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16.08.19 / Autorin macht chronisch Kranken Mut

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 33-19 vom 16. August 2019

Autorin macht chronisch Kranken Mut
Uta Buhr

Nicht von ungefähr beginnt das neueste Buch der Lyrikerin Maren Schönfeld mit einem Gedicht: „Du hast mir den Rücken gebeugt, mir im Nacken gesessen, meine Träume aufgezehrt, mir die Zeit gestohlen“. Bereits die ersten Zeilen von „Strategie des Schmerzes“ treffen den Leser mitten ins Herz. Da schreibt eine Autorin, die von frühester Kindheit an hat lernen müssen, mit kaum erträglichen Schmerzen zu leben. Da, wie Schönfeld im Vorwort anmerkt, Krankheit in unserer Gesellschaft als Störfaktor wahrgenommen wird, stellt der Umgang mit einem chronischen Leiden, gegen das es bis heute kein wirksames Mittel gibt, eine fast übermenschliche Herausforderung für die Betroffenen dar. Aber das Buch mit dem etwas sperrigen Titel „Wenn du Schmerzen hast, gehe langsam“, soll all jenen Mut machen, die sich bereits in ihr Schicksal ergeben haben und meinen, sie müss-ten ihr Leiden hinnehmen. Dass dem nicht so ist, beweist dieses schmale Werk auf jeder seiner 148 Seiten.

Eingangs schildert die Autorin ihre Odyssee durch die Praxen von Orthopäden, Physiotherapeuten, Allgemeinmedizinern und Schmerztherapeuten, die ihrem Leiden hilflos gegenüberstehen und alles versuchen, die Schmerzen der Patientin mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu lindern. Akribisch blättert Schönfeld ihr Leben vor uns auf, beginnend mit ihrer Geburt im Jahre 1970. Die Großmutter stellt fest, dass ihre neun Monate alte Enkelin zwei verschieden lange Beine hat und konsultiert verschiedene Ärzte. Jetzt beginnt eine unendliche Leidenszeit für das kleine Mädchen. Nur ein paar Stichworte: Die diagnostizierte Hüftdysplasie erfordert ständiges Röntgen, Spreizhosen und Eingipsung bis zur Taille. Der Leser wundert sich, was ein Mensch – zumal ein so junger – alles ertragen kann.

Schönfeld protokolliert auf den folgenden Seiten, wie sie trotz aller Widerstände und Schmerzen ihr Leben in den Griff bekam. Es versteht sich, dass sie es in der Schule nicht leicht hatte und während der Sportstunden von den Mitschülern wegen ihrer krankheitsbedingten Langsamkeit gemobbt wurde. 

Doch das junge Mädchen steck-te die Kränkungen weg und wandte sich stattdessen der Literatur zu. Sie verschlang Bücher von Erich Kästner, Christine Nöstlinger, Otfried Preußler und Astrid Lindgren. Letztere dürfte ein gutes Vorbild für die spätere Laufbahn Schönfelds als Schriftstellerin gewesen sein. Denn die geistige Mutter von Pipi Langstrumpf begann ihre Weltkarriere als Autorin ebenfalls während einer Krankheitsphase. Geschickt streut die Lyrikerin Schönfeld ihre Gedichte zwischen die Kapitel ihrer Krankheitsgeschichte. 

In Kapitel sieben geht es um „benennbaren“ und „unbenennbaren“ Schmerz. Schmerzpatienten können ein Lied davon singen, dass all das, was sie beschreiben können, von den Mitmenschen akzeptiert und mit Ratschlägen bedacht wird, während der Leidende mit dem nicht benennbaren Schmerz ganz allein ist und keine Hilfe von außen erwarten kann. Das vorletzte Kapitel beinhaltet alphabetisch geordnete „Praktische Stärkungen von A bis Z.“ Die Autorin rückt hierin Arbeit, Disziplin und Experimentierfeudigkeit in den Fokus. 

Zu guter Letzt noch einige wertvolle Tipps von A bis Z im Hinblick auf mentale Stärkungen: Von annehmen und achtsam sein bis Zutrauen. Der letzte Punkt, der sich eingehend mit dem Fortschritt der Medizin und aktuellen Behandlungs- und Heilungsmethoden befasst, verdient spezielle Beachtung. Denn hier keimt Hoffnung für alle Betroffenen auf. 

Wer Schönfelds Buch aufmerksam gelesen hat, ist um viele Erkenntnisse reicher. Gerade gesunden Menschen, die nur hin und wieder eine Schmerztablette schlucken, hilft es, sich in die Welt jener hineinzuversetzen, die tagtäglich mit Schmerzen leben müssen. Ein wenig Demut hat noch keinem geschadet. Das Buch ist in einem klaren verständlichen Stil geschrieben und beeindruckt besonders dadurch, dass die Autorin trotz ihres Leidensdrucks an keiner Stelle in Larmoyanz verfällt. 

Maren Schönfeld: „Wenn du Schmerzen hast, gehe langsam“, Verlag „Expeditionen“, Hamburg 2019, broschiert, 148 Seiten, 6,90 Euro, als E-Book 3,99 Euro