin) statt „wip“ (Weib, Frau), für seinen Leich – einer Dichtform des Minnesangs – zu Ehren der Jungfrau Maria und für seine Frauenverehrung erhielt er den Beinamen „Frauenlob“. 

In der modernen Literaturwissenschaft gilt er wegen seiner Meisterschaft neben anderen wenigen Größen wie Reinmar von Hagenau, Heinrich von Morungen, Friedrich von Hausen, Heinrich von Veldeke und besonders Walter von der Vogelweide als eine Lichtgestalt der spätmittelalterlichen Lyrik, die über ihren Tod vor 700 Jahren hinaus bis heute nachwirkt. Diese besondere Rolle wird auch durch die überlieferte Abbildung in der „Großen Heidelberger Liederhandschrift“ do­kumentiert: Er thront über anderen Gefährten als „Dichterfürst“.

Meister Frauenlob sitzt im linken oberen Bildteil auf einer gelben Kastenbank, blickt auf eine Schar bunt gekleideter Spielleute hinunter und zeigt auf das im rechten oberen Teil befindliche Wappen. Er trägt einen kostbaren Hermelinmantel und scheint die unter ihm versammelten Spielleute mit einem Holzstab zu dirigieren. Die bunt gekleideten Spielleute benutzen sieben damals gebräuchliche Instrumente. 

In der Literaturwissenschaft wird vermutet, dass er auf dem Bild als Leiter der von ihm in Mainz begründeten Meistersängerschule mit seinen Jüngern dargestellt ist. Das Wappen beinhaltet einen deutlichen Hinweis auf den Beinamen des Dichters. In einem grünen Feld ist eine gekrönte Frauenbüste mit weißem Hals­tuch zu sehen. Wer war dieser herausragende Repräsentant des Minnesangs?

Der Dichter wurde um 1250 in Meißen geboren. Seine Dichtersprache und Reime sind vom Meißnischen Dialekt geprägt. Er besuchte wahrscheinlich die Domschule seiner Vaterstadt, er­hielt hier eine vielgestaltige Ausbildung bis hin zur Poetik, Komposition und Beherrschung verschiedener Instrumente. In einem Urteil des Zeitgenossen Hermann von Damen wird Heinrichs Frühbegabung schon im Alter von 

13 Jahren hervorgehoben. Seine anschließende Karriere als Dichter und Fürstendiener an verschiedenen Orten lässt sich nur aus Anspielungen in seinen Dichtungen erschließen. 

Als erster Nachweis für sein Auftreten an einem Fürstenhof gilt 1278, als er vor dem deutschen König Rudolf I. als Dichter in Erscheinung trat. Seine Dichtungen belegen zudem nachfolgende Beziehungen zu den Höfen von König Wenzel II. von Böhmen um 1286, Herzog Heinrich von Breslau um 1290 und danach am Hof des Herzogs Heinrich von Meck­lenburg. Anschließend weilte er nacheinander im Umfeld des Dänenkönigs Erich und des Fürsten Wizlaw III. von Rügen. 

Nach seinem Aufenthalt an der Ostsee weilte er als Meistersänger an vielen weiteren Höfen. Überall glänzte Heinrich durch neue Schöpfungen, die seine gelehrte Bildung verraten, einerseits sein Epigonentum erkennen lassen und andererseits aber auch seinen hohen Originalitätsanspruch so­wie sein Streben zu neuen künstlerischen Ufern deutlich machen. Er verband dabei die versinkende ritterliche Kultur mit der neuen städtischen Kultur und lässt den Entwicklungszusammenhang zwischen Walter von der Vogelweide und Hans Sachs anklingen. 

Dazu kommt die Musik seiner Dichtungen. Er war so etwas wie ein Schlagersänger des Mittelalters, der von der Minne sang, also der Liebe im Sinne von Verehrung einer Herrin. Als Theologe hinterfragte er er die Geheimnisse der Schöpfung. Als Didaktiker widmete er sich neben der Preisung seiner fürstlichen Gastgeber auch der Zeitgeschichte, Sozialkritik und Sozialbelehrung. Als Minnesänger im engeren Sinne steigerte er die Minne zu einem religiös empfundenen Kult der Frau. Heinrich  verließ mit seinen Dichtungen mitunter sogar den höfischen Boden, näherte sich einem bürgerlichen Denken an und erhob sich damit über seine spätmittelalterlichen Dichterkollegen hinaus zu einer neuen zukunftsweisenden Qualität. 

Als letzte Station seines Wirkens ist Mainz überliefert, wo er ab 1312 in der Gunst von Peter von Aspelt stand, dem Erzbischof von Mainz. Er glänzte in der erzbischöflichen Residenz mit weiteren Dichtungen, gründete der Überlieferung nach eine Singschule und starb hier in hohem Ansehen am 29. November 1318. Vor 700 Jahren fand er seine letzte Ruhestätte im östlichen Kreuzgang des Mainzer Doms, was als Auszeichnung zu werten ist. 

Der Sage nach sollen ihn Frauen damals zu Grabe getragen und dabei seine „Gruft mit Rheinwein begossen“ haben. Der 1774 bei Bauarbeiten zerstörte Grabstein für den „Dichterfürsten“ wurde neun Jahre später erneuert. 1840 schuf der Historienmaler Alfred Rethel eine Darstellung, die das Begräbnis zum Inhalt hat. In der Stadt Mainz erinnert am Rheinufer auf der Höhe der Frauenlobstraße eine Plastik an den Meistersänger.