18.06.2024

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04.01.19 / Ein Spiel mit den Schreckgespenstern / Der ostpreußische Schimmelreiterzug sollte das Böse bannen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-19 vom 04. Januar 2019

Ein Spiel mit den Schreckgespenstern
Der ostpreußische Schimmelreiterzug sollte das Böse bannen

Ostpreußen kennen viele Bräuche. Einer ist der Schimmelreiter mit seinem vermummten Gefolge, der zwischen Weihnachten und dem Drei-Königs-Tag in die Häuser kommt und damit für viel hocherwünschte Aufregung sorgt. Beschrieben ist der Brauch in dem von der Landsmannschaft Ostpreußen herausgegebenen Heft „Zeit der Hoffnung – Zeit der Freude. Ein Weihnachtsheft“. Erhard Riemann ist der Autor des Textes „Der Schimmelreiter und sein vermummtes Gefolge“, der hier in Auszügen abgedruckt steht:

In unserer ostpreußischen Heimat war noch bis in die jüngste Vergangenheit viel uraltes Brauchtum lebendig, das in den anderen deutschen Landschaften un­bekannt oder längst ausgestorben war. Besonders in den Zwölften in der Zeit zwischen Weih-nachten und Heiligen Drei Könige hatten sich Volksglauben und Brauchtum reich entfaltet. In diesen Nächten, so glaubten unsere Vorfahren in alter Zeit, zieht die „Wilde Jagd“ mit Peitschenknall und Hundegebell durch die Lüfte. Auch sonst war es unheimlich in diesen Nächten, in denen sich der Mensch von bösen Geistern bedroht sah und sich auf alle mögliche Art vor ihnen zu schützen suchte. „In de Twelfte rammele de Wilw“ (= Wölfe), sagte man und dachte dabei wohl an böse Urweltkräfte, die den Menschen und seinen Besitz um diese Zeit mehr als sonst umdrohen. 

In einem Umzug vermummter Gestalten waren alle diese dunklen Vorstellungen Gestalt geworden, und sie waren zugleich gebannt, indem man sie darstellte: in dem Schimmelreiterzug, diesem für Ostpreußen besonders charakteristischen Brauch. In der Weihnachtszeit erwartete man immer schon mit großer Spannung das Erscheinen der „Hell Kriste“, wie man diesen Umzug in weiten Gebieten Ostpreußens nannte. Wenn es am Silvester- oder Neujahrsabend dunkel ge­worden und das Vieh in den Ställen abgefüttert war, hörte man plötzlich von draußen her laute Stimmen und Männertritte, Peitschenknallen und das Klingeln von Schlittenglocken. Die Haustür wurde aufgerissen, und der Anführer mit Peitsche und Klinger in der Hand, mit einer rohen, selbstgemachten Larve vor dem Gesicht und einer beliebigen Verkleidung erschien und bat um Einlass für sein Gefolge: „Ist es erlaubt, mit dem Schimmel einzutreten?“ Wenn das gewährt war – und wer hätte eine solche Bitte abschlagen können – dann ergoss sich eine wilde Schar lärmender, bunt verkleideter Gestalten in die Stube und führte einen wahren Hexentanz auf. 

Die wichtigste Gestalt war der Schimmelreiter. Ein Mann hatte sich vorne und hinten je ein großes Sieb vorgebunden und beide mit einem weißen Laken behängt. Am vorderen Sieb war ein selbstgemachter Schimmelkopf befestigt, der aus einem bewickelten Kratzenhalter oder aus einer hölzernen Gaffel hergestellt war. Der Schimmelreiter, der also mit seiner oberen Körperhälfte aus dem Schimmel herausragte, trug einen breitrandigen Filzhut oder eine spitze Papiermütze, ein weißes Hemd oder auch eine alte Soldatenuniform. Der Schimmel, der häufig noch von einem besonderen Schimmelführer an einem Strick oder Sielen geführt wurde, musste in der Stube alle möglichen Kunststücke vorführen und über Tisch und Bänke springen. 

Neben dem Schimmel war die wichtigste Gestalt des Zuges der Bär. Er war meistens ganz in Erbsenstroh gewickelt und wurde von einem Bärenführer an der Kette geführt. Besonders die Mädchen hatten Angst vor ihm, weil er sie zu packen versuchte und sich dann mit ihnen auf der Erde rollte. Auch der Storch war gefürchtet. Ein Mann hatte sich ein weißes Laken umgehängt und ließ vorne einen auf einer Stange befestigten Storchenkopf herausstecken, in dessen Schnabelspitze manchmal eine Stopfnadel gesteckt war. Der Storch stöberte mit seinem Schnabel alles durch, schnappte und hackte mit seinem Schnabel oder biss die Mädchen ins Bein. 

Der Ziegenbock war die einzige Gestalt, die sich vom Schimmelreiterumzug lösen und in der Silvesternacht einzeln als Neujahrsbock von Haus zu Haus gehen konnte. Auch hier trug ein Mann, der mit Laken behängt war, auf einer Stange einen selbstgemachten Ziegenkopf aus einer hölzernen Gaffel oder sogar mit echten Hörnern. Neben diesen Hauptgestalten des Umzugs gab es noch eine Fülle weiterer Nebenfiguren, die in den einzelnen Gegenden wechselten. Da war zum Beispiel der Schornsteinfeger, der Ruß und Asche aus Herd und Ofen holte und in die Stube streute, das Pracherweib, das in einem Korb die Gaben ein­sammelte, eine Frau, die ein Kind auf dem Rücken trug und mit einer Federpose im Mund sein Weinen nachahmte, der Jud und die Judsche, die Waren, zum Bei­spiel Hobelspäne oder Papierstreifen als Fitzelband verkauften, die Zigeunersche (oder Zigoansche) und im mittleren Ermland das Wurschtweib, der Paarchemann und der Fli-ckertomsk. Vereinzelt traten auch der Zigeuner, der Prachermann (oder Wengtiner), der Kickert (oder Kieker), der Steife Mann, ein Dromedar, Affen, ein Wolf, Blechmänner, Clowns und sogar der Tod mit der Sense auf. Im Ermland kam in jüngerer Zeit oft auch ein Weihnachtsmann mit, was früher nicht üblich war. 

Wenn die lärmende Schar mit Esswaren, Schnaps und Geld belohnt war, zog sie weiter, um die Nachbarn im nächsten Haus zu erschrecken. Aber einen Ort gab es doch, vor dem auch die rauen Männer des Schimmelreiterumzugs sich fürchteten: das war die Gemarkungsgrenze. Man glaubte nämlich fest daran, dass der Schimmel nicht verschickt (das heißt in Verkleidung) über die Grenze gehen dürfe, sonst geschehe ihm etwas Böses. Im evangelischen Gebiet sagte man: An der Grenze begegnet er dem anderen Schimmel, dem anderen Schimmel ohne Kopf, dem richtigen Schimmel. Im katholischen Ermland glaubte man, dass an der Grenze der Teufel komme und ihn mitnehme oder ihm das Genick umdrehe. In der Heilsberger Gegend hieß es: „sonst hebt der Teufel den Schimmelreiter in die Lüfte.“ Der Bär sollte sich zu Tode kullern, wenn er über die Grenze ginge, oder ihm sollte das Bärenfell anwachsen. 

Diese volkstümlichen Vorstellungen hatten ihren Niederschlag in vielen Sagen gefunden. Einmal vor vielen Jahren – so erzählte man – begegnete der Schim­melreiter an der Grenze zwischen Wangnick und Mockelheim (Kreis Rastenburg) einem Reiter auf einem Schimmel. Die Männer blieben wie angewurzelt stehen und konnten sich vor Furcht nicht rühren. In dem hellen Mondschein sahen sie, wie der fremde Reiter auf ihren Schimmel zuritt und wie sie beide miteinander kämpften. Zuletzt war der fremde Reiter plötzlich verschwunden, und sie konnten sich wieder rühren. Ihr Kamerad aber lag tot auf der Erde, ihm hatte der richtige Schimmelreiter das Genick gebrochen. 


Dieses und weitere Arbeitshefte stellt die Landsmannschaft Ostpreu0en in ihrer Mediathek zur kostenlosen Lektüre zur Verfügung unter Internet: www.ostpreussen.dee/lo/mediathek