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01.02.19 / »Sargfighter« mit Eisernem Kreuz / Vor 60 Jahren bestellte das Bundesverteidigungsministerium die ersten 96 Lockheed F-104

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-19 vom 01. Februar 2019

»Sargfighter« mit Eisernem Kreuz
Vor 60 Jahren bestellte das Bundesverteidigungsministerium die ersten 96 Lockheed F-104
Friedrich List

Die Lockheed F-104G gehörte zu den ersten Kampfflugzeugen, die als Waffensystem entwickelt und gebaut wurden – also inklusive Radar und Avionik. Der „Starfighter“ war zudem das erste Kampfflugzeug der Bundeswehr mit weitreichendem Radar, kombiniertem Feuerleit- und Navigationsrechner, Trägheitsnavigation und anderen technischen Neuerungen. Vor 60 Jahren, am 6. Februar 1959, bestellte die Bundesregierung die ersten 96 Kampfflugzeuge.

Allerdings setzte die Bundeswehr den „Starfighter“ für ganz andere Aufgaben ein, als die, für die er ursprünglich entworfen worden war. Clarence „Kelly“ Johnson, Chefingenieur der Lock­heed Advanced Development Projects Unit, ließ bei der Lock­heed F-104A „Starfighter“ Erfahrungen aus dem Koreakrieg einfließen. Die F-104A war ein Kurzstreckenjäger mit überragenden Steigleistungen. Die Maschine gewann eine entsprechende Ausschreibung der United States Air Force (USAF) und flog am 4. März 1954 zum ersten Mal. Die US-Luftwaffe stellte insgesamt 296 Flugzeuge in Dienst, die meisten davon Abfangjäger, sowie 88 Jagdbomber F-104C. 

Besonders zufrieden war die US-Luftwaffe nicht. Den Abfangjägern fehlte die Reichweite, den nur kurz in Vietnam eingesetzten Jagdbombern mangelte es sowohl an Reichweite als auch an Waffenlast. Im engen Luftkampf war die F-104 zeitgenössischen Jägern unterlegen und musste sich daher auf ihre Steig­leistungen verlassen. Die USAF stellte ihre „Starfighter“ bereits in den 1960ern wieder außer Dienst. Lockheed machte sich also auf die Suche nach anderen Abnehmern und schlug den europäischen NATO-Ländern sowie Japan eine verbesserte Mehrzweck-Version vor, die F-104G. 

Unter den Interessenten war auch die deutsche Luftwaffe, die einen Nachfolger für die Jets der Erstausstattung suchte. Außerdem strebte die damalige Bundesregierung die nukleare Teilhabe an, also eigene Atomwaffenträger, die unter NATO-Befehl im Ernstfall eingesetzt werden sollten. So erhofften sich die Verantwortlichen ein Mitspracherecht bei der Zielauswahl und der Entscheidung über den eigentlichen Einsatz. Als wenn das nicht gereicht hätte, reifte unter Politikern und in der Industrie die Idee, mit einem Lizenzbau-Programm Anschluss an das technologische Niveau der US-Industrie zu gewinnen. 

Die Luftwaffe führte zwar Vergleichsflüge mit anderen Typen, wie etwa der Mirage III des französischen Herstellers Dassault Aviation und der US-amerikanischen Grumman F11F „Tiger“ durch, favorisierte aber den „Starfighter“. Im November 1958 votierte der Verteidigungsausschuss einstimmig für das neue Flugzeug. Allerdings gab es damals noch keinen Prototypen der „G“. Der flog erst am 5. Oktober 1960 zum ersten Mal und unterschied sich beträchtlich von früheren Versionen. Die F-104G verfügte über ein neues Radar, Trägheitsnavigation, einen eigens für die nukleare Bomberrolle entwickelten Navigations- und Feuerleitrechner, zusätzliche Waffenstationen unter dem Rumpf, ein stärkeres Triebwerk und daher auch ein größeres Leitwerk und vergrößerte Steuerflächen. Es war praktisch ein neues Flugzeug. Auch die Marineflieger wurden mit dem „Starfighter“ ausgerüstet, obwohl sie eigentlich ein ganz anderes Flugzeug gefordert hatten. 

Im April 1961 stellte das Jagdbombergeschwader 31 „Boelcke“ in Nörvenich als erster Verband die F-104G in Dienst. Bundesluftwaffe und Marineflieger erhielten insgesamt 916 „Starfighter“ in vier verschiedenen Versionen – dem Kampfflugzeug F-104G, dem Aufklärer RF-104G sowie den Trainern F-104F und TF-104G. In den ersten Jahren war die Bundeswehr mit dem „Starfighter“ schlicht überfordert. Piloten, die vorher eher gutmütige Flugzeuge mit hohen Unterschallgeschwindigkeiten geflogen hatten, mussten nun einen Mach-2-Jet mit hohen Start- und Landegeschwindigkeiten beherrschen. Außerdem war das Flugzeug selbst noch nicht einsatzreif. Lockheed hatte Mängel der „A“ und „C“ wie ein zu schwaches Bugfahrwerk oder den nach unten feuernden Schleudersitz nicht behoben. Hinzu kamen Fertigungsfehler. Die „Starfighter“-Krise mit insgesamt 116 toten Piloten und 269 Abstürzen war die Folge. In den ersten Jahren lag der Bereitschaftsstand der „Starfighter“-Verbände zwischen 20 und 30 Prozent. Bodenorganisation, Wartung und Instandhaltung sowie die Ausbildung von Piloten und Bodenpersonal waren nur unzureichend auf ein derart komplexes Flugzeug vorbereitet. 

Auf vielen Fliegerhorsten gab es kaum Hallenraum zum Unterstellen und für Werkstätten, sodass die „Starfighter“ bei jedem Wetter draußen standen und oft auch auf dem Vorfeld gewartet und repariert werden mussten. Erst als Luftwaffe und Marineflieger Ende der 60er Jahre Wartung und Instandhaltung grundlegend reorganisiert hatten, änderte sich das. Aus dem „Witwenmacher“, „Erdnagel“, „fliegendem Sarg“ und „Sargfighter“ wurde nach einem Jahrzehnt Arbeit schließlich ein zuverlässiges Kampfflugzeug. 

Bei der Luftwaffe flogen zwei Jagdgeschwader, sechs Jagdbombergeschwader und zwei Aufklärungsgeschwader den „Starfighter“. Die Marineflieger verfügten über zwei Geschwader mit F-104-Jets. Allerdings war die Luftwaffe mit der F-104G als Jäger und Aufklärer nie zufrieden und ersetzte sie in beiden Rollen durch die McDonnell F-4 „Phantom II“.

Die Marineflieger nutzten die F-104 als echtes Mehrzweckflugzeug und behielten auch die Aufklärerversion, die RF-104G, viel länger in Dienst als die Luftwaffe. Die 1. Staffel des Marinefliegergeschwaders (MFG) 2 flog bis zur Außerdienststellung der RF-104G unter dem Codenamen „Eastern Express“ Aufklärung in der östlichen Ostsee. Die Marine-„Starfighter“ konnten Lenkwaffen zur Schiffsbekämpfung tragen. 1991 wurden die letzten F-104 ausgemustert.

In den späten 1970er Jahren stellte sich heraus, dass Lock­heed in zahlreichen Abnehmerländern Entscheider für ihr Wohlwollen bezahlt hatte. Darüber stürzten der liberaldemokratische japanische Premierminister von 1972 bis 1974, Tanaka Kakuei, in Italien der christdemokratische Staatspräsident von 1971 bis 1978, Giovanni Leone und der sozialdemokratische Verteidigungsminister von 1970 bis 1974, Mario Tanassi. In den USA mussten 1976 der Lock­heed-Chef Daniel Haughton und sein Stellvertreter Carl Kotchian ihre Hüte nehmen. In Deutschland wurden Vorwürfe gegen den seinerzeitigen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, den Bankier Hermann Josef Abs sowie leitende Beamte des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung erhoben. Speziell die Vorwürfe gegen Strauß ließen sich wegen fehlender Unterlagen nie erhärten.