18.06.2024

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04.01.19 / Japan vor dem Niedergang

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-19 vom 04. Januar 2019

Japan vor dem Niedergang
F.-W. Schlomann

Wieland Wagner lebt seit Jahren in Japan und gilt als Kenner der 125-Millionen-Bevölkerung. In seinem Buch „Japan. Abstieg in Würde“ malt er ein düsteres Bild über das Land, das bisher unbesiegbar erschien. Gewiss sei es ein ökonomischer Gigant, doch seine Menschen machten einen alten und müden Eindruck, ihnen fehlten Lebensfreude und Hoffnung. Es seien letztlich die Symptome einer post-industriellen Eigenentwicklung: die sehr schnelle Vergreisung der Bevölkerung – über ein Viertel ist älter als 65 Jahre –, die Entvölkerung ländlicher Regionen und die Überlastung des Sozialsystems. 

Die viel zu geringe Geburtenziffer könne den Trend nicht wenden. Um eine Familie zu gründen, verdienten die Menschen oft zu wenig. In zwei Jahrzehnten dürften 40 Prozent der Japaner allein le­ben. Arbeitskräfte seien knapp, Japaner müssten mehr und länger arbeiten. In der bisher männlich dominierten Gesellschaft werden nun Frauen stärker zur Arbeit gedrängt. Man fürchte um seine kulturelle Eigenart und lasse nur sehr wenig ausländische Arbeitskräfte ins Land. Stattdessen setze Tokio auf Roboter. Sich aufzulehnen, hätten Japaner nie gelernt. Vorbild seien „angepasste Firmenmenschen“. 

Ausführlich berichtet das Buch über den Tsunami im März 2011, der 20000 Menschen tötete und zum Atomausfall führte. Noch heute sei der Ort Tutabe angesichts der starken radioaktiven Verstrahlung eine Geisterstadt. Schuld sei auch menschliches Versagen: Es gab keine ausreichenden Vorkehrungen. 

Obwohl die Regierung sofort Tokio evakuieren wollte, wurde die Bevölkerung viel zu spät über das Ausmaß der Katastrophe informiert. Die Kosten der Bewältigung beliefen sich auf 166 Milliarden Euro, doch niemand wurde zur Verantwortung gezogen. Lehren aus allem zog Japan nicht, das Land hielt an der Atomenergie fest. Die Chance, sich durch tiefgreifende Veränderungen zu reformieren, wurde vertan. 

Dies indes sei schwierig, schon bedingt durch die Geschichte Japans und sein Staatswesen, das sich seit den Tagen Bismarcks preußische Tugenden zum Vorbild nahm. Hinzu komme die nationale Selbstüberschätzung durch den Sieg über Russland und sein Vordringen in der Mandschurei und Indochina. Das US-Embargo gegen das Inselreich sei faktisch eine Kriegserklärung gewesen, über den Angriff auf Pearl Harbor habe Washington vorbereitet sein müssen. Bei Kriegs­ende 1945 vermied der Kaiser das Wort „Kapitulation“, niemand übernahm die Verantwortung. Bestrebungen der USA, Japan zu demokratisieren, hätten nur bedingt Erfolg gehabt. Der Korea-Krieg brachte großen Wirtschaftsaufschwung, der zu einer Wirtschafts-Religion geführt habe. Durch seine ökonomischen Erfolge in Südostasien sah Tokio sich als Vorreiter eines asiatischen Zeitalters. 

Japan hätte ein neues Wirtschaftsmodell entwickeln müssen, doch bei der großen Bankenkrise verschuldete sich der Staat immer höher, anstatt die Banken mit Steuergeldern zu sanieren und zukunfts-trächtige Arbeitsplätze zu schaffen. Das Land schottete sich zu lange von der asiatischen Billig-Konkurrenz ab, es habe neue globale Trends verpasst. 

Gerade im Hinblick auf die Spannungen in Fernost ist ein Blick auf die militärische Situation von Bedeutung. Wohl hatte Japan in Artikel 9 seiner Verfassung auf eigene Streitkräfte verzichtet, längst bestehen aber „Selbstverteidigungskräfte“, die nach 2014 auch an militärischen Auslandseinsätzen teil­nahmen. Dabei sollten nicht drohende Gefahren durch Nordkorea und von China übersehen werden. 

Premier Abe strebe keine Bürgergesellschaft an, sondern einen konfuzianisch gepräg­ten Obrigkeitsstaat. Japan hätte ein Labor neuer Ideen gerade in der Arbeitswelt werden müssen. Der Tenno (Kaiser), immer noch geistiger Bezugspunkt der Japaner, regte eine Reform der Monarchie an, doch sie blieb aus. Abschließend bemerkt der Autor, Japan stehe nicht still, die Gesellschaft verwandele sich  auf ihre Weise.

Wieland Wagner, „Japan. Abstieg in Würde“, DVA, München 2018, gebunden, 256 Seiten, 20 Euro