18.06.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
03.05.19 / Visionen von Gewalt / Nordirland kommt nicht zu echter Ruhe

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-19 vom 03. Mai 2019

Visionen von Gewalt
Nordirland kommt nicht zu echter Ruhe

Die Menschen in Nordirland fühlen sich in längst vergessene Zeiten zurückversetzt. Seit Jahresanfang hat eine Gruppe namens „Neue IRA“ mehrere Anschläge verübt. Zuletzt bekannte sie sich zur Tötung der Journalistin Lyra Mc-Kee. In einem Bekennerschreiben an die „Irish News“ bat die Terrorgruppe die Angehörigen allerdings „aufrichtig um Entschuldigung“. Der Brief sei verifiziert worden, teilte die Zeitung mit. Die Reporterin sei „tragischerweise getötet“ worden, als sie an der Seite „feindlicher Kräfte“ gestanden habe, heißt es in der Erklärung weiter. McKee hatte am Rande von schweren Ausschreitungen in Derry, das offiziell Londonderry heißt, einen tödlichen Kopfschuss erlitten.

Die „Neue IRA“ ist eine der größten republikanischen Splittergruppen in Nordirland. Sie lehnt das friedensstiftende Karfreitagsabkommen von 1998 ab und strebt ein vereintes, unabhängiges Irland an. Mit ihr werden bislang vier Morde in Verbindung gebracht. Sie soll sich im Sommer 2012 gegründet haben und ging aus dem Zusammenschluss der „Real IRA“ und einer Art Bürgerwehr namens RAAD hervor, die hauptsächlich in Derry gegen mutmaßliche Drogendealer vorging, unter anderem mit „Bestrafungsschüssen“ und Rohrbombenangriffen.

Die „Real IRA“ war 1997 von früheren Mitgliedern der Irish Republican Army (IRA) ins Leben gerufen worden, die unzufrieden mit dem damals erzielten Waffenstillstand waren. Sie wollten „ihre Vision lieber mit Gewalt als über Demokratie und Politik umsetzen“, erklärte die Historikerin Gemma Clark von der University of Exeter dem Berliner „Tagesspiegel“. Wie viele Mitglieder der militanten Gruppe angehören, darüber wird in den britischen Medien spekuliert. Die einen sprechen von rund 200 Mitgliedern, andere reden von Dutzenden. Auch Behörden in Nordirland warnen vor Hysterie und davor, die Stärke der Gruppe zu überschätzen.

Die „New IRA“ steckt hinter einer Reihe von Angriffen auf britische Soldaten, Gefängnispersonal und Polizisten in den vergangenen Monaten. Denn auch nach dem Friedensschluss von 1998 hat Nordirland nie zu echter Ruhe gefunden. Es gab und gibt zahlreiche Ausschreitungen und Übergriffe, zu denen sich Splittergruppen bekannten, die sich auf das Erbe der alten IRA beriefen. Diese hat ihre Auflösung offiziell nie erklärt, aber vor mehr als 20 Jahren eingeräumt, „dass die Waffenfrage einer Klärung“ bedürfe. Die „Neue IRA“ ist derzeit die bekannteste der republikanischen Organisationen, die den Friedensprozess zurückweisen und ihr Ziel eines vereinten Irlands weiterhin mit gewaltsamen Mitteln verfolgen.

Die sogenannten Troubles, die in den späten 70er-Jahren begannen und in den folgenden 30 Jahren rund 3500 Todesopfer forderten, wurden mit dem Karfreitagsabkommen von 1998 offiziell beendet. Seither haben sich Republikaner und Unionisten die Macht in Nordirland geteilt. Dieser Kompromiss ist derzeit auch nicht in Gefahr. „Wir haben es nicht mit einer breiten Kampagne zu tun, sondern mit vereinzelten Individuen aus bestimmten Communities“, sagte Thomas Leahy, Dozent für irische Geschichte und Politik an der Universität Cardiff, gegen­über der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“.P.E.