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26.04.19 / Für viele der erste »deutsche« König überhaupt / Mit Heinrich I., dem Vogler, begann eine neue Epoche – Vor 1100 Jahren wurde dem Ottonen die Krone angetragen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-19 vom 26. April 2019

Für viele der erste »deutsche« König überhaupt
Mit Heinrich I., dem Vogler, begann eine neue Epoche – Vor 1100 Jahren wurde dem Ottonen die Krone angetragen
Erik Lommatzsch

Selbst innerhalb der kritischen Geschichtswissenschaft gilt Heinrich I. noch oft als erster deutscher König im deutschen Reich. Fest steht, dass der Begründer der Herrscherdynastie der Ottonen oder Liudolfinger im Mai 919 in der Königspfalz Fritzlar von Franken und Sachsen zum König bestimmt wurde.

Am Quedlinburger „Finkenherd“ sei der sächsische Herzog Heinrich gerade beim Vogelfang gewesen, als ihm die Nachricht überbracht wurde, dass er zum König des ostfränkischen Reiches gewählt worden sei. Diese Geschichte gehört wohl zu den Legenden, welche die Nachwelt gern weitergetragen hat. Überhaupt handelt es sich bei der Zeit „Heinrichs des Voglers“ selbst für das Mittelalter um besonders quellenarme Jahre, was belastbare konkrete Aussgaen erschwert. 

Die Geburt Heinrichs wird um die Jahre 876/77 datiert. Er entstammte dem Geschlecht der Liudolfinger. Seinem Vater Otto dem Erlauchten folgte er nach dessen Tod 912 als Herzog von Sachsen. Von seiner ersten Frau Hatheburg hatte er sich 909 getrennt, behielt jedoch deren umfangreiche Besitztümer. In zweiter Ehe heiratete er Mathilde, zu deren Vorfahren der Sachsenführer Widukind zählt, der Ende des 8. Jahrhunderts den Kampf gegen Karl den Großen angeführt hatte. Der später als Heilige verehrten Königin ist eine in zwei Fassungen vorliegende Lebensbeschreibung gewidmet, wobei die erste kurz nach ihrem Tod entstand. Ein vergleichbares biografisches Werk, das sich ausdrücklich ihrem historisch bedeutenderen Mann widmet, gibt es nicht.

Als im September 911 Ludwig IV., genannt das Kind, starb, war die Linie der ostfränkischen Karolinger erloschen. Gewählt wurde als König ein Franke, Konrad I., der sich im Reich als wenig durchsetzungsstark erwies. Mehrere mittelalterliche Geschichtsschreiber überliefern, es sei dessen ausdrücklicher Wunsch gewesen, dass der Sachsenherzog seine Nachfolge antrete. Ende 918 soll er auf dem Sterbebett seinen jüngeren Bruder Eberhard und die fränkischen Großen gedrängt haben, Heinrich die königlichen Insignien zu bringen und ihn zu wählen. Die Stimmen der Sachsen waren ihm ebenfalls sicher.

Die Herzöge der beiden anderen großen Gebiete im ostfränkischen Reich, Burkhard von Schwaben und Arnulf von Bayern, mussten von Heinrich erst zur Unterstellung bewegt werden. Arnulf gerierte sich sogar als Gegenkönig. Dieser Konflikt wurde 921 endgültig beigelegt. Dabei setzte der neue König innerhalb des Reiches insgesamt weniger auf kriegerische Auseinandersetzungen. Der Mediävist Bernhard Jussen urteilt über Heinrich I.: „Kernstück seiner verhältnismäßig konfliktarmen Herrschaft sind ‚Freundschaften‘ (amicitiae) mit den Adligen, also eher genossenschaftliche als herrschaftliche Darstellungen dieser Beziehung.“ Möglicherweise gehört in diesen Zusammenhang auch, dass es Heinrich nach seiner Erhebung zum König ablehnte, durch Erzbischof Heringer von Mainz gekrönt und gesalbt zu werden.

Heinrich scheute sich allerdings nicht, Freundschaftsbündnisse und Verträge im Interesse seiner Herrschaft zu verletzen. Mit dem westfränkischen König Karl dem Einfältigen hatte er im September 921 den Vertrag von Bonn besiegelt. Diesen verletzte Heinrich, als er 923 mit Karls Konkurrenten Robert von Franzien 923 einen ähnlichen Vertrag schloss. Im Ergebnis der Machtkämpfe im westfränkischen Gebiet, wobei auch Heinrich Feldzüge unternahm, kam Lothringen als Herzogtum 925 wieder zum ostfränkischen Reich.

Militärisch erfolgreich war Heinrich gegen Böhmen, das tributpflichtig wurde. Die zeitgenössisch entstandene „Sachsenchronik“ berichtet, 934 habe Heinrich den Dänenkönig Knuba besiegt und zur Taufe gezwungen. Bereits im März 933 hatte er in der Schlacht bei Riade die Ungarn geschlagen. Diese waren immer wieder ins Reich eingefallen. Ein Friedensschluss im Jahr 919 hatte zwar zunächst umfangreiche jährliche Zahlungen an diese zur Folge, ermöglichte aber die Vorbereitung der schließlich gelungenen Abwehr. Die zu den Reichskleinodien zählende Heilige Lanze, die ein Stück eines Nagels vom Kreuz Christi enthalten soll, wurde von Heinrich erworben, ebenso andere Reliquien. Das Mitführen der Heiligen Lanze sah man damals auch als maßgeblich für den Sieg über die Ungarn an.

Entscheidend für die Geschichte des ostfränkischen Reiches war die „Hausordnung“ Heinrichs I. von 929. Gefestigt genug war die Macht, um sie innerhalb seiner Familie zu „vererben“. Abweichend von der karolingischen Tradition, das Reich unter den Söhnen aufzuteilen, legte Heinrich die Individualsukzession fest, das Königtum war nun unteilbar. Alleiniger Nachfolger wurde sein erster Sohn aus zweiter Ehe, der spätere Kaiser Otto der Große. 

Die Pfalz Quedlinburg war der Ort der Feier des Osterfestes, auch für die Nachfolger Heinrichs aus dessen Familie. 922 wurde dieser Ort erstmals urkundlich erwähnt. Heinrich wählte ihn als Grablege. Gestorben ist er am 2. Juli 936 in der Pfalz Memleben. Einen Romzug hatte er wohl noch geplant, war zu dieser Zeit allerdings schon erkrankt. In Quedlinburg gründete seine Witwe Mathilde einen Stift, den sie bis wenige Jahre vor ihrem Tode leitete.

Seine Nachkommen prägten als Könige und Kaiser das 10. Jahrhundert. Mit dem kinderlosen Heinrich II., einem Urenkel Heinrichs I., erlosch das Herrscherhaus der Ottonen im Jahr 1024.

Der Anbruch einer neuen Zeit mit Heinrich I. war bereits den damaligen Menschen bewusst, spätestens mit der weiteren Stabilisierung durch dessen Sohn. Nicht nur Historiker haben die These vertreten, dass mit dem ersten Ottonen-König zugleich der Anfang der Geschichte des deutschen Reiches datiert werden könne. Geschichtsschreiber des Mittelalters setzten den Beginn mitunter noch früher an. Dabei wird der Vertrag von Verdun von 843 ins Spiel gebracht, der das Frankenreich der Karolinger aufteilte und in dem Ludwig II., genannt der Deutsche, den Ostteil erhielt. 

Dieser unterschied sich vom Westteil auch sprachlich. Allerdings war das Karolingerreich später kurzzeitig noch einmal vereint. Aus Sachsen, Franken, Bayern und Schwaben, dann noch erweitert durch Lothringen, war schließlich unter Heinrich I. ein einheitliches Herrschaftsgebiet geworden, das sich konsolidierte. Der Begriff „Regnum Teutonicum“ ist ab dem 11. Jahrhundert belegt. Es wurde zum Ausgangspunkt dessen, was seit dem Spätmittelalter als „Heiliges Römisches Reich“ bezeichnet wurde. Kontinuitäten, nicht zuletzt in territorialer Hinsicht, sind auch 1100 Jahre nach dem Herrschaftsantritt Heinrichs I. erkennbar. Allerdings stellen Pessimisten angesichts der Entwick­lungen der gegenwärtigen Politik heute weniger die Frage nach dem Anfang, sondern vielmehr nach dem möglichen Ende der deutschen Geschichte.