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19.04.19 / Nach dem Vorbild der Vertreiberstaaten / Die Niederlande wollten nach dem Zweiten Weltkrieg deutsches Territorium annektieren und die Bewohner ausweisen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16-19 vom 19. April 2019

Nach dem Vorbild der Vertreiberstaaten
Die Niederlande wollten nach dem Zweiten Weltkrieg deutsches Territorium annektieren und die Bewohner ausweisen
Wolfgang Kaufmann

Vor 70 Jahren besetzten die Niederlande, aber auch Belgien und Luxemburg Gebiete im We­sten Deutschlands. Die Annexionen waren aber beschränkter als die an der deutschen Ostgrenze, weil die westalliierten Besatzungsmächte Großbritannien und USA den territorialen Gelüsten ihrer Verbündeten angesichts des beginnenden Kalten Krieges nur sehr wenig Raum ließen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs planten sowohl die Niederlande als auch Luxemburg und Belgien, mehr oder weniger große deutsche Gebiete entlang ihrer jeweiligen Ostgrenzen zu annektieren. Sie rechtfertigten dies mit einem angeblichen Anspruch auf Ausgleich für Kriegsschäden. 

Besonders weit gingen die Ambitionen der Niederlande. Dort präsentierte die Staatskommission zur Klärung der Annexionsfrage (Staatscommissie ter Bestudering van het Annexatievraagstuk) Ende 1945 den sogenannten Bakker-Schut-Plan, der drei Möglichkeiten aufführte. In seiner Maximalvariante A empfahl der nach dem Sekretär des Niederländischen Komitees für Gebietserweiterungen (Nederlandsch Comité voor Gebiedsuitbreiding), Frits Bakker-Schut, benannte Plan die Besetzung aller Gebiete westlich der Linie Wilhelmshaven–Osnabrück–Hamm–Wesel–Köln–Aachen einschließlich der Städte Aachen, Osnabrück, Münster, Köln und Oldenburg. Insgesamt sollten 41 Landkreise und kreisfreie Städte mit 10000 Quadratkilometern Fläche annektiert werden. Von den dort lebenden 1,5 Millionen Einwohnern sollte ein Großteil analog zur Vorgehensweise im Osten entschädigungslos enteignet und ausgewiesen beziehungsweise vertrieben werden.

Die Forderungen Belgiens und Luxemburgs blieben dahingegen um einiges maßvoller, wobei das Großherzogtum von einer „Desannexion“ sprach, weil es sich bei den geforderten Gebieten um solche handelte, die vor der französischen Annexion des Herzogtums und dessen Umwandlung ins Département Forêts (Wälder) im Jahre 1794/95 zu jenem gehört hatten. Letztlich ging es hier meist um Streifen nunmehr deutschen Territoriums von fünf bis zehn Kilometern Breite.

Allen drei Beneluxstaaten erteilte die Alliierte Hohe Kommission für Deutschland Absagen bezüglich ihrer territorialen Wünsche, denn die westlichen Besatzungsmächte strebten angesichts des beginnenden Kalten Krieges nach einer schnellen politischen Stabilisierung in ihren Besatzungszonen. Mit den Millionen von Flüchtlingen aus den Ostgebieten waren die westlichen Besatzungszonen bereits an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Eine zusätzliche wirtschaftliche Schwächung durch nennenswerte Gebietsabtrennungen einschließlich Vertreibungen seitens der Beneluxstaaten erschien da nicht opportun.

Angesichts dieses Widerstandes steckten die Niederlande zurück und verlangten am 5. November 1946 lediglich noch 1750 Quadratkilometer deutschen Bodens, auf denen 119000 Menschen lebten. Euphemistisch sprach man in Den Haag nun von „Grenzkorrekturen“ statt Annexionen. Den Briten ging aber auch diese Verkleinerung der Fläche ihrer Besatzungszone noch zu weit. 

Die Lösung der Problematik erfolgte auf der Londoner Sechsmächtekonferenz im Frühjahr 1948. Dort einigten sich die Westmächte mit den Beneluxstaaten auf die Zurückstellung der Gebietsübertragungen bis zum Abschluss eines allgemeinen Friedensvertrags. 

Allerdings wurde auf Drängen Frankreichs die Möglichkeit eingeräumt, „gewisse geringfügige, vorläufige Berichtigungen der Westgrenze Deutschlands“ vorzunehmen. Dieser Beschluss wurde hernach im Pariser Protokoll vom 22. März 1949 fixiert.

Das ermöglichte den Niederlanden den Zugriff auf 69 Quadratkilometer deutschen Bodens. Die lagen vor allem im sogenannten Flaschenhals von Sittard und Tüddern im Selfkant rund um die Kleinstadt Elten sowie im Landkreis Grafschaft Bentheim und waren von insgesamt 9553 Menschen bewohnt. 

Belgien durfte einige kleinere deutsche Ortschaften und Forstgebiete entlang seiner Ostgrenze beziehungsweise der Vennbahn zwischen Aachen und Ulflingen annektieren, verzichtete aber in den meisten Fällen auf deren Besetzung, um Kosten zu sparen. Gleiches galt für Luxemburg. Das wollte zunächst 544 Quadratkilometer in den deutschen Grenzkreisen Bitburg, Saarburg und Prüm mit knapp 32000 Einwohnern, begnügte sich dann jedoch mit der Abtretung des Kammerwaldes samt der Ortschaft Roth und dem Gut Neuscheuerhof – alles in allem eine Fläche von 547 Hektar.

Zur Verwaltung der Beute verabschiedete das Parlament in Den Haag am 22. April 1949 einen „Grenscorrectiebesluit“. Der sah die Einsetzung von sogenannten Landdrosten vor, die direkt dem Innenministerium unterstanden und über weitreichende Machtbefugnisse vor Ort verfügten. Hierdurch wurden die demokratischen Mitbestimmungsrechte der Deutschen in den annektierten Gebieten ebenso ausgehebelt wie durch das Verbot, an Wahlen teilzunehmen.

Einen Tag nach diesem Beschluss vollzogen die Beneluxstaaten die „Grenzkorrekturen“. In der Gemeinde Elten mit ihren 3225 Bürgern sah dies folgendermaßen aus: Bei strahlendem Frühlingswetter markierte die holländische Gendarmerie (Koninklijke Marechaussee) am Morgen des 23. April zunächst den neuen Grenzverlauf und rollte dann gegen Mittag mit einigen Jeeps samt aufmontierten Maschinengewehren in Richtung des Rathauses von Elten. Dieser Kolonne folgten Busse voller niederländischer Journalisten sowie 100 Zollbeamte auf Fahrrädern und der Landdrost Adriaan Blaau­boer, der um 12.15 Uhr offiziell die Amtsgeschäfte vom deutschen Bürgermeister übernahm.

Die deutsche Bevölkerung verfolgte das Schauspiel niedergeschlagen, aber ruhig. Für das einzige Vorkommnis sorgte ein Betrunkener, der lauthals die deutsche Nationalhymne sang. Trotzdem hatten die Besatzer vorsichtshalber mehrere gepanzerte Fahrzeuge  vom Typ „Otter“ am Grenzübergang Elten-Babberich zusammengezogen, um etwaige Unruhen sofort niederschlagen zu können. Außerdem wurde die Ortschaft für die nächsten zwei Wochen hermetisch abgeriegelt.

Nachdem die Bundesrepublik durch die Pariser Verträge von 1954 teilweise souverän geworden und in die Westeuropäische Union und die NATO integriert worden war, begannen Verhandlungen mit den Beneluxstaaten bezüglich der Rückgabe der 1949 besetzten Gebiete. Diese endeten in allen drei Fällen erfolgreich. Zwischen dem 28. August 1958 und dem 1. August 1963 wurden nahezu alle „Grenzkorrekturen“ rückgängig gemacht. Dafür zahlte Bonn 338,3 Millionen D-Mark an die Niederlande und Luxemburg. In belgischer Hand verblieben nur Teile der Gemeinde Leykaul sowie einige Waldstücke. Die Holländer behielten den 75,9 Meter hohen  Wylerberg bei Nijmegen und vorerst die Straße N 274 bei Selfkant, die 2002 infolge des Schengener Abkommens unter bundesdeutsche Verwaltung kam.