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10.05.19 / Ein Preuße wird Schachweltmeister / Vor 125 Jahren nahm Emanuel Lasker dem Österreicher Wilhelm Steinitz den Titel ab

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-19 vom 10. Mai 2019

Ein Preuße wird Schachweltmeister
Vor 125 Jahren nahm Emanuel Lasker dem Österreicher Wilhelm Steinitz den Titel ab
Erik Lommatzsch

27 Jahre, so lange wie bisher kein anderer, hielt Emanuel Las­ker den Titel des Schachweltmeisters. Errungen hatte er ihn am 26. Mai 1894, am Ende eines mehr als zwei Monate dauernden Turniers gegen den damaligen Schachweltmeister Wilhelm Steinitz. Mit diesem Sieg wurde Las­ker der zweite Weltmeister überhaupt sowie der erste und bislang einzige aus Deutschland.

Der jahrhundertelangen Geschichte des ursprünglich aus Indien stammenden Schachspiels steht die kurze der regulären, anerkannten Wettkämpfe gegenüber. Überragende Spieler gab es von Anfang an. Ein erstes internationales Turnier fand jedoch erst 1851 anlässlich der Londoner Weltausstellung statt. Der Breslauer Gymnasialprofessor Adolf Anderssen, der später zeitweise als weltbester Spieler galt, belegte den ersten Platz. Ihm verdankt die Schachwelt die „Unsterbliche Partie“, in der ein Sieg erreicht wird, nachdem zunächst eine große Anzahl eigener Figuren geopfert wurde. 

Der Beginn von Weltmeisterschaften ist auf das Jahr 1886 zu datieren. Vom 11. Januar bis 29. März jenes Jahres fand in den US-amerikanischen Städten New York City, St. Louis und New Orleans das 20 Partien umfassende, erste reguläre Duell zwischen zwei Spitzenspielern statt. Aus dem Titelkampf zwischen dem vielseitig begabten Johannes Zukertort und Steinitz ging letzterer als Sieger hervor und gilt damit als erster allgemein anerkannter Schachweltmeister.

Der Preuße, der Steinitz vor 125 Jahren vom Thron des Schachweltmeisters stoßen sollte, wurde am 24. Dezember 1868 im neumärkischen Berlinchen als Sohn eines Chasans, eines Vorbeters in der Synagoge, geboren. Das Schachspiel brachte Emanuel Las­ker dessen Bruder Bertold bei, der ihn durch Heirat für einige Jahre zum Schwager der Dichterin Else Las­ker-Schü­ler machte. Zugunsten einer Laufbahn als professioneller Spieler unterbrach er ein in Berlin begonnenes Mathematikstudium. Zunächst ging er nach London, bevor er 1893 nach New York übersiedelte. 

Um Steinitz herauszufordern, hatte er sich erheblicher finanzieller Unterstützung versichern müssen. Wenn auch unter sportlichen Aspekten äußerst fragwürdig, war es bis nach dem Zweiten Weltkrieg üblich, dass der Titelträger dem Herausforderer Bedingungen, vor allem finanzieller Art, stellen konnte. Obwohl er bislang noch kein einziges international bedeutendes Turnier gewonnen hatte, gelang es Las­ker, potente Geldgeber von seinem Talent zu überzeugen. Die von Steinitz geforderte hohe Summe bekam er dennoch nicht zustande. Kalkuliert griff Las­ker in dieser Situation Steinitz in einem Interview an. Dieser fühlte sich darob derart provoziert, dass er den Betrag herabsetzte und damit für den Herausforderer erschwinglich machte. 

Veranstaltet wurde der Wettkampf in New York, Philadelphia und Montreal. Der gebürtige Prager musste Las­ker die Schachkrone überlassen. Der 32 Jahre ältere Steinitz soll den Titelverlust damit quittiert haben, dass er ein „dreifaches Hoch“ auf den neuen Weltmeister ausbrachte und anschließend in einem Nebenzimmer mit Freunden Bridge spielte. Dies täuscht allerdings darüber hinweg, dass ihm die Niederlage mental schwer zu schaffen machte.

Die Schachwelt schrieb Las­kers Sieg seiner Selbstbeherrschung und der Instabilität seines Gegners zu. Garri Kasparow, ab 1985 Schachweltmeister, urteilte: „Emanuel Las­ker war der erste, der sich ernsthaft und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit mit den psychologischen Aspekten des Schachspiels befasste. Das Schach war in seinem Verständnis vor allem der Kampf zweier Intellekte.“

Die vertraglich noch für das Jahr 1894 festgelegte Revanche gewährte Las­ker seinem Rivalen zunächst nicht. Daher sprach Steinitz ihm kurzerhand den Weltmeistertitel ab. Damit konnte sich Steinitz zwar nicht durchsetzen, doch unabhängig vom Reglement musste Las­ker nun erst weitere Beweise seines Könnens liefern, bevor er wirklich anerkannt wurde. Vor allem der Arzt Siegbert Tarrasch, der wie Andersson aus Breslau stammte, wurde von vielen als besserer Spieler betrachtet.

Der schwerkranke Steinitz bekam 1897 die Chance, den Titel zurückzuholen, erlitt jedoch eine empfindliche Niederlage. 1900 starb der gebürtige Prager verarmt im New Yorker „Staatsirrenhaus“. Zuvor hatte er unter anderem versucht, Schachfiguren nur mittels elektrischer Gehirnströme zu bewegen.

Gegnern im Kampf um die Weltmeisterschaft musste sich Las­ker, dessen Stärke vor allem das Endspiel war, erst ab 1907 wieder stellen. Dies lag vor allem an ihm selbst. Er stellte an seine Gegner sehr hohe materielle Ansprüche.

1908 und damit in dem Jahr, in dem Las­ker nach Deutschland zurückkehrte, forderte Tarrasch ihn heraus. Persönliche Differenzen im Vorfeld ließen sich nicht ausräumen. Tarrasch äußerte gegenüber Las­ker, er habe ihm nur drei Worte zu sagen: „Schach und matt“. Allerdings hatte der Herausforderer seine beste Zeit bereits hinter sich und verlor. 

Schwerer machte es Karl Schlechter dem Weltmeister Anfang 1910. Der Österreicher konnte Las­ker zwar letztendlich nicht schlagen, aber der schließlich erreichte Gleichstand rettete dem Inhaber nur denkbar knapp den Titel. 

Beim Schachturnier zu Sankt Petersburg 1914 handelte es sich zwar nicht um eine Weltmeisterschaft, trotzdem war es einer der am stärksten besetzten Wettkämpfe der Schachgeschichte. Las­ker gewann unmittelbar vor dem Kubaner José Raúl Capa­blanca. 

Letzterer sollte es sein, der 1921 Las­kers Nachfolge an der Weltspitze antrat. Der zwei Jahrzehnte jüngere Herausforderer war dem mittlerweile 52-Jährigen deutlich überlegen. Dem Austragungsort Havanna hatte er selbst zugestimmt, dann aber erheblich unter dem Klima gelitten. Nach 14 Partien gab der Preuße auf. 

Las­ker ist vor allem als Schachspieler bekannt, er war aber auch anderweitig aktiv. So gehen auf den Mathematiker, der das unterbrochene Studium schließlich noch mit der Promotion abschloss, die Grundlagen des „Satzes von Las­ker-Noether“ zurück, der in der kommutativen Algebra eine wichtige Rolle spielt. Er verfasste Schachliteratur, gab Zeitschriften heraus, unter anderem „Las­ker’s Chess Magazine“, und schrieb philosophische Abhandlungen. Sein großes Thema war der „Kampf“, ausgehend vom Schach entwickelte er umfassendere Ideen. Zudem betätigte er sich als Erfinder und Weiterentwickler von Spielen.

1933 verließ der Jude Deutschland. Nach Zwischenstationen unter anderem in der Sowjet­union kam er 1937 abermals in die USA. Als Vortragender war er immer noch ebenso gefragt wie als Mittelpunkt von Simultanpartien. Am 11. Januar 1941 ist Emanuel Las­ker in New York gestorben.