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12.07.19 / Wenn in Europa die Lichter ausgehen / Immer wieder Engpässe im Stromnetz – Ein Werk von Spekulanten, um die Energiepreise hochzutreiben?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 28-19 vom 12. Juli 2019

Wenn in Europa die Lichter ausgehen
Immer wieder Engpässe im Stromnetz – Ein Werk von Spekulanten, um die Energiepreise hochzutreiben?
Peter Entinger

Im deutschen Stromnetz ist es in den vergangenen Wochen mehrmals zu schweren Krisen mit europaweiten Folgen gekommen. Experten sagen, dass sogar die Systemsicherheit gefährdet war. 

In einer Erklärung teilten die vier Netzbetreiber Amprion, Tennet, 50Hertz und TransnetBW mit, dass die Situation mit Unterstützung europäischer Partner gemeistert wurde. Den Angaben zufolge habe die zu geringe Stromeinspeisung in das deutsche Netz zu einem Absinken der Frequenz im gesamten europäischen Verbundnetz geführt. Um das Ungleichgewicht zwischen Stromerzeugung und Stromverbrauch zu schließen, mussten die Netzbetreiber kurzfristig zusätzliche Kapazitäten beschaffen. 

„Es bestand keine Gefahr für die sichere Stromversorgung in Deutschland“, teilte ein Sprecher der Netzagentur mit. Die Gründe für das starke Ungleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch seien noch nicht eindeutig geklärt, selbst stärkere Schwankungen bei der Einspeisung von Strom seien „nicht unnormal“. 

Die Darstellung von Netzbetreiber Amprion liest sich dagegen weitaus dramatischer. „Die starke Unterspeisung ist im sogenannten Markt für Regelenergie aufgetreten“, sagte ein Amprion-Sprecher: „Dieser dient dazu, kurzfristige Schwankungen auszugleichen, die teils binnen Minuten auftreten. Die Vermeidung solcher Unregelmäßigkeiten ist für die Versorgungsstabilität essenziell wichtig.“ Gerate das System aus dem Gleichgewicht, schwanke auch die Stromfrequenz, was erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft haben könnte. „Die Lage war sehr angespannt und konnte nur mit Unterstützung der europäischen Partner gemeistert werden“, sagte der Amprion-Sprecher. 

Co-Betreiber Tennet bestätigte diese Darstellung: „Um das Ungleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch zu schließen, mussten die Netzbetreiber zusätzliche Kapazitäten organisieren. Neben Lieferungen aus dem Ausland ist zusätzlicher Strom an der Börse beschafft worden.“ Auch auf Angebote von Unternehmen, ihren Stromverbrauch gegen Bezahlung abzuschalten, habe man zurückgegriffen, teilte das Unternehmen mit. Das seien festgelegte Prozesse, die gegriffen hätten.

Branchenexperten sehen in den ungenauen Verbrauchs- und Erzeugungsprognosen einen Grund für die Probleme. Die Stromhändler hätten deshalb zu wenig Strom geordert, heißt es. Der „Spiegel“ bringt unter Berufung auf Wirtschaftskreise allerdings auch eine weitere Variante ins Spiel. Marktteilnehmer würden hinter den Engpässen das Werk von Spekulanten vermuten. Es bestehe demnach der Verdacht, dass Händler Versorgungslücken im Regelenergiemarkt zunächst bewusst nicht ausgeglichen hätten, um später höhere Gewinne einzustreichen. Möglicherweise hätten sich in den aktuellen Fällen aber auch Stromanbieter und Netzbetreiber verspekuliert, heißt es. 

Mit Blick auf Wind- und Solarenergie könnten auch ungenaue Wettervorhersagen der Grund für die aktuellen Engpässe gewesen sein. Die Netzbetreiber teilten hingegen mit, sie wollten sich zu den Ursachen erst nach einer umfassenden Analyse äußern, die sie zusammen mit der Bundesnetz­agentur erstellen würden. Dies könne bis zu acht Wochen in Anspruch nehmen, hieß es. „Ob es Konsequenzen für Marktteilnehmer geben wird, wäre zu diesem Zeitpunkt Spekulation.“

Klar ist auf jeden Fall, dass auf den Kosten die Verbraucher sitzen bleiben werden. „Die Kosten werden von allen Stromkunden getragen. Als wir die Mengen erhöht haben, musste sich der Markt erst mal darauf einstellen, dadurch ist es – Angebot und Nachfrage regeln den Markt – kurzzeitig zu einer Erhöhung der Preise gekommen. Wir beobachten aber, dass sich die Preise wieder auf Marktniveau einpendeln“, teilte Tennet mit. 

Wie komplex das Geschäft mit der Stromversorgung mittlerweile geworden ist, zeigt der Umgang der Europäischen Union mit der Schweiz. Seit Jahren streiten sich die EU-Kommission und die Regierung in Bern um einem Stromkompromiss. Denn die Leitungen machen eben nicht an den EU-Außengrenzen halt. „Die Situation ist heute ernst – und sie verschärft sich weiter“, teilt der Schweizer Netzbetreiber Swissgrid mit. Man werde immer öfter von der Marktentwicklung ausgeschlossen. Und der drohende Brexit, der Austritt der Briten aus der EU, verschärfe die Lage eher noch. 

Alles was die Engländer jetzt nicht bekommen würden, würden später auch die Schweizer nicht bekommen. Der Ausschluss der Schweiz werde dazu führen, dass die Stromtarife steigen und die Netzsicherheit zurückgehe. „Nur mit der Integration in den europäischen Strommarkt können nachhaltige Lösungen für die Versorgungssicherheit gefunden werden“, heißt es in einer Pressemitteilung. 

Das Strommarktabkommen mit der EU ist für die Drehscheibe Schweiz äußerst wichtig, aber seit Jahren ein richtiger Zankapfel. Die EU hatte den Abschluss dieses Abkommens, das den gleichberechtigten Zugang zum europäischen Strombinnenmarkt regelt, von weitreichenden Schweizer Zugeständnissen in infrastrukturellen Fragen abhängig gemacht. Das Nicht-EU-Land Schweiz verweist dagegen auf die Tatsache, dass es in Baden-Württemberg ohne Zugriff auf das Schweizer Netz jederzeit zu Engpässen kommen könnte.