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05.07.19 / Erst verboten, jetzt vergessen / An der früheren innerdeutschen Grenze haben sich wahre Ortsperlen erhalten – Ein Besuch im südlichen Zipfel von Thüringen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 27-19 vom 05. Juli 2019

Erst verboten, jetzt vergessen
An der früheren innerdeutschen Grenze haben sich wahre Ortsperlen erhalten – Ein Besuch im südlichen Zipfel von Thüringen
Nils Aschenbeck

Die bayerische Stadt Coburg liegt nur zirka zehn Kilometer entfernt. Doch für die Bewohner von Ummerstadt war sie zu DDR-Zeiten unerreichbar. Sie führte wie das benachbarte Heldburg ein Schattendasein an der Grenze

Wie eine Nase ragt ein thüringischer Landstreifen in bayrisches Gebiet. Über Jahrzehnte waren die hier liegenden Städte Bad Colberg, Heldburg und Ummerstadt abgeschottet. Selbst DDR-Bürger mussten bis Ende 1989 einen guten Grund vortragen, wollten sie Heldburg und die Nachbarorte in unmittelbarer Grenznähe besuchen. Tourismus gab es demzufolge keinen, eine touristische Infrastruktur konnte sich nicht bilden. Dennoch oder gerade deswegen sind die Orte heute so interessant – sie verdeutlichen eindringlich die deutsch-deutsche Geschichte.

Die kleinste der drei Städte ist Bad Colberg, heute Teil der seit 1993 künstlich zusammengefügten Verwaltungseinheit Bad-Colberg-Heldburg. Allerdings ist Bad Colberg auch das modernste Stück in diesem thüringischen Landzipfel, hier wurde im Jahr 2000 ein Terrassenschwimmbad und ein neues Krankenhaus in interessanter, in der Provinz kaum zu erwartender Architektur er­richtet. 

Der kleine Ort verdankt seine Existenz einer erst 1907 entdeck­ten heißen Quelle, die bis heute zu therapeutischen Zwecken ge­nutzt wird. Der Erfolg der Klinik und des Schwimmbades tut dem Ort gut: Zahlreiche Cafés und Restaurants wurden neu eröffnet und locken nun auch Touristen in dieses ehemalige Niemandsland. 

Von Bad Colberg aus führt ein kleiner Weg zur Gedenkstätte Billmuthausen. Bis Ende der 1970er Jahre haben in dem Dorf Billmuthausen Menschen gelebt – in einer auf den ersten Blick traumhaften Naturlandschaft zwischen Thüringen und Franken, doch einst leider zu nah an der Zonengrenze gelegen, das meinten zu­mindest die Grenzplaner in Ost-Berlin. 1948 hatten die Sowjets das Gutshaus der Familie Ludloff bereits abgerissen, anschließend folgte die Kirche, die abgetragen und fast spurlos beseitigt wurde, als der Pastor gerade im Urlaub war. Ein einziger Schmuckstein des Gotteshauses konnte später, nach 1989, ausgegraben werden.

Die letzte Billmuthausener Familie musste 1978 gehen, die Häuser wurden – um jeden Ge­danken an Rückkehr zu verhindern – abgerissen. Heute erinnern allein ein Transformatorenturm, der 1978 stehen geblieben ist, da er für die Grenzanlagen benötigt wurde, der kleine Friedhof sowie eine Gedenkstätte mit Informationstafeln an den verschwundenen Ort. Im Boden sind Mauerfragmente der abgerissenen Häuser zu erkennen. 

Etwa 200 Meter vom Ort entfernt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze steht die Ruine eines DDR-Beobachtungsturms. Sie ist heute kein Re­likt ei­ner Macht mehr, sondern wirkt mehr wie ein Symbol eines gescheiterten Staates, ge­scheitert elf Jahre nach dem Schleifen Billmuthausens. 

Diese Geschichte, angefüllt mit Schicksalen und Tragödien, sollte man im Kopf behalten, wenn man die paar hundert Meter weiter nach Heldburg fährt – in eine un­glaubliche Idylle, die nicht von dieser Welt scheint. Schon bei der Einfahrt in den Ort grüßt ein überdimensionales, in der Mitte einer Fassade prangendes Posthorn. Tatsächlich ist und war in diesem Haus, ein vorbildlich saniertes Schmuck­stück aus Fachwerk, die Post ansässig. Das Haus mit der Post, eingebettet in private Gärten, erinnert an die Faller-Spielzeugwelten, in denen es nie Verfall und Niedergang gibt, in denen immer die Sonne scheint und immer die Blumen blühen.

Der „Fränkische Hof“, nur ein paar Schritte von der Post entfernt, verweist auf die Zeiten der Ackerbürger, die Stadttore dokumentieren, dass es einst eine wehrhafte städtische Gemeinschaft gab. Hinter den Fachwerk­häusern, deren Mauern sich reizvoll mit den Substruktionen der alten Stadtmauer verbinden, er­strecken sich weite Gärten, in denen im Frühsommer Johannisbeeren und Kirschen reifen. 

Und immer grüßt die riesige Burg, die kaum einen Kilometer entfernt auf ihrem isolierten Vulkankegel steht. Obwohl es keine Industrie gab, wurden auch in Heldburg einige Plattenbauten errichtet. Hier wohnten die Grenzsoldaten, die damals aufzupassen hatten, dass die eigene Bevölkerung nicht aus ihrer unwirklichen Idylle entweicht. 

Bis heute verharrt Heldburg in seiner etwas irrealen märchenhaften Vergangenheit. Es gibt zwar einen Bäcker, auch eine Gastwirtschaft und zwei Supermärkte, aber der Gasthof zum Schwan, einst das erste Haus am Platz, ist seit Jahrzehnten eine Ruine. In der Altstadt von Heldburg – vielleicht eine der schönsten Städte in Thüringen – gibt es kein Hotel, kein Straßencafé und keinen Großparkplatz. 

Wenige Kilometer südwestlich von Heldburg liegt das noch kleinere Ummerstadt, eine der kleinsten Städte Deutschlands mit heute weniger als 500 Einwohnern. Fast ganz Ummerstadt steht unter Denkmalschutz, Neubauten sind kaum zu entdecken. Die beiden zentralen Plätze der Stadt 

– der Marktplatz und der Viehmarkt – bilden geschlossene Fachwerk-Ensembles, oberhalb der Stadt liegt die älteste Wehrkirche Thüringens, deren Anfänge vermutlich bis in das siebte Jahrhundert zurückreichen. Man kann sich in Deutschland kaum einen lieblicheren Ort vorstellen, man erwartet, dass hier alle Historienfilme Europas gedreht werden. Aber auch in Ummerstadt gibt es keine Touristen und keine Anfragen von Filmproduzenten. Als Reisender kann man hier weder Postkarten noch Eiscreme kaufen. Die Stadt, in der schon mal 2000 Menschen lebten, war während der DDR „verboten“, jetzt ist sie vergessen. 

Hinter den größtenteils restaurierten Fassaden wartet manche bittere Geschichte auf den, der sie noch hören will. So erinnert sich Eberhard Eichhorn an einen Junitag im Jahr 1953, er war damals neun Jahre alt: Schwere Polizeifahrzeuge fuhren in aller Frühe auf dem Marktplatz vor. Die Uniformierten drangen in ihre Wohnung im Rathaus, gaben seiner Familie zwei Stunden Zeit, um die wenigen Sachen zu packen, die sie mitnehmen durften. 

Damals lief die Aktion „Ungeziefer“, in deren Rahmen Personen und Familien, die als DDR-kritisch aufgefallen waren oder die nur häufig in den Westen gefahren waren (was damals noch möglich war), aus ihren Häusern und Wohnungen gezerrt wurden, um sie dann in grenzfernen Regionen der DDR neu anzusiedeln. „Ungeziefer“ – zynischer hätten die Machthaber ihr Vorgehen kaum benennen können. 

In der ganzen DDR wurden etwa 11500 Menschen „umgesiedelt“. Um diesen zwangsweise Entwurzelten das Einleben in den neuen Orten zu erschweren, wurden den neuen Nachbarn erzählt, dass es sich bei ihnen um Feinde des sozialistischen Staates handele und dass man mit diesen den Kontakt meiden solle. 

Eichhorns Vater starb 1981 – ihm wurde zeitlebens nicht mehr erlaubt, in seine Heimat zurück­zukehren. Sein Sohn allerdings ist zurückgekehrt und bemüht sich heute, mit Vorträgen an das Un­recht zu erinnern, dass die DDR-Machthaber nicht nur seiner Familie zugefügt haben, ausgerechnet in dieser wunderschönen Landschaft mit den wunderschönen Städten.