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12.07.19 / Die Geschäfte liefen wie geschmiert / Warum mit der Margarine trotzdem nicht alles in Butter war

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 28-19 vom 12. Juli 2019

Die Geschäfte liefen wie geschmiert
Warum mit der Margarine trotzdem nicht alles in Butter war
Klaus J. Groth

Wie jeder Heerführer wuss­te Kaiser Napoleon III., dass Schlachten nicht nur auf dem Feld, sondern auch in der Feldküche entschieden werden. Hunger in der Truppe ist ein gefährlicher Feind. Die Verpflegung der Soldaten war teuer, vor allem die Beschaffung von Butter ging ins Geld. 1867 beauftragte der Neffe von Napoleon Bonaparte den Chemiker Hippolyte Mége-Mouriès, eine künstliche Butter zu erfinden. Zwei Jahre lang mixte der Chemiker Wasser, Nierenfett und zerstoßene Kuheuter zu einem Brotaufstrich, der Butter ähnlich sah und wohl zumindest ähnlich schmeckte. Am 15. Juli 1869 reichte er die „Beurre économique“ (preiswerte Butter) zum Patent ein. Weil das Fett aus dem Labor weiß schimmerte, wurde der Name später klangvoll in „Margaron“ geändert, hergeleitet von dem griechischen Wort für Perle, „margarita“.

Geholfen hat die Margarine Napoleon nicht. Der Krieg 1870/71 gegen Deutschland lief für Frankreich nicht wie geschmiert. Er endete mit einer Niederlage und der Gefangennahme des Kaisers, eine Schmach, welche die Franzosen den Deutschen lange nicht verziehen. Die Margarine aber trat einen Siegeszug an. Mége-Mouriès verkaufte das Patent zur Herstellung an die holländische Firma Anton Jurgens, welche die „Kunstboter“ auch nach Deutschland lieferte. Das Deutsche Reich schottete sich zwar zum Schutz seiner Landwirte und Molkereien mit Zöllen gegen die Einfuhr ab, doch Jurgens und sein Konkurrent Simon van den Bergh wussten sich zu wehren. Die Niederländer gründeten 1888 Unternehmen kurz hinter der Grenze zu Deutschland in Goch und Kleve am Niederrhein. Bald arbeiteten über 1200 Angestellte für die findigen Holländer „op de Boter“. Die beiden Firmen schlossen sich später zur Margarine-Union zusammen, die 1929 mit dem britischen Seifenhersteller Lever Brothers zu Unilever fusionierte.

 Zunächst wurde Margarine mit billigen Tierfetten aus Argentinien, Australien und Neuseeland produziert. Auch Tran vom Wal wurde beigemixt. Durch den Zusatz von gelben Ölen erreichten die Hersteller, dass das Produkt aus dem Labor von der Butter optisch nicht zu unterscheiden war. Auf den Wochenmärkten wurde geschummelt, was das Zeug hielt. Wo Butter dran stand, war nur Margarine oder ein Mix aus beiden Fetten drin. 

Die Landwirte und Meierristen setzten durch, dass Margarine nur in Würfelform verkauft werden durfte und mit einer Banderole gekennzeichnet werden musste. Die Forderung, das Kunstfett blau, rot oder braun zu färben, ging dem Reichs- und preußischen Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft dann doch zu weit. Das „bunte Kleid“ wurde abgelehnt. Die sozialdemokratische Presse schrieb: „Das arme Schulkind will von dem wohlhabenden nicht auch dadurch unterschieden sein, dass die Butter auf seinem Budderbrode braun ist“. 

Der Arm des Gesetzes reichte nicht bis an die Herde in Gaststätten. Dort war der Betrug weiter an der Tagesordnung. Die „Deutsche Apothekerzeitung“ berichtete 1897: „Gegen die Verwendung von Margarine bei der Herstellung der Butterbrote in Bahnhofswirtschaften richtet sich eine Verfügung der kgl. Eisenbahndirektion Berlin. Die heimliche Verwendung von Margarine statt Butter soll mit Vertragskündigung geahndet werden.“ 

Margarine und Butter teilten die Gesellschaft. Der billige Brotaufstrich kam in den Familien von Arbeitern und kleinen Angestellten auf den Tisch, das Erzeugnis von der Kuh in den Speisezimmern der „Herrschaften“. 1924 brachte Van den Bergh eine Sorte für den feineren Geschmack, die Delikatessmargarine „Schwan im Blauband“, auf den Markt, Jurgens hielt mit „Rahma“ dagegen. Coco aus Usambara machte Werbung für „Rahma buttergleich“. Das missfiel den Wettbewerbshütern. Jeder Hinweis auf Butter wurde verboten, und das „h“ muss­te verschwinden. In den 50er Jahren löste das rotbackige Rama-Mädchen in Tracht, umrahmt von Delfter Kacheln, den Jungen Coco als Werbeträger ab. Rama war und ist die meistverkaufte Margarinesorte.

Ein Lebensmittelskandal verhagelte dem Marktführer Unilever in den 50er Jahren die Bilanzen. Schätzungsweise 100000 Holländer waren von einer rätselhaften fiebrigen Hautkrankheit betroffen. Auch Deutsche erkrankten. Die Ursache wurde in schädlichen Inhaltsstoffen in Margarine vermutet. Die Staatsanwaltschaft von Rotterdam verbot den Verkauf sämtlicher 56 von Unilever produzierten Sorten. 

Der Palmölskandal ließ die Vorstandsetage 2010 abermals erbeben. Wegen des Imports von Palmöl aus Sumatra und Borneo geriet der Konzern in Konflikt mit Umweltschützern. Für den Anbau von Ölpalmen werden große Flächen des Regenwalds gerodet und Kleinbauern verjagt. Die Initiative „Rettet den Regenwald“ richtete einen flammenden Appell an das Gewissen der Margarine-Esser: „Haben Sie heute schon Rama aufs Brot gestrichen? Sie 

schmeckt wie immer, sieht aus wie immer – doch was sie enthält, will ihr Hersteller Unilever lieber verschweigen: Palmöl, und damit das Blut von Indigenen und Bauern in Indonesien, die für dessen Anbau bedroht, beschossen, verhaftet und vertrieben werden. Bitte protestieren Sie mit uns!“ Das wirkte. Unilever verpflichtete sich, nur noch Palmöl aus nachhaltigem Anbau zu verwenden. 

Ob Margarine gesünder ist als Butter, darüber streiten seit Jahrzehnten die Experten. Dass die gesättigten Fette in der Butter, die Transfette, generell dick machen und Herzinfarkte fördern, gilt inzwischen als widerlegt. Butter enthält natürliche Vitamine und Nährstoffe, in der Margarine werden künstliche zugesetzt. Bei der Kalorienzahl schneidet die Butter kaum schlechter ab als die Margarine. 100 Gramm Butter enthalten 750 Kilokalorien, die gleiche Menge Vollfettmargarine 720. 

Unilever ist seit 2018 nicht mehr „op de Kunstboter“. Der Umsatz war in den vergangenen Jahren erheblich geschrumpft, während der von Butter stabil blieb. Der Konzern hat die Margarinesparte, die ihn groß gemacht hat, an einen Finanzinvestor verkauft. Der hofft, noch viel fetten Gewinn einstreichen zu können.