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19.04.19 / Das Menetekel der »Broken Windows« / Beschmierte Wände, vermüllte Parks oder Randalespuren: Was viele nur oberflächlich nervt, kann schlimme Folgen haben

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16-19 vom 19. April 2019

Das Menetekel der »Broken Windows«
Beschmierte Wände, vermüllte Parks oder Randalespuren: Was viele nur oberflächlich nervt, kann schlimme Folgen haben
Erik Lommatzsch

Verwahrlosung von Sitten und öffentlichen Räumen wird als „kulturelle Bereicherung“ oder Ausweis einer „bunteren“ Gesellschaft verkauft. Untersuchungen zeigen dagegen, dass solche Symptome nur die Vorboten einer schlimmen Entwicklung sein dürften.

Auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen sich die Schäden, welche durch Graffiti-Sprayer jährlich in Deutschland verursacht werden. Privathäuser, öffentliche Gebäude und Verkehrsmittel sind ein beliebtes Ziel der meist jugendlichen „Künstler“. 

Selbst wenn man vom Gedanken der Sachbeschädigung absieht, Anzeichen von – an falscher Stelle zum Ausdruck kommendem – Talent oder gar einen irgendwie gearteten ästhetischen Wert haben die Hinterlassenschaften der Sprayer nahezu nie. Es handelt sich meist schlicht und einfach um Schmierereien, deren Urheber zumindest äußerlich dem Kindesalter entwachsen sind. 

Allerdings gehören sie überwiegend nicht zum Kreis derer, die für die Beseitigung der oft großflächigen Farbkleckse und Schriftzüge ungefragt zur Kasse gebeten werden, sei es in Form ihrer Steuern oder als Bahnkunden über erhöhte Fahrpreise. Wo das Geld fehlt oder ob der sich ständig wiederholenden „Verzierungen“ deren jedesmalige Beseitigung aufgegeben wurde, ist man gezwungen, den Anblick der entsprechenden Fassaden oder         S-Bahn-Wagen zu ertragen. 

Allein den Berliner Verkehrsbetrieben entstehen durch Sprayer jedes Jahr Kosten in Millionenhöhe, durch mutwillige Sachbeschädigung insgesamt sind es etwa vier Millionen Euro. Die geltend gemachten Forderungen an die Täter liegen meist unwesentlich höher als 10000 Euro. Die tatsächlich gezahlten Beträge erreichen höchstens den einstelligen Tausenderbereich – im Vergleich zum entstandenen Schaden also praktisch gar nichts. 

Dass überhaupt so niedrige Forderungen erhoben werden, liegt daran, dass die Täter nur in wenigen Fällen zu ergreifen sind. Und selbst dann gilt das Ganze juristisch als Bagatelle, Verfahren werden eingestellt, Stichwort „Geringfügigkeit“. Nicht nur für den Zyniker liegt der Gedanke nahe, dass der eine oder andere gelangweilte, anderweitig wenig geforderte Wohlstandsjugendliche derartig „günstige“ Rahmenbedingungen als gar nicht einmal indirekte Aufforderung verstehen muss, mittels Bahn-Graffiti sein Ansehen im Kreise Gleichgesinnter zu steigern. Die Befürchtung einer juristischen Ahndung steht quasi gar nicht im Raum. Die Gefahr – oder eben Nervenkitzel, der ja gewollt ist – liegt lediglich noch in der Möglichkeit eines Unfalls. Dabei wird selbst die Gefahr eines tödlichen Ausgangs von ganz Verwegenen in Kauf genommen.

Vor den Graffiti-Schäden hat der Staat kapituliert. Weder Strafe noch Wiedergutmachung – zwei zu unterscheidende Dinge – spielen hier eine Rolle. So werden die schreienden, außer von den Verursachern unerwünschten Farben zum Ausdruck einer immer weiter um sich greifenden Verwahrlosung. Zettelbeklebte und zuplakatierte Mauern und Zäune, als Müllhalde missbrauchte Grünanlagen und schließlich leerstehende Gebäude, die einer immer weiter gehenden wilden Zerstörung anheimfallen, sind nicht nur in Großstädten allgegenwärtig.

Das Phänomen, dass ein einmal begonnener Regelbruch, eine einmal angefangene Zerstörung sich schnell fortsetzt, war bereits Gegenstand von wissenschaftlichen Überlegungen. Schon 1969 führte der US-amerikanische Psychologe Philip Zimbardo ein entsprechendes Experiment durch. 

Im sozial problematischen New Yorker Stadtteil Bronx stellte er ein Auto ohne Nummernschilder und mit geöffneter Motorhaube ab. Schnell wurde das Auto geplündert, zunächst noch „sinnvoll“, indem brauchbare Teile gestohlen wurden, danach wurde es weiter mutwillig zerstört. Im kalifornischen Palo Alto stellte Zimbardo in gleicher Weise ein Auto ab. In der hinsichtlich der Bevölkerungsstruktur völlig anders gearteten Stadt passierte zunächst gar nichts bis auf ein Kuriosum: Ein Passant schloss die offenstehende Motorhaube. Doch dann begann Zimbardo selbst, das Auto zu beschädigen. Und siehe da: Innerhalb kurzer Zeit taten es ihm andere nach.

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse formulierten die ebenfalls US-amerikanischen Sozialwissenschaftler James Q. Wilson und George L. Kelling 1982 die „Broken-Windows-Theorie“. Bei der Bezeichnung „Zerbrochene Fenster“ handelt es sich zum einen um die gegenständliche Beschreibung von zerstörten, nicht schnellstmöglich ersetzten Scheiben eines ungenutzten Gebäudes. Zum anderen dient der Begriff der „Broken Windows“ als Metapher für die durch Zimbardos Auto-Experiment bestätigte Tatsache, dass eine einmal begonnene Zerstörung als Einladung wirkt, diese fortzusetzen. 

Laut der Theorie existiert eine Kette, die bei leichtem Regelbruch beginnt und bei Kriminalität und Verfall von ganzen Stadtteilen endet. Beschmierte Wände und Müll, ungeahndete, zunächst scheinbar kleine Vergehen stehen am Anfang. Folge ist bald der Wegzug bessergestellter Anwohner. Öffentlicher Drogenkonsum wird alltäglich, Obdachlose siedeln sich an. Kriminalität kann sich leichter ausbreiten als anderswo. 

Die Viertel werden weniger attraktiv, ausbleibende Nachfrage lässt die Mieten sinken. Die soziale Struktur der nun herziehenden Bevölkerung ist eine andere als die der Vorbewohner. Die ursprünglich funktionierende Ordnung einer sich gegenseitig im Sinne eines gedeihlichen Zusammenlebens unterstützenden und kontrollierenden Nachbarschaft, durch deren Zusammenwirken Regelverstöße entweder nicht vorkamen oder Folgen hatten, im günstigsten Falle auch im Sinne einer Wiedergutmachung, ist zerbrochen.

Als Gegenmaßnahme, die eine „Rückgewinnung“ der verwahrlosten Gebiete ermöglichen soll, gilt die „Nulltoleranzstrategie“, die auch kleinste Vergehen sofort und streng, etwa mit Verhaftung, ahndet. Bekannt geworden damit ist in den 1990er Jahren der New Yorker Polizeichef William Bratton, der mit seiner „Zero Tolerance Policy“ entsprechende Erfolge vorweisen konnte. Große Bedeutung kommt hier der Prävention zu. Die abschreckende Wirkung einer im Ernstfall durchgreifenden Polizei hatte tatsächlich Änderungen im Erscheinungsbild von zuvor heruntergekommenen Straßenzügen zur Folge. 

Natürlich blieben die Kritiker nicht aus. So recht fehle der „Broken-Windows-Theorie“ – und der daraus abgeleiteten „Nulltoleranzstrategie“ – die wissenschaftliche Grundlage, monieren sie. Der Rückgang der New Yorker Kriminalität habe mit dem Ganzen wenig zu tun, diesen müsse man in größerem Rahmen betrachten. Zudem: Wo bleibe bei einer derartigen Betrachtungsweise der Täter, der möglicherweise aufgrund gesellschaftlicher Umstände, wegen Diskriminierung oder einer ihm die Integration verweigernden Mehrheit, kriminell geworden ist?

Im derzeitigen Deutschland sto0en solche Einwände bei den tonangebenden Politikern auf offene Ohren. Oft auch als Affront gegenüber der eigenen Polizei, der nahezu die Hände gebunden werden. Nicht nur Nachsicht waltet gegenüber den Tätern. Verstöße gegen die Ordnung und Kriminalität werden sogar für legal erklärt – sei es aus dümmlichem Gutmenschentum, sei es, um die Justizstatistik nicht ganz so schlecht aussehen zu lassen. 

Berlin eignet sich hier wieder wunderbar als Beispiel: Schwarzfahren soll straffrei werden. Und schon vor einer Weile verkündete eine Schlagzeile des „Tagesspiegel“: „Im Görlitzer Park darf wieder gekifft werden.“ Eine mit der „Null Toleranz“-Idee verbundene Verordnung des früheren CDU-Innensenators Frank Henkel hat Rot-Rot-Grün wieder aufgehoben.

Alte Regeln werden über Bord geworfen. Verunsicherten Bürgern halten Experten und Politiker entgegen: Sofern sie nicht aus der Zeit gefallen sind, hätten sie sich allerorten an neue Sitten und ästhetische Maßstäbe zu gewöhnen. An die durch den Mann nicht abgenommene Kopfbedeckung im Gebäude oder gar in der Kirche, an für die Ewigkeit eintätowierte Disney-Motive im Kopfbereich und eben an Graffiti-„Kunst“. 

Sofern man auf den Gedanken kommt, dass dies nicht an sich schon bedenklich genug, sondern gar erst der Anfang von verhängnisvollen Entwicklungen sein könnte, finden sich genügend Stimmen, die in derartiger „Vielfalt“ eine wunderbare „Bereicherung“ erkennen.