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26.04.19 / Eine bisher unbekannte Spezies Mensch?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-19 vom 26. April 2019

Eine bisher unbekannte Spezies Mensch?
Dirk Klose

Deutschland steht kurz davor, eine bisher unbekannte Spezies Mensch zu entdecken: Die Mitteldeutschen. Jüngst auf der Leipziger Buchmesse gab es zahlreiche Bücher zu diesem Thema, auch waren Neuerscheinungen in großer Zahl angekündigt, die diese seltsamen Wesen zwischen Ostsee und Erzgebirge zu erklären vorgeben. Auch die Parteien haben mit Blick auf die Europawahl und drei Landtagswahlen im Herbst die Parole ausgegeben: Augen auf auf Mitteldeutschland.

Das plötzliche Interesse kommt nicht von ungefähr: Noch immer ist der Schock über die plötzlich hereinbrechenden Pegida-Demonstrationen in Dresden und über die Wahlerfolge der AfD  spürbar. Man glaubte, die Landsleute von „drüben“ zu kennen und steht nun fassungslos vor Entwick-lungen, die man sich einfach nicht erklären kann.

Erklärungen bieten die Journa-listin Jana Hensel (geb. 1976 in Leipzig) und der Soziologe Wolfgang Engler (geb. 1952 in Dresden), die beide schon mehrfach ebenso kritisch wie verständnisvoll über ihre Landsleute geschrieben haben. Ihr Buch „Wer wir sind“ ist ein langer und lebhafter, mitunter kontroverser Dialog. Er mündet letztlich immer wieder in die manchmal resignierende, häufiger aber aufbegehrende Feststellung, die Menschen im Osten Deutschlands seien nach 1990 in jeder Hinsicht regelrecht überfahren worden: mental durch die neuen sozialen Anforderungen, ökonomisch durch Degradierung in Arbeit und Beruf mit langer Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung, politisch durch eine Art Ohnmachtsgefühl, von der westlichen Seite bevormundet und gegängelt zu werden.

Für beide Autoren gründen diese Reaktionen nicht in DDR-Erfahrungen sondern in der Nachwendezeit. Die Verwerfungen in den Jahren seit der Teilwiedervereinigung haben die Menschen, so sagen es beide, tief geprägt und Gefühle entstehen lassen, in denen sich Enttäuschung, Zorn, Resignation und politische Radikalisierung mischen – Enttäuschung und Resignation, weil die versprochenen „blühenden Landschaften“ ausgeblieben sind, stattdessen ein industrieller Kahlschlag erfolgte; Zorn, weil der Westen in fast allen Belangen das Sagen hatte; politische Radikalisierung, wie es sich an Pegida und AfD zeigte. Jana Hensel attestiert der AfD eine „Emanzipationsbewegung von rechts“. 

Das Buch reizt zum Widerspruch, und das will es auch. Fertige Rezepte haben Hensel und Engler nicht, aber sie erwarten wohl doch, dass man sich im Westen künftig mehr als bisher in die Mentalität der Mitteldeutschen hineinversetzt und deren Erfahrungen im gemeinsamen Deutschland akzeptiert. Freilich, manchen (westlichen) Lesern hätte es wohl gefallen, wenn wenigstens an ein oder zwei Stellen anerkannt würde, dass in Form des Solidaritätszuschlags und immenser Transferleistungen auch viel Hilfe gegeben wurde, die, wenn nicht alle Erinnerung trügt, alles in allem doch auch bereitwillig geleistet wurde.

Vermutlich wäre dem gegenseitigen Verständnis ohnehin mehr gedient, wenn ein solcher Dialog von Personen aus Ost und West gleichermaßen geführt würde. Hier bestätigen sich beide Autoren – vielleicht ungewollt – wiederholt in ihren eigenen mitteldeutschen Erfahrungen, was das Gespräch streckenweise zu einer unausgesprochenen Anklage gegen den Westen werden lässt. Einen Königsweg wissen beide nicht. Etwas resigniert äußert Engler gegen Ende: „,Wir sind das Volk.‘ Wie verschieden diese beiden Völker doch waren, die das skandierten.“

Wolfgang Engler /Jana Hensel: „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“, Aufbau Verlag, Berlin 2018, gebunden, 288 Seiten, 20 Euro