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10.05.19 / Ein Kuhschwanz im Wasser / Klostergeist und Feuerzangenbowle – Die Altmark, »Wiege Preußens« genannt, baut auf das genüssliche und historische Erbe

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 19-19 vom 10. Mai 2019

Ein Kuhschwanz im Wasser
Klostergeist und Feuerzangenbowle – Die Altmark, »Wiege Preußens« genannt, baut auf das genüssliche und historische Erbe
Helga Schnehagen

Geistig und geistlich liegen sprachlich nicht weit auseinander und manchmal gehören sie einfach zusammen. Das dachte man sich jedenfalls, als man die Brennerei vom Kloster Jerichow bei Tangermünde wieder zum Leben erweckte. So spielt seit 2014 auch das Geistige in der geistlichen Umgebung wieder eine Rolle. 

In der neuen Brennerei glänzt die moderne Hochleistungsdestille aus Kupfer und Edelstahl. Eine Anlage, mit der durchaus richtig gebrannt werden könnte, doch Jerichow „vergeistet“. Das heißt, hier wird der Alkohol nicht hergestellt, sondern durch die Kräuter des Klostergartens und die Früchte und Pflanzen der umliegenden Obstgärten veredelt. Wie der „Geist“ in die Flasche kommt, dabei kann man zuschauen. Danach darf man sich verschiedene Geiste auf der Zunge zergehen lassen. Die nötige Grundlage schaffen rustikale Wurstbrote und saures Gemüse.

Kloster Jerichow ist ein Anwesen mit 56 Gebäuden, von denen die Brennerei eines der unscheinbareren ist. Vor über 850 Jahren ließen sich Prämonstratenser aus Magdeburg hier nieder, um die Slawen östlich der Elbe zu missionieren. Sie schufen ein Zentrum der Ostmissionierung und hinterließen ein Pionierwerk der Back­steinromanik. Staunend steht man noch heute davor.

Nach seiner Auflösung 1552 im Zuge der Reformation wurde das Kloster weiterhin landwirtschaftlich genutzt, zuerst als preußische Staatsdomäne, später als volkseigenes Gut. Dabei blieb die romanische Gesamtanlage mit Kirche, Kloster und Klostermauer in seltener Geschlossenheit erhalten. 

Seit die Klosteranlage 1998 we­gen schwerer Bauschäden baupolizeilich gesperrt werden musste, flossen mindestens fünf Millionen Euro in das gesamte Anwesen. Einige Wirtschaftsbauten am Rande lassen den maroden Zustand noch erahnen. Der Rest ist makellos samt Brandschutz und Barrierefreiheit, Parkplätzen, Ferienzimmern, Informationszentrum, Café, Wirtshaus Klostermahl und breiter touristischer Infrastruktur.

Kaum eine Gegend ist so reich an Bauzeugen der Romanik wie die Altmark. Allein über 200 Dorfkirchen entstammen dieser mittelalterlichen Frühphase.

In unmittelbarer Nähe von Jerichow besitzen zwei davon eine besondere Bedeutung. In Wust befindet sich die Gruft mit dem Sarg von Hans Hermann von Katte, der nach dem missglückten Fluchtversuch mit Kronprinz Friedrich 1730 in Küstrin enthauptet wurde. In Schönhausen wurde Otto von Bismarck getauft. Epitaphien und Gedenksteine erinnern an seine Vorfahren.

Dass diese Kirchen in der „gottlosen“ DDR überlebten und nach der „Wende“ wieder erblühten, gleicht einem Wunder, das ohne das bürgerliche Engagement in Form von Fördervereinen nicht denkbar ist. Und das in einer seit jeher dünn besiedelten Region. Die Altmark, doppelt so groß wie das Saarland, hat nur 37 bis 47 Einwohner pro Quadratkilometer. Im Saarland sind es 387. 

Die Sandauer Kirche, ein Nachfolgebau der Klosterkirche Jerichow, ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Noch im April 1945 wurde ein Großteil der Stadt samt Kirchturm zerstört. Von 2002 bis 2013 konnte Letzterer als multifunktionales vertikales Gemeindezentrum mit Ausstellungs- und Tagungsräumen wiederhergestellt werden. Unten im Kirchenschiff dürfen sich Besucher von April bis Oktober auf Kaffee, andere Getränke, Kekse und oft auch selbstgebackenen Kuchen freuen – gegen Gotteslohn. 

Neueste Perle an der Straße der Romanik ist die Pfarrkirche 

St. Petri in Seehausen. Im Stil der Romanik erbaut, wurde sie später zur gotischen Halle. Erhalten blieb das prächtige romanische Eingangsportal. Gästeführer und Heimatforscher Hans-Peter Bo­denstein hat hinter seinen schlichten Bögen und Säulen ein verblüffendes Geheimnis ent­deckt: die anspruchsvolle Umsetzung christlicher Zahlensymbolik in der Architektur.

Die großartige voll romanische Nikolauskirche in Beuster bot noch bis zur Jahrhundertwende einen lamentablen Zustand. Seitdem sind über eine Million Euro in die geglückte Sanierung geflossen. Um diese gänzlich abzuschließen, kann man für 25 Euro Pate von einem der 700 Sterne in der Apsis werden.

In der alten Hansestadt Tangermünde meint man, die Zeit sei stehen geblieben. Während sich das Stadtidyll hinter der zwei Kilometer langen Stadtmauer mit seinen Stadttoren, Fachwerkhäusern, gotischem Rathaus und gotischer Hallenkirche über die Jahrhunderte erhalten konnte, ging 1917 wirtschaftlich eine Ära zu Ende. Damals schloss eine der letzten der einst über 80 Brauereien. Seit einiger Zeit aber fließt wieder Tangermünder Kuhschwanzbier. Das obergärige Schwarzbier ist so alt wie die Stadt – 2009 waren es immerhin 1000 Jahre.

Zum Brauen benutzte man das Wasser aus dem bei der Stadt in die Elbe mündenden Tanger. Dabei tranken stets auch Rinder aus dem Fluss. Nie gelang es, alle Rindviecher von seinem Ufer zu vertreiben. Mindestens ein Kuhschwanz hing immer im Wasser des Tanger.

Wiederentdecker Tiemo Schönwald schwelgt in Nostalgie und betreibt ein historisches Hotel und zwei historische Restaurants. Historisch ist ein weiter Begriff. Bei dem Sammelsurium des 

44-jährigen Tausendsassas handelt es sich um früheren Hausrat, alte Möbel, Trödel und andere Kuriositäten. 

Seine Exempel-Gaststuben in einem ehemaligen Wohn- und Schulhaus suchen wahrlich ihresgleichen. Wenn man im grünen Salon seine Suppe löffelt, denkt man unweigerlich an (Ur)Omas gute Stube. Besonderes Gastro-Erlebnis ist „Die Feuerzangenbowle“, aufgeführt und umgerührt im alten Schulzimmer. Eine zwei- bis dreistündige „Lerneinheit“, bei welcher der Lehrer zum Spaß der Gäste auch Betragen, Fleiß und sittliche Reife benotet. 

Melanie Busse, auch sie stammt aus Tangermünde, erfüllte sich ihren Nostalgie-Traum, indem sie zehn Jahre nach der „Wende“ das vor 300 Jahren erbaute Amtshaus Friedrichs I. zum ausgedehnten Vier-Sterne-Schlosshotel umbauen ließ. Es befindet sich in bester Lage und mit grenzenlosem Blick auf die Elbe auf dem Burgberg.

Wer Möbel und Schiffe bauen kann, kann auch Hotel, dachten sich Renate und Andreas Lewerken und eröffneten vor sechs Jahren in Havelberg das Vier-Sterne-Arthotel Kiebitzberg. Damit schlug das mittelständische Un­ternehmer-Ehepaar eine gänzlich neue, frische Seite der Selbstverwirklichung in der Altmark auf.

Infos im Internet: www.kloster-jerichow.de, www.exempel.de, www.schloss-tangermuende.de, www.arthotel-kiebitzberg.de