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05.04.19 / Wie bestellt und nicht abgeholt / Zwei Bildhauer-Genies – Duisburg stellt den vor 100 Jahren gestorbenen Wilhelm Lehmbruck neben Rodin

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-19 vom 05. April 2019

Wie bestellt und nicht abgeholt
Zwei Bildhauer-Genies – Duisburg stellt den vor 100 Jahren gestorbenen Wilhelm Lehmbruck neben Rodin
Veit-Mario Thiede

Vor 100 Jahren beging der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck Selbstmord. Der von Depressionen geplagte Künstler sah in Rodin ein Vorbild. Entsprechend ehrt Duisburg ihn jetzt mit der Schau „Lehmbruck & Rodin“.

Ob emporsteigender oder niedergestürzter Jüngling: Die Bildhauerei Wilhelm Lehmbrucks beeindruckt. Seine spindeldürre „Kniende“ (1911) gilt als Verkörperung der modernen Bildhauerei schlechthin. Aber obwohl er ein erfolgreicher Künstler war, hatte er mit nur 38 Jahren genug vom Leben und drehte am 25. März 1919 in seinem Berliner Atelier die Gashähne auf. 

„Keiner weiß warum“, sagt Söke Dinkla. Sie ist Direktorin des Duisburger Lehmbruck Museums. Es beherbergt die weltgrößte Sammlung des Bildhauers, der sich auch mit Gemälden und Grafiken hervortat. Das von Lehmbrucks Sohn Manfred entworfene Museum zeigt die Gedächtnisschau „Schönheit. Lehmbruck & Rodin – Meister der Moderne“. Sie umfasst 100 Werke der beiden Künstler sowie einige Arbeiten von neun Zeitgenossen und Nachfolgern.

Warum spielt Auguste Rodin in Lehmbrucks Gedächtnisschau ei­ne so prominente Rolle? Weil sich der 1881 in Duisburg-Meiderich geborene Bergmannssohn intensiv mit dem Werk des Franzosen beschäftigte. Nachdem sich Lehmbruck mit Gattin Anita 1910 in Paris niedergelassen hatte, lernte er Rodin persönlich kennen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs veranlasste Lehmbruck zum Umzug nach Berlin, wo er sich zum Sanitätsdienst meldete. 

Von 1917 an lebte der Künstler mit Anita und den drei Söhnen in Zürich. Dort verliebte sich der unter Depressionen leidende Künstler unglücklich in die junge Schauspielerin Elisabeth Bergner. Sie saß ihm Modell für die Halbfigur der ausgesprochen hochnäsig wirkenden „Betenden“ (1918).

Museumsdirektorin Dinkla bezeichnet die Werke von Rodin und Lehmbruck als „verstörend schön“. Denn beide setzten sich von der akademischen Kunst ab, deren Vorbild die harmonisch proportionierten Körper antiker Bildwerke waren. Rodin und Lehmbruck aber strebten nach modernem künstlerischen Ausdruck. Lehmbruck äußerte: „Zeitgemäß muss die Kunst sein, nicht ein Wiederaufgreifen alter Stile.“

Die Ergebnisse dieses Bestrebens fallen jedoch trotz verwandter Darstellungsthemen verschieden aus. Rodins gedrungene Figuren neigen zu Gefühlsausbrüchen und vermitteln den Eindruck von Bewegung. Lehmbrucks überlängte Gestalten setzen hingegen auf Ruhe und Zurückhaltung. Dinkla bringt das auf die Formel: „Das Introvertierte (Lehmbrucks) und das Extrovertierte (Rodins) sind das Gegensatzpaar, das wir in den Figuren der beiden Bildhauer wiederfinden.“

Seinen „Sitzenden Jüngling“ (1916/17) bezeichnete Lehmbruck als Gegenentwurf zu Rodins „Denker“ (1881/82): „Sehen Sie, das ist meine Konzeption eines Denkers. Rodins ,penseur‘ ist muskulär wie ein Boxer. Was wir Expressionisten suchen ist: präzis aus unserem Material den geistigen Gehalt herauszuziehen.“

Rodins „Penseur“ erklärt das Denken zum Kraftakt. Der nach vorn gebeugte Oberkörper ist angespannt, die Rechte gegen das Haupt gestemmt und die Unterschenkel sind zum Körper hin angewinkelt. Man macht sich darauf gefasst, dass er jeden Moment aufspringen und zur Tat schreiten könnte. Lehmbrucks magerer „Sitzender Jüngling“ wirkt dagegen ausdrucksvoll niedergeschlagen. Er lässt das ungestützte Haupt tief hängen und streckt die Unterschenkel vor, sodass an schnelles Aufstehen nicht zu denken ist. Zwar signalisiert die zur Faust geballte Rechte Tatkraft, die schlaff herunterbaumelnde Linke aber verrät Unentschlossenheit.

Dinkla verallgemeinert diese Beobachtung: „Lehmbrucks Skulpturen sind gezielt mehrdeutig.“ So weist sein „Emporsteigender Jüngling“ (1913/14) mit den Fingern in die Höhe, aber neigt den Kopf nach unten. Und sein Frauenakt „Große Sinnende“ (1913) könnte ebenso gut „Wartende“ heißen, denn mit ihrem hinter den Rücken geführten rechten Arm, dessen Finger das linke Handgelenk umgreifen, wirkt sie wie bestellt und nicht abgeholt.

Der „Torso“ genannte fragmentierte Körper war eine wichtige Anregung, die von Rodins Schaffen ausging, Ihm ist die umfangreiche letzte Abteilung gewidmet. Sie beginnt mit Rodins „Das Gebet“ (1909) betitelter Darstellung einer nackten Frauenfigur ohne Kopf, Arme und Unterschenkel. Er war der erste Bildhauer, der den Torso zum eigenständigen Kunstwerk erhob. Sein Beispiel machte Schule. Das belegt die Schau mit stark abstrahierten Werken von Arp, Archipenko und Brancusi. Lehmbruck gewann die Torsi entweder durch Zerteilung seiner Ganzfiguren, bevorzugt der weiblichen, oder durch von vornherein als solche konzipierte Neuschöpfungen. 

Die eindrucksvollste dieser Plastiken ist der armlose, bis etwa zur Hälfte des Oberkörpers wiedergegebene „Kopf eines Denkers“ (1918). Während das Haupt als Sitz des Geistes unversehrt ist, wirkt der körperliche Rest regelrecht verkümmert. Davon ausgenommen ist die an den Brustkorb gelegte linke Hand. Sie formt ein Herz. Lehmbrucks Freund, der Dichter Fritz von Unruh, äußerte 1919 über dieses Werk: „Ein Kopf, der nicht durch seine Sinnesorgane in die Plastik tritt, sondern durch die Wölbung des Stirnschädels die Gedankenwelt zur Dominante unseres Leibes erhebt.“

Wilhelm Lehmbruck ist neben seiner Frau Anita auf dem Duisburger Waldfriedhof bestattet. Auf der Stele am Ehrengrab stand ein Ei­senguss des „Kopfes eines Denkers“. Er wurde vor einigen Jahren gestohlen. Der 100. Todestag gab den Anstoß, das Ehrengrab wieder mit dem „Kopf eines Denkers“ zu schmücken. Diesmal als vor Metalldieben sicherer Steinguss.

Bis 18. August im Lehmbruck Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, Duisburg, geöffnet Dienstag bis Freitag von 12 bis 17 Uhr, sonnabends und sonntags von 11 bis17 Uhr, Eintritt: 9 Euro. Katalog: Hirmer Verlag, 208 Seiten, 39,90 Euro. Empfehlenswert ist Marion Bornscheuers kleine Künstlerbiografie „Wilhelm Lehmbruck“, Wienand Verlag, 95 Seiten, 12,95 Euro. Internet: www.lehmbruckmuseum.de