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04.01.19 / Reden unter Meinungsterror / Wie man durch »Codes« erfährt, ob man mit seinem Gegenüber frei diskutieren kann

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-19 vom 04. Januar 2019

Reden unter Meinungsterror
Wie man durch »Codes« erfährt, ob man mit seinem Gegenüber frei diskutieren kann
Erik Lommatzsch

Bei „Hamlet heißt es, „etwas“ sei „faul im Staate Dänemark“. Im Staate Deutschland der Gegenwart ist nicht nur „etwas“ faul, sondern sehr vieles. Beispielsweise sieht man sich mit einem Phänomen konfrontiert, das eigentlich nur aus Diktaturen bekannt ist.  So lässt derjenige, der die Linie der derzeitigen Regierung und der sie hofierenden Medien kritisch sieht, Unbekannten gegenüber Vorsicht walten, sobald das Gespräch politisch wird. Sofern man nicht ganz ausweicht, „tastet“ man sich ab. Ist das Gegenüber ein Gleichgesinnter oder zumindest jemand, der willens ist, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen?

Für dieses „Abtasten“ kommt eine Reihe von „Codes“ zum Einsatz. So etwa kann das Gegenüber, von dem man weiß, dass es im Bereich der Geschichtswissenschaft bewandert ist, gefragt werden: „Was halten Sie von Rolf Peter Sieferle?“ Zur Erinnerung: Es handelt sich um den im September 2016 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Historiker, dessen posthum veröffentlichtes Büchlein „Finis Germania“ für so skandalös gehalten wurde, dass es der „Spiegel“ trotz entsprechend erhobener Zahlen von seiner Beststellerliste gestrichen hat. 

Ist die Antwort etwa: „Ein Mann mit interessanten Thesen“, so kann die Reaktion des Fragenden lauten: „Schön, dann können wir frei reden!“ Erst nach derartiger Prozedur ist ein wirklich offenes Gespräch möglich. Und dabei muss sich nicht zwangsläufig herausstellen, dass die beiden Beteiligten Inhaber eines AfD-Mit-gliedsausweises sind. Meist handelt es sich einfach um schon länger hier Lebende, um ein in seiner Arroganz nur schwer überbietbares Diktum der Kanzlerin aufzugreifen, die die täglichen Entscheidungen zum Schaden des Landes, die Aushöhlung der Rechtsordnung und Propagandaberichte der sich gern als „unabhängig“ feiernden Medien über haben, andererseits offene Provokation und unangenehme Konfrontation scheuen.

„Sieferle“ ist nur einer der „Codes“. Man nähert sich vielleicht über andere bekannte, „harmlosere“ Autoren an, etwa Matthias Matussek. Vorsichtig. Auch das Urteil über Zeitungen, Zeitschriften und Internet-Blogs, mitunter allein das Bekunden, diese überhaupt zu kennen, gehört in den Bereich dieser „Abtast-Codes“. Kommen dann die wegweisenden Antworten – „Die Achse des Guten klicke ich fast täglich an“, „Tichys Einblick ist ganz schön teuer, aber ab und an kaufe ich den“, „Die JUNGE FREIHEIT gibt es jetzt auch bei meinem Zeitungshändler“, „Die Preußische Allgemeine ist alles andere als eine Zeitung für Ewiggestrige, die lese ich oft“, „Tumult bietet anspruchsvolle Perspektiven“ – , so ist der Weg frei. Zu dem, was in einem Land mit verfassungsmäßig garantierter Meinungsfreiheit eigentlich völlig normal sein sollte: Dem offenen Gespräch oder gar dem Streit um Positionen, auf gleicher Augenhöhe, ohne Moralhoheit.

Man erkennt sich an diesen „Codes“. Dann ist es auch möglich, über Götz Kubitschek und seinen Antaios-Verlag zu reden, ohne von vorn herein den Stempel „rechts“ aufgedrückt zu bekommen und damit, das ist das eigentliche Problem, im wahrsten Sinne des Wortes als „indiskutabel“ zu gelten. „Rechts“ muss dabei ja nicht einmal falsch sein, es ist das Gegenstück zu „links“. 

Betont sei, dass man bei Weitem nicht alle Positionen der hier – exemplarisch – genannten Personen oder Medien teilen muss. Dass Dinge nicht sofort verdammt werden, wäre unter anderen Umständen eine bare Selbstverständlichkeit. Heutzutage ist es ein „Code“, um zu signalisieren: „Wir können vernünftig und undogmatisch sprechen.“

Auch die Beteiligung an Petitionen an den Bundestag, die man sowohl anonym als auch für jedermann öffentlich einsehbar unterzeichnen kann, gehört hierzu. Der eigentliche Zweck – also die Einflussnahme auf politische Entscheidungen –  steht dabei gar nicht im Vordergrund. Direkte Auswirkungen haben wohl weder die Unterzeichner der „Erklärung 2018“ noch die der Petition gegen den UN-Migrationspakt erwartet. Neben einem Meinungsbild handelt es sich in erster Linie um ein Bekenntnis. Der Verweis auf die eigene Unterschrift lässt sich in so manches Gespräch einflechten. Damit sendet man, sofern der Andere im Bilde ist, ein klares Signal.

Früher hatte man schon genug damit zu tun, sich alle Passwörter oder PIN-Zahlen zu merken. Nun sind noch diese „Codes“ hinzugekommen, die man aufmerksam einsetzen oder registrieren sollte. Leider unabdingbar, aber es lohnt sich.