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12.07.19 / Mediziner wehren sich / Königsberger Perinatal-Spezialistin des Mordes beschuldigt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 28-19 vom 12. Juli 2019

Mediziner wehren sich
Königsberger Perinatal-Spezialistin des Mordes beschuldigt

Die Chefärztin der Geburtsklinik in Königsberg, Jelena Belaja, und eine Kollegin stehen unter Hausarrest. Sie werden beschuldigt, ein zu früh geborenes Kind mit einer Überdosis Magnesiumsulfat getötet zu haben, um die Geburtenstatistik der Klinik zu schönen und die Kosten für die Behandlung des Kindes zu sparen. Anschließend sollen sie dokumentiert haben, das Kind sei bei der Geburt verstorben.

Was war passiert? Eine Immigrantin aus Aserbaidschan, die bereits zwei Fehlgeburten hatte, brachte in der 23. Schwan­ger­schafts­woche einen Jungen in der Klinik zur Welt, der nur 700 Gramm wog. Nach Ansicht führender Perinatal-Spezialisten besteht erst ab der 24. (Deutschland) oder ab der 25. Woche (Frankreich) die Möglichkeit, lebenserhaltende Maßnahmen zu ergreifen. Selbst dann liegt die Überlebensrate nur bei sechs Prozent.

Ähnlich wie im Fall des bis vor Kurzem unter Hausarrest gestellten Journalisten Iwan Golunow, der eine Solidaritätswelle in ganz Russland auslöste, die schließlich zu seiner Freilassung führte, stellt sich nun russlandweit die Ärzteschaft hinter die Medizinerinnen. Auf der Internetplattform „change.org“ starteten sie eine Petition mit der Forderung, den Fall objektiv zu untersuchen. In einer bislang nie dagewesenen Solidarität posten sie in den sozialen Netzwerken unter #jaelinasuschkewisch (Ich bin Elina Suschkewitsch) Unterstützung für die Kollegin, die beschuldigt wird, Belajas Komplizin zu sein.

Da die Ermittlungsbehörden weder Ross noch Reiter nennen, also nicht klar ist, wer den Fall zur Anzeige gebracht hat und aus welchen Gründen in Wirklichkeit ermittelt wird, vermuten viele, dass es sich um einen fingierten Fall handelt, weil jemand die Chefärztin aus ihrem Amt verdrängen wollte. 

Der Fall verdeutliche, wie fragil die Sicherheit russischer Ärzte sei, wenn, wie bei der 28-jährigen Elina Suschkewitsch, eine engagierte und renommierte Spezialistin, die dem Rat der Perinatal-Gesellschaft angehört, wegen eines nicht nachgewiesenen Fehlverhaltens festgenommen werde, so Kollegen, deren Stellungnahmen das online-Portal „Lenta“ zum Teil mit voller Namensnennung veröffentlicht hat. In ihren Kommentaren kritisieren sie das Vorgehen der Ermittler scharf. Seien diese selbst überzeugt, dass ein Mordfall vorliege, hätten sie die Ärztinnen nicht unter Hausarrest gestellt, sondern gleich dem Haftrichter vorgeführt. Zudem sei die Anschuldigung völlig absurd: „Wie kann man denn die Sterblichkeitsrate senken, indem man mordet?“, fragt ein Kollege. 

Mit dem Königsberger Fall könnten die Behörden unbeabsichtigt in ein Wespennest gestochen haben, verdeutlicht er doch die prekäre Lage russischer Mediziner im Vergleich zu ihren Kollegen im Wes-ten. Schlecht bezahlt, ein niedriges Ansehen, der Mangel an Autorität sowie fehlende Achtung machen den Beruf unattraktiv. 

Aus den Kommentaren wird deutlich, dass russische Klinikärzte nach dem Königsberger Fall nun eine Welle von Entlassungen befürchten. Eine Berufshaftpflichtversicherung, wie sie in Deutschland Pflicht ist, gibt es in Russland nicht. Dort müssen Ärzte bei nachgewiesenen Fehlern die Patienten aus eigener Tasche entschädigen. Sie wollen sich Willkür und Missachtung nicht länger gefallen lassen. Zwar werden sie nicht streiken, aber andere Mittel finden, um sich gegen Willkür zur Wehr zu setzen: Unterschriften sammeln, Petitionen schreiben und das Internet nutzen. MRK