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10.05.19 / CELLO-Studie / Vertreibung und ihre Folgen für das spätere Leben

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-19 vom 10. Mai 2019

CELLO-Studie
Vertreibung und ihre Folgen für das spätere Leben
Michael Deuschle

Frühe Lebensumstände prägen Menschen für das gesamte spätere Leben. Das gilt insbesondere für traumatische Erfahrungen, wie Gewalt, Flucht oder Vertreibung. Derart prägende Ereignisse in der Kindheit können sowohl auf die Steuerung der Gene einer Person, als auch auf die Gesundheit einen erheblichen Einfluss nehmen. 

Gene und Umweltfaktoren bestimmen unsere Persönlichkeit und Gesundheit. Die Aktivität der Gene kann durch die Umwelt, also auch durch frühe Lebensumstände, beeinflusst werden. Es kann zu Veränderungen der Genregulation kommen, wodurch sich das „Programm“ unserer Gesundheit und Entwicklung verändert. Doch wie ist es möglich, dass frühe Lebensumstände das weitere Leben prägen? Wie werden die Folgen unserer eigenen Erfahrungen auf unsere Nachkommen vererbt? Diese Fragen sind Hintergrund der Epigenetik und Teil der Studie „Vertreibung in der Kindheit – Auswirkung im späteren Leben“ („Childhood Escape – Late Life Outcome, CELLO“). Die Studie wird von Mitarbeitern des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim durchgeführt. Das Institut ist eine international renommierte Forschungseinrichtung, die als Landesstiftung des öffentlichen Rechts aus Mitteln des Bundes und des Landes Baden-Württemberg finanziert wird.

Treten belastende Ereignisse im Mutterleib oder in früher Kindheit auf, werden häufig die Weichen für die spätere Gesundheit besonders intensiv gestellt. Es gibt erste Hinweise, dass die Folgen frühkindlicher Lebensumstände auch auf die Folgegeneration vererbt werden, weshalb in der Studie neben denen, die die Vertreibung an eigenem Leib miterlebten, auch die Nachkommen der Betroffenen untersucht werden. Die Studie konzentriert sich daher auf Personen, die zwischen 1945 und 1946 aus Ostpreußen vertrieben wurden oder deren Eltern diese Flucht erlebt haben. Der Fokus liegt deshalb auf Personen, die zwischen 1925 und 1970 geboren wurden. 

Die CELLO-Studie konzentriert sich auf zwei Fragen. Zum einen prüft die Studie, inwiefern Traumatisierungen in der Kindheit oder bei den Eltern zu einem erhöhten Risiko für Diabetes mellitus, Übergewicht, Depressionen und fehlregulierten Stresshormonen führen. Daneben prüft sie außerdem, ob sich frühe Lebensumstände anhand von epigenetischen Merkmalen auch noch im späteren Leben sowie bei der Folgegeneration finden lassen. 

Seit einiger Zeit laufen Aufrufe für das Forschungsprojekt, und die Studie ist immer noch offen für weitere Teilnehmer mit persönlicher ostpreußischer Geschichte oder der Geschichte der Eltern aus Ostpreußen.

Die Studie findet ausschließlich auf dem Postweg und per Telefon statt, der Zeitaufwand beträgt insgesamt maximal zwei Stunden. Anhand von Fragebögen sowie Speichel- und kleinen Nagelproben werden die oben genannten Fragen mit wissenschaftlichen Methoden ausgewertet. Jegliche Materialien und Informationsbroschüren sowie ein kurzes telefonisches Aufklärungsgespräch werden natürlich kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die Gruppe der Ostpreußen wurde speziell ausgewählt und wird damit mit dem Übertitel „Spätfolgen der Vertreibung“ Thema einer wissenschaftlichen Studie. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind viele Millionen Menschen vertrieben worden, bislang hat die Wissenschaft die gesundheitlichen Folgen dieser Vertreibung jedoch kaum erforscht. Die Forscher denken, dass es wissenschaftlich bedeutsam und ein gesellschaftliches Anliegen ist, diese Lücken zu schließen. Es ist außerdem geplant, dass Ergebnisse der Studie anonymisiert in medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Die Studienmitarbeiter erhoffen sich dadurch, in naher Zukunft Menschen helfen zu können, die Ursachen für spezielle Krankheitssymptome zu finden und ihnen damit bessere Chancen auf eine schnelle Heilung bieten zu können. Für jeden Teilnehmer ist es nur ein kleiner Aufwand – für die medizinische Forschung jedoch ein großer Schritt. 

Ihre Mithilfe ist gefragt. Wir sind überzeugt, dass das ungeheure Schicksal der Vertriebenen es verdient, wissenschaftlich aufgearbeitet zu werden. Eine Chance dazu bietet die CELLO-Studie, deren epigenetischer Teil zu verstehen hilft, wie Umwelteinflüsse langfristig unser Schicksal beeinflussen. Wir freuen uns auf Ihre Studienteilnahme und bedanken uns für Ihre Unterstützung. Falls Sie für die Studie in Frage kommen und Interesse an einer Teilnahme haben, nehmen Sie bitte per Post oder E-Mail Kontakt auf: Bitte geben Sie dabei unbedingt Ihre Postanschrift, Ihr Geburtsjahr und Ihre Telefonnummer an.


Der Autor, Prof. Dr. med. Michael Deuschle, ist Leiter der AG Stressbezogene Erkrankungen – Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, J5, 68159 Mannheim. Weitere Informationen unter 

E-Mail: cello@zi-mannheim.de, Fax (0621) 17032325