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21.12.18 / Ein Lied geht um die Welt / Unweit von Salzburg erklang an Heiligabend vor 200 Jahren zum ersten Mal »Stille Nacht! Heilige Nacht!«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51/52-18 vom 21. Dezember 2018

Ein Lied geht um die Welt
Unweit von Salzburg erklang an Heiligabend vor 200 Jahren zum ersten Mal »Stille Nacht! Heilige Nacht!«
D. Jestrzemski

Auch nach 200 Jahren hat das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ nichts von seinem Zauber verloren. Zum ersten Mal erklang es Weihnachten 1818 in der Pfarrkirche St. Nikolai in Oberndorf bei Salzburg. 

Bing Crosby, Elvis Presley, Roy Black, Helene Fischer – alle Sänger haben gemeinsam, dass sie „Stille Nacht“ gesungen haben. Vom weltweit wohl bekanntesten Weihnachtslied liegen mehr als 300 Übersetzungen und unzählige Einspielungen von prominenten Sängern und Gruppen vor.

2011 nahm die UNESCO „Stille Nacht“ in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf als ein Lied, das mit seiner Friedensbotschaft Menschen weltweit verbindet und wie kein anderes Weih­nachtslied das Weihnachtsbrauchtum repräsentiert. Um die Aufnahme hatte sich die Oberndorfer Stille-Nacht-Gesellschaft bemüht, die das Erbe des Liedguts pflegt. Von tiefem Glauben und Dankbarkeit, von Sehnsucht nach Frieden und Erlösung zeugen die von der herzerwärmenden Melodie untermalten Verse. 

Ihr Verfasser ist der aus Salzburg stammende Hilfspriester Joseph Mohr. Wegen seines musikalischen Talents wurde er seit dem Kindesalter gefördert, studierte Theologie und wurde zum Priester geweiht. Den tröstlichen Liedertext mit den ursprünglich sechs Strophen schrieb Mohr 1816 im Salzburger Lungau. 

1817 kam er als Pfarrgehilfe nach Oberndorf und wurde auch dort mit der großen Not der Be­völkerung konfrontiert. Am Weih­nachtstag 1818 komponierte der Lehrer und Organist Franz Xaver Gruber auf Bitten von Mohr eine zu seinen Liedversen passende Melodie für zwei Solostimmen, Chor und Gitarrenbegleitung. In der Christmette trugen Mohr (Tenor) und Gruber (Bass) das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ mit Gitarrenbegleitung vor. 

Später hat man die Entstehung des Liedes mit verschiedenen Mythen und Deutungen verknüpft, zuletzt im US-Spielfilm „Stille Nacht“ von 2012. Nichts davon ist überliefert, nur dass die Gemeinde – überwiegend Familien von Schiffsbauern und Salzach-Schiffern – das Lied mit Beifall aufgenommen habe. Letzteres erwähnte Gruber am 30. Dezember 1854 in seiner „Authentischen Veranlassung“. Damit wollte er seine Urheberschaft des schon weithin bekannten Liedes bezeugen, das als „ächtes Tyroler Volkslied“ galt. 

Gruber lebte seit 1833 als Organist und Komponist in Hallein. Mohr hat wohl den Siegeszug des Liedes nicht mehr miterlebt. Sein letzter Einsatzort war Wagrain im Pongau, wo er 1848 mittellos an einem Lungenleiden starb.

Ein Zillertaler Orgelbauer brachte das Stille-Nacht-Lied 1821 mit in seine Heimatgegend. Dort nahmen es die Sängerfamilien Rainer und Strasser mit den Strophen 1,6 und 2, in dieser Reihenfolge, in ihr Repertoire auf. Bereits 1822 trugen es die Rainer-Geschwister im Tiroler Schloss Fügen Kaiser Franz I. und dem russischen Zaren Alexander I. vor. Beide Sängergruppen unternahmen ausgedehnte Reisen, die sie zunächst nach Deutschland führten. So wurde das Lied von Ort zu Ort getragen. Für das Jahr 1832 ist eine Aufführung durch die Familie Strasser in Leipzig erwähnt, wo „Stille Nacht“ offenbar schon bekannt war. 1839/40 trat die Rainer-Familie zu Beginn ihrer USA-Tournee in New York auf. Übersetzungen in die englische Sprache sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts überliefert. Um diese Zeit verbreiteten auch katholische und evangelische Missionare „Stille Nacht“ in vielen Gegenden der Welt. Um 1900 wurde das stimmungsvolle Weihnachtslied auf allen Kontinenten gesungen. 

In Deutschland hat das Singen des Stille-Nacht-Liedes bei häuslichen Weihnachtsfeiern seit Mitte des 19. Jahrhunderts Tradition. Wie kürzlich bekannt wurde, hat daran der Hamburger Pastor und Gründer der Inneren Mission, Johann Hinrich Wichern, einen wesentlichen Anteil. In das 1844 gedruckte Liederbuch für seine Heimkinder der Rettungsanstalt „Das Rauhe Haus“ nahm Wichern die dreistrophige Fassung von „Stille Nacht“ auf. Durch einen regen Waren- und Ideenaustausch verbreitete sich das Lied im protestantischen Preußen. Es fand Eingang in die Gesangbücher für den Jugendgottesdienst, die innere und überseeische Mission, der auslandsdeutschen Gemeinden, das Militär und die Seemannsmission. 1881 bis 1895 wirkte Wicherns Tochter Caroline als Gesangslehrerin am Ellerslie-College in Manchester, einer Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen. Dadurch entstand in England eine zweite Schiene der Verbreitung von „Stille Nacht“.

In Oberndorf als Ursprungsort des Stille-Nacht-Liedes und Zentrum des Stille-Nacht-Gedenkens findet alljährlich am 24. Dezember um 17 Uhr vor der Stille-Nacht-Gedächtniskapelle zu Ehren von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr eine Gedenkfeier statt. Zahlreiche Besucher aus aller Welt nehmen daran teil. Die Kapelle steht auf dem Schuttkegel der alten St. Nikolaikirche. 2016 wurde im Ort ein neues Stille-Nacht-Museum eröffnet. Seit 2018 positioniert sich auch die Salinenstadt Hallein mit einem „authentischen“ Erlebnisangebot als „Franz-Xaver-Gruber-Stadt“. Herzstück ist das neue, nach dem Komponisten benannte Museum mit der noch bis zum 3. Februar laufenden Ausstellung „Stille Nacht 200 – Geschichte.Botschaft.Gegenwart“. 

In heutiger Zeit ertönt die „Stille Nacht“-Melodie in vielen Ländern schon in der Adventszeit aus dem Radio. Die Menschen summen und singen den Ohrwurm. Nur im alpenländischen Raum hält man sich weithin an die un­geschriebene Regel, „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ ausschließlich in der Christmette am 24. Dezember zu singen.