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21.12.18 / Oh, du kitschige Weihnachtszeit / Weihnachtsmärkte verbreiten sich in Polen, doch die „german Gemütlichkeit“ fehlt oft

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51/52-18 vom 21. Dezember 2018

Oh, du kitschige Weihnachtszeit
Weihnachtsmärkte verbreiten sich in Polen, doch die „german Gemütlichkeit“ fehlt oft
Chris W. Wagner

Auch wenn man es ungern zugibt, die deutsche Tradition der Weihnachtsmärkte hat polenweit Einzug in die Veranstaltungskalender vieler Städte genommen. Doch nur in einer Stadt ist der Weihnachtsmarkt auch wirklich deutsch, wenn auch nur an einem Tag. Man steht dort offen zu dieser Tradition.

Am dritten Adventsonnabend stehen dann Jugendliche der deutschen Volksgruppe auf der Bühne und stimmen Weihnachtslieder an. „Ich dachte, ich höre nicht richtig, als ich vor vier Jahren durch meine Heimatstadt schlenderte und plötzlich ‚Ihr Kinderlein kommet‘ erklang. Ich habe Rotz und Tränen geweint. Seit damals komme ich jedes Jahr am dritten Samstag im Advent zum Weihnachtsmarkt nach Oppeln“, berichtet eine ältere Dame, die es nach dem Krieg nach Hannover verschlagen hat. Sie freut sich auch auf den Weihnachtsschmuck, den fleißige Hände aus den Reihen der Deutschen Freundschaftskreise gebastelt haben, und die an den Ständen verkauft werden. Aus den Einnahmen werden Jugendprojekte der Deutschen Minderheit unterstützt. Es gibt an diesem Tag einen Weihnachtsliederwettbewerb und viele Auftritte von Blasorchestern, Chören sowie Gesangs- und Tanzgruppen aus Oberschlesien. „Deutsche Weihnachtslieder sind wunderschön. Ich warte den ganzen Advent auf den deutschen Weihnachtsmarkt, weil dabei so viel gesungen wird. Das fehlt mir bei anderen Weihnachtsmärkten“, so Angieszka Kolodziej, die aus beruflichen Gründen von Danzig nach Oppeln zog. „Wir haben in Danzig einen viel größeren, imposanteren Weihnachtsmarkt, aber irgendwie fehlt ihm die Seele“, so die Mitvierzigerin.

Dabei ist der Danziger Magistrat besonders stolz auf seinen Weihnachtsmarkt und hat deshalb einen Führer durch die Weih-nachtsattraktionen herausgebracht – der Weihnachtsmarkt hat dabei einen besonderen Stellenwert. Für dieses Jahr hat sich die Stadt als Besonderheit ein Doppelstock-Karussell ausgedacht. Es steht auf dem Kohlenmarkt. Wer dort seine Runden dreht, tut zugleich Gutes, denn ein Teil des Erlöses fließt in die Hospizstiftung. Zum ersten Mal wurde auch eine gastronomische Meile eingerichtet mit Speisen aus Europas Küchen. So wird der hungrige Danziger neben spanischen Churros (Schmalzgebäck), griechischer Bougatsa (süß oder deftig gefülltem Blätterteig), den ungarischem Langos (süß oder deftig belegter, in Fett gebackener Hefeteigfladen) probieren können. Für ausländische Touristen stehen polnische Piroggen, Sauerteigsuppe (Zurek) und kaschubischer Cidre mit Rum im Angebot. Deutsche finden auf dem Danziger Weihnachtsmarkt einige heimische Elemente. Im Zentrum des Geschehens erinnert eine „Engelsmühle“, so nennen Polen die Weihnachtspyramide mit ihren Figuren der Drei Könige, der Heiligen Familie sowie der Engel und Heiligen an die Botschaft der Adventszeit – die Erwartung Christi Geburt. So ganz ohne Kitsch ist man jedoch nicht ausgekommen. An einem Stand hängt ein Sprechender Elchkopf – es ist Elch Lukas (Lucek), der gerne abgedroschene Witze erzählt. Außerdem begrüßt er die Besucher in vielen Sprachen. Auf Deutsch sagt er: „Alle Informationen über Danzig finden Sie auf www.visitgdansk.com“. 

„Meine Großmutter erzählte mir von dem Kindlesmarkt in Breslau, dass es für die Kleinen Zuckerstangen gab und diese, wenn sie nicht gleich aufgegessen wurden, an den Weihnachtsbaum gehängt wurden. Heute erinnert mich der Weihnachtsmarkt in Breslau eher an eine Kirmis“, berichtet Darek aus Oppeln, dessen Großmutter in der Vorkriegsweihnachtszeit ihre Tante in Breslau besuchte. Besonders scheußlich findet Darek die „Nikolaus-Galerie“. Die grell leuchtenden und blinkenden Lichter und die kitschige Dekoration erinnern eher an ein Spielcasino in Las Vegas und haben nichts mit weih-nachtlicher Atmosphäre zu tun, so Darek. Er fährt viel lieber nach Kattowitz zum Weihnachtsmarkt. Dort setzt man, besonders am Anfang der Adventszeit, auf die Tradition der Bergleute. Am vierten Dezember feiern diese den Tag ihrer Schutzpatronin, die Heilige Barbara, und das mit vielen Blasmusikkonzerten.

Auch im oberschlesischen Gleiwitz wurde der Ring zum Weih-nachtsmarkt umgewandelt. Ein Karussell im Retrostil ist ein wahrer Blickfang, doch die weihnachtliche Atmosphäre wird hier von einigen übergroßen „Märchengestalten“ gestört, die nur noch von einer Reihe tanzender Elfen in ihrer Kitschigkeit übertroffen werden. „Da ertrage ich doch eher den Auftritt der Goralenkapelle aus den Beskiden. Die passen hier noch eher hinein, als der Gospelchor und diese Disney-Figuren“, ärgert sich der Oppelner Darek, denn „es wäre besser, wenn der Gleiwitzer Magistrat sich mehr auf die eigenen Wurzeln besinnen würde“.