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10.05.19 / Hamburgs Alma Mater ist ein Kind des Krieges / Vor 100 Jahren gründete erstmals in der neueren Geschichte Deutschlands ein Stadtstaat in alleiniger Verantwortung eine Universität

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-19 vom 10. Mai 2019

Hamburgs Alma Mater ist ein Kind des Krieges
Vor 100 Jahren gründete erstmals in der neueren Geschichte Deutschlands ein Stadtstaat in alleiniger Verantwortung eine Universität
Manuel Ruoff

In der von Kaufleuten geprägten „allerenglischsten Stadt des Kontinents“ stehen Pragmatismus, gesunder Menschenverstand und Nützlichkeitsdenken traditionell im Vordergrund. Der Wunsch, einen sich selbst genügenden, elitären Elfenbeinturm zu unterhalten, hielt sich deshalb in Grenzen. Auch die Ausbildung und Erfahrung der eigenen Akademikerschaft spielte für die ablehnende Haltung eine Rolle. Hamburgs Bevölkerung war und ist geprägt vom Volksstamm der Niedersachsen, und die sind bekanntlich nicht nur sturmfest, sondern auch erdverwachsen. Um sicherzustellen, dass die Akademiker der Stadt wenigstens einmal in ihrem Leben auswärts Erfahrungen gesammelt hatten, schien es ein heilsamer Druck zu sein, dass Hamburger zum Studium ihre Heimatstadt verlassen mussten. 

Der lange Verzicht der Hansestadt auf eine Universität bedeutete jedoch nicht, dass in der Stadt keine bedeutenden Wissenschaftler gewirkt hätten. Wie viele andere protestantische Territorien hatte auch Hamburg sich zuzeiten des Heiligen Römischen Reiches ein Akademisches Gymnasium zugelegt, und wie anderswo erwies sich auch in Hamburg die zwischen Schule und Universität angesiedelte Bildungseinrichtung als ein temporäres Phänomen. Die Zahl der Schüler ging zurück. In Hamburg wurde hierauf in der Weise reagiert, dass der Lehrkörper seine Vorlesungen auch für die interessierte Öffentlichkeit öffnete. Diese Vorträge kamen in der nicht unbedingt akademisch gebildeten, aber deshalb doch nicht ungebildeten Hamburger Kaufmannschaft sehr gut an. Dieses sogenannte Allgemeine Vorlesungswesen überlebte das Ende des Akademischen Gymnasiums 1883, indem im selben Jahr den Direktoren der Hamburgischen Wissenschaftlichen Anstalten die Mitarbeit in Form von Vorträgen zur Pflicht gemacht wurde. 1907 stiftete der Hamburger Kaufmann und Reeder Edmund Siemers extra für diese Vorlesungen ein von 1909 bis 1911 gebautes großzügiges, repräsentatives Gebäude, das heutige Hauptgebäude der Hamburger Universität. 

Neben diesem Allgemeinen Vorlesungswesen, das durch seine großzügige Zugangsberechtigung etwas zutiefst Demokratisches und Egalitäres hatte, gab es eine zweite Wurzel der Hamburger Universität, das Hamburgische Kolonialinstitut. 1907 und damit in jenem Jahr, in dem das Reichskolonialamt geschaffen wurde, wurde in der Budgetkommission des Reichstags die Errichtung einer ordentlichen Professur für Kolonialwissenschaften angeregt. Hamburg bot daraufhin an, auf seinem Territorium gleich ein ganzes Kolonialinstitut zu finanzieren. 

Diese Großzügigkeit resultierte daraus, dass sich in Hamburg sowohl die Universitätsgegner als auch deren Befürworter, die es auch gab, etwas davon versprachen. Während das 1908 eröffnete Hamburgische Kolonialinstitut auf der Seite der Universitätsfreunde als Nukleus einer Uni betrachtet wurde, wurde es aufseiten der Unigegner als eine der Hansestadt angemessene Alternative betrachtet. Ihnen schien mit dem Kolonialinstitut eine sinnvolle Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis gefunden zu sein. Hier wurde nicht Wissenschaft um ihrer selbst willen, sondern mit einem konkreten Nutzen für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft betrieben. Dieses Institut war kein sich selbst genügender elitärer Fremdkörper, kein Staat im Staate, sondern vielmehr ein integraler Bestandteil des Hamburger Wirtschaftslebens. Hierfür sorgte nicht zuletzt ein Kaufmännischer Beirat, wie es ihn an der ordinären deutschen Universität nicht gab. Die Hörerschaft dieses Instituts war nicht geprägt durch Brot- sowie rauf- und sauflustige Couleurstudenten, sondern durch Praktiker mit und ohne Abitur. Die gemeinsame Ausbildung von Beamten, Kaufleuten und Landwirten an diesem Institut ließ auf eine auch in Hamburgs Interesse liegende verständnisvollere Zusammenarbeit dieser drei wichtigen Berufsgruppen in den deutschen Kolonien hoffen, als sie bis dahin bestanden hatte. 

Entsprechend den Handelsinteressen Hamburgs und des Reichs wurden in dem Institut jedoch nicht nur die deutschen Schutzgebiete zum Gegenstand der Forschung und Lehre gemacht, sondern auch anderer Herren Länder. Mit seinem Kolonialinstitut besaß Hamburg in der Spätphase des Kaiserreiches eine der führenden Forschungs- und Bildungseinrichtungen auf dem Gebiete der Auslandskunde.

Lehrpersonal und Räumlichkeiten für eine Universität waren also bereits in Friedenszeiten geschaffen, doch der Krieg ist bekanntlich der Vater aller Dinge. Nach dem Ende der Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges und der Demobilisierung kehrten zahlreiche junge Hamburger aus dem Felde in ihre Heimatstadt zurück, die nun studieren wollten, sich aber wegen der kriegsbedingten Verarmung breitester Schichten der deutschen Bevölkerung gezwungen sahen, zu Hause bei ihren Eltern zu wohnen, statt sich auswärts eine Studentenbude zu nehmen. Zudem verschlechterte sich in Deutschland als Folge des Krieges die Relation zwischen Universitäten und Studierwilligen. 

Einerseits drängten viele vormalige Soldaten, die ohne den Kriegsdienst zwischen 1914 und 1918 ihr Studium beendet hätten, nun zusätzlich an die Universitäten. Andererseits fielen die Grenzuniversitäten Straßburg und Bonn zumindest zeitweise aus. In dieser Situation führte das Lehrpersonal des Allgemeinen Vorlesungswesens und des Kolonialinstituts Universitätskurse für heimkehrende Kriegsteilnehmer durch. Verhandlungen mit dem preußischen Kultusministerium ergaben allerdings, dass die Anrechnung der in Hamburg studierten Semester durch den großen und einzigen Nachbarn Hamburgs nur durch die Errichtung einer Universität dauerhaft zu sichern war. Entsprechend groß war der Druck auf die noch aus der Kaiserzeit stammende Hamburgische Bürgerschaft. Trotzdem scheiterte ein entsprechender Antrag auf Gründung einer Universität an deren letztem Sitzungstag, dem 18. März 1919, mit 65 zu 65 Stimmen.

Die neue Bürgerschaft, die nach der Novemberrevolution aus den allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen vom 16. März hervorgegangen war, saß allerdings bereits in den Startlöchern. Sie wurde von den Sozialdemokraten dominiert, die bei den Wahlen die absolute Mehrheit gewonnen hatten. 

Ähnlich wie die Kaufmannschaft stand auch die SPD dem Wissenschaftsbetrieb eher distanziert gegenüber, trieben sich dort doch fast nur Angehörige des Bürgertums herum. Statt in die wissenschaftliche solle man lieber in die Bildung der breiten Masse investieren, war das diesbezügliche Credo der Partei. Die Universitätsbefürworter, an ihrer Spitze der langjährige Senator und Bürgermeister Werner von Melle, dem zu Ehren noch heute der Campus den Namen „Von-Melle-Park“ trägt, verstanden es jedoch, die Sozialdemokraten für das Universitätsprojekt zu gewinnen. So sollte aus dem Allgemeinen Vorlesungswesen nicht nur eine Universität (für das Bürgertum), sondern auch eine Volkshochschule (für die Arbeiterschaft) hervorgehen. Die an die Universität zu berufenen Professoren sollten verpflichtet werden, auch an der Volkshochschule mitzuarbeiten. 

Mindestens genauso wichtig war jedoch, dass die traditionelle Arbeiterpartei schon damals eine Lehrerpartei war, damals allerdings vor allem eine Volksschullehrerpartei. Aufgeweckte Arbeiterkinder strebten häufig den Beruf des Volksschullehrers an, zum einen aus materiellen Gründen, weil er einen gesellschaftlichen und finanziellen Aufstieg vom körperlich zum geistig Arbeitenden ermöglichte, zum anderen aus dem idealistischen Motiv heraus, den Bildungsstand der breiten Masse heben helfen zu wollen. So wurde die SPD mit der Öffnung der zu gründenden Hamburger Universität für Volksschullehrer geködert, und das erfolgreich.

Emil Krause, ein Sozialdemokrat und verhinderter Volksschullehrer mit abgebrochener Ausbildung, brachte den in der letzten Sitzung der alten Bürgerschaft mit Stimmengleichheit gescheiterten Antrag des Bürgerlichen Max Mittelstein nun in unwesentlich veränderter Form als eigenen Antrag in die neue, SPD-dominierte Bürgerschaft ein. Am 28. März wurde der Antrag mit großer Mehrheit angenommen. Lehrende und Lernende wurden großteils von den Universitätskursen übernommen. Der Vorsitzende des Organisationsausschusses für die Universitätskurse wurde Rektor, die „Obmänner“ der „Fachgruppen“ Dekane. 

Am 10. Mai 1919 wurde in einem Festakt in der Laeiszhalle (Musikhalle) die Hamburgische Universität, die heutige Universität Hamburg, förmlich eröffnet. Es war die erste Universitätsgründung in alleiniger Verantwortung eines Stadtstaates in der neueren Geschichte Deutschlands.