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21.12.18 / Das Ende eines Geheimdienstchefs

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51/52-18 vom 21. Dezember 2018

Das Ende eines Geheimdienstchefs
F.-W. Schlomann

Als Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes (BND) verfügt Jost Dülffer über einen einmaligen Einblick in das einstige Ge­schehen. Hatte Reinhard Gehlen als damaliger Leiter des BND lange Zeit bei Adenauer großes Ansehen genossen, so verlor er in den 60er Jahren dessen Vertrauen. Grund war seine nachlassende Arbeitskraft, zudem hatte er die Zügel über die Bürokratisierung des BND verloren. Wichtige Posten waren von veralteten Wehrmachtsoffizieren besetzt, denen „das zeitbedingte Verständnis des gegenwärtigen Geschehens fehlte“. Aus „sittlichen Bedenken“ war Adenauer gegen die Beschäftigung einstiger Gestapo-Leute, die Gehlen auf dem Gebiet der Gegenaufklärung indes „für unentbehrlich“ hielt. 

Misstrauen am Rhein aber blieb. Organisatorisch war der BND dem Kanzleramt „angegliedert“, später wurde er ihm „unterstellt“. Gehlen wollte seinen Einfluss in Bonn möglichst ausdehnen, andererseits wandte er sich verständ­licherweise gegen vertiefte Kontrollen. Ein Parlamentarisches Vertrauensgremium sowie der Bundesrechnungshof hatten zumindest ein gewisses Bild. In den Parteien erhielten nur die Fraktionsspitzen Nachrichten des BND, wobei schon früh Kontakte auch zur SPD-Opposition bestanden. 

1961 erlitt der BND seine größte Niederlage: Der Leiter des Referats Gegenspionage wurde enttarnt. Viele BND-Mitarbeiter im Osten wurden verhaftet, manche als verdächtigte „umgedrehte“ KGB-Spione abgeschaltet. Bereits 1967 gingen dort 135726 Meldungen (davon über 94000 militärischer Art) ein. Ein Jahr später besaß der Bundesnachrichtendienst eine Personalstärke von 5637 Personen mit einem Haushalt von 193 Millionen D-Mark. Seine Stärke lag nunmehr in der neuen elektronischen Aufklärung bis tief in die Sowjetunion hinein. 

Ein breites Kapitel des Buches ist der Übernahme der alliierten Abhörkontrolleinrichtungen durch den BND gewidmet, die zuweilen als „Aushöhlung eines Grundrechts“ gesehen wurde. In diesem Spannungsfeld zwischen Staatsbedürfnissen und men­schenrechtlichen Rechten erhielt Pullach Vorrang, was der Autor nicht unkritisch anmerkt. 

Ein beschämender Teil des Buches ist der Psychologischen Kriegsführung West-Deutschlands gewidmet. Seit 1952 beschlossen verschiedenste Kreise in Bonn, die Ostzonen-Bevölkerung in ihrer Widerstandskraft mit Material zu unterstützen. Tatsächlich wurde es indes ein verbissener Zuständigkeitskampf zwischen BND, dem Bundes­ministerium für gesamtdeutsche Fragen und dem Verteidigungsministerium, während in der Ostzone längst mit finanzieller Hilfe der USA Widerstandsbewegungen aktiv waren. 

Erst 1961 be­gann die Psychologische Kampfführung der Bundeswehr ihre erfolgreiche Zersetzungsarbeit gegen die DDR-Grenztruppen und die NVA.

Von Wichtigkeit für Gehlen war die Pressearbeit mit dem Ziel, in der Öffentlichkeit ein gutes Bild von seinem Dienst zu zeigen. Besonders bevorzugt wurde die Chefredakteurin der „Zeit“, Gräfin Dönhoff, die stets „hohe Bewunderung“ für ihn hatte. Zum „Spiegel“ gab es einen „wechselseitigen vertraulichen Austausch“ durch Lancierung von Exklusivinformationen, zugleich konnte der BND der Redaktion zugespielte Falschinformationen seitens der Stasi abwehren. 

In allen Einzelheiten erlebt der Leser die „Spiegel-Affäre“, bei der Adenauer „selber den BND-Präsidenten hochpeinlich verhörte“. Indes, resümiert das Buch, handelte es sich „weder um eine geheimdienstliche Ausspähung der Redaktion in Hamburg noch um Lancieren von Geheiminformationen aus Pullach an das Blatt“. 

Gehlens Nachfolger wurde Horst Wessel. Die neue Ostpolitik begleitete er mit persönlicher Skepsis, blieb aber immer loyal. Was der BND über die  DDR meldete, passte oft nicht in die politische Landschaft der Ent­spannung. Seine objektiv-skeptische Grundstimmung wurde in Bonn vielfach als störend quittiert. Resignierend heißt es im Buch: „Das war die Diagnose vom einsamen Mahner in der Wüste, die  immer weniger ernst genommen wurde“.  

Jost Dülffer, „Ge-heimdienst in der Krise. Der BND in den 1960er Jahren“, Ch. Links-Verlag, Berlin 2017, gebunden, 672 Seiten, 50 Euro