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30.08.19 / Reise in die Zukunft / In Linz schlägt das digitale Herz Österreichs – Großes Technologie- und Kunstfestival im September

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-19 vom 30. August 2019

Reise in die Zukunft
In Linz schlägt das digitale Herz Österreichs – Großes Technologie- und Kunstfestival im September
Helga Schnehagen

Mit dem Ars Electronica Center und dem gleichnamigen Festival ist Linz ein führender Treffpunkt der digitalen Welt. Deren innovativer Geist überträgt sich auf die ganze Stadt.

Sieht man vom Pöstlingberg aus auf Linz, schweift der Blick schnell über die Stadtgrenzen hinaus ins Grüne. Oberösterreichs Landeshauptstadt mit ihren 200000 Einwohnern ist – was die Ausmaße betrifft – recht übersichtlich. Eine Adhäsionsbahn erklimmt den Linzer Hausberg mit seiner weithin sichtbaren Wallfahrtskirche vom Hauptplatz aus in 20 Minuten. 

Als Anlegestelle von Flusskreuzfahrtschiffen und Etappe am Donauradweg spült der Fluss zuverlässig Touristen in die City. Zuerst auf den Hauptplatz, dann in die Landstraße, eine der beliebtesten Einkaufsstraßen Österreichs. Der Hauptplatz überrascht zwar durch seine Größe von drei Fußballfeldern, seine barocken Fassaden, Cafés und Restaurants erfüllen jedoch jedes Klischee. 

Auch die 1,3 Kilometer lange Landstraße mit Kaufhäusern und Ketten überrascht nicht. Interessant wird es erst, wenn man vom Weg abweicht und in die Altstadtgassen eintaucht, wo sich trendige Boutiquen, Manufakturen und Lokalitäten vom Erlesenen bis Kuriosen gegenseitig überbieten. 

In der Spittelwiese offeriert die „Feine Pfote“ mit dem Untertitel „so stilvoll wie ich“ Exklusives nach Maß für den Hund. Unter dem Motto „Bei der Hitze kann man nur Eis essen“ ist im Sommer sogar Bio-Eis im Angebot, der Becher für 2,90 Euro, wahlweise mit Rind-, Lachs- oder Käsegeschmack. Auf Herrchen wartet der „Tailleur pour Mes­sieurs“, der Herrenschneider, nebenan und auf Frauchen die Parfümerie Aschauer mit charmantem Retro-Interieur. 

Unter dem Motto „Frage nicht, was deine Stadt für dich tun kann. Frag lieber, was du für deine Stadt tun kannst“ wurde die Herrenstraße in zwei Bürgeraktionen 2006 und 2009 in eine Promenade mit kleinen, feinen Geschäften und Szenelokalen umgestaltet. So sitzt man jetzt auch in jenem Haus, in dem am 16. Mai 1891 Richard Tauber, der „König des Belcanto“, geboren wurde, lässig auf einem Holzblock im offenen Fenster. Ins Pflaster eingelassen sind Grußbotschaften aus 40 Ländern: „Tere tulemast“ heißt alle Esten herzlich willkommen. 

Geradezu babylonisch ist das Sprachgewirr am Donau-Ufer, wo die Linzer mit Vorliebe flanieren. „Hundert Ethnien leben in Linz“, erklärt Stadtführer Martin Luger, „Arbeiter, Studenten, Wissenschaftler, Forscher, Künstler und Kreative.“ Linz lohnt einen zweiten Blick, und der hat es in sich. 

Während auf dem Hauptplatz die 300 Jahre alte barocke Dreifaltigkeitssäule noch bis Ende 2020 generalsaniert wird, ragt auf dem Hofberg seit November 2018 als neues Wahrzeichen ein moderner Lichtbrunnen in die Höhe. Die 

8,5 Meter hohe Skulptur aus Granit, Stahl und Solarzellen speichert in ihren Photovoltaik-Paneelen tagsüber Sonnenlicht, das sie nachts als Licht abstrahlt. Auch auf dem Alten Markt lässt der Brunnen in Form eines riesigen Mikro-Chips bei Dunkelheit seine Fontänen leuchten. 

„Linz erfindet sich immer wieder neu“, erklärt Tourismusdirektor Georg Steiner. Wendepunkt war 2009, als Linz Kulturhauptstadt wurde. Während andere Städte danach wieder in den Dornröschenschlaf fallen, habe Linz, so Steiner, „einen Teil des Budgets für zukünftige Projekte aufgespart und den kreativen Schwung bis heute mitgenommen“. Aus dem „Nachlass“ wurde  das 2013 eröffnete Musiktheater finanziert, eines der modernsten Opernhäuser. Für ihre herausragenden Leistungen im Bereich Kulturerbe und Kreativität wurde die Stadt jüngst mit einem Tourismuspreis der EU honoriert.

Flaggschiff, Herz und Magnet ist das Ars Electronica Center (AEC). Als interaktives Museum der Zukunft zeigt es heute schon die Technologien von morgen. 1996 eröffnet, zum Kulturhauptstadtjahr 2009 für 30 Millionen umgebaut und 2019 neu gestaltet, kreisen die aktuellen Ausstellungen um die Themen Künstliche Intelligenz, Neuro-Bionik und Global Shift. Ein Mammut-Programm, in das man trotz Unterstützung von Führern und 

24 Stunden gültiger Eintrittskarte nur hineinschnuppern kann. 

Auch den Staatsoberhäuptern – den Präsidenten Alexander Van der Bellen aus Österreich, Frank-Walter Steinmeier aus Deutschland, Ueli Maurer aus der Schweiz, König Philippe von Belgien, Großherzog Henri von Luxemburg und Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein – wird es kaum anders ergangen sein, als sie Anfang Juni im AEC über das Thema „Demokratie und digitale Gesellschaft“ diskutierten. Alleine Deutschland will bis 2025 rund drei Milliarden Euro für die Umsetzung seiner KI-Strategie ausgeben.

Was die einen begeistert, mag andere erschrecken. So lässt sich zum Beispiel schon heute das Konnektom, die Gesamtheit der Nervenverbindungen, von einfachen Lebewesen wie Würmern entschlüsseln, digital nachbilden und in einen unabhängig agierenden Roboterwurm installieren. Zu sehen im AEC. 

Der musealen Präsentation vorausgegangen ist das Festival Ars Electronica. 1979 gegründet, zwei Jahre bevor IBM seinen ersten PC auf den Markt brachte, wird dieses älteste und weltweit einzigartige Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft in diesem Jahr 40. Mit dem umfangreichsten Programm seiner Geschichte macht es vom 5. bis 9. September ganz Linz zum Schauplatz der Medienkunst. Künstler, Forscher und Wissenschaftler aus aller Welt sinnieren an den Festivaltagen in Vorträgen, Workshops, Ausstellungen und Symposien über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der digitalen Revolution. Auf die Besucher warten die neuesten Innovationen und Spektakel der Weltelite.

Seit 1987 wird das Festival durch den Prix Ars Electronica, den ältesten und renommiertesten Medienkunst-Wettbewerb, bereichert. John Lasseter gehörte zu den ersten Preisträgern, lange bevor er 1995 mit „Toy Story“ den ersten komplett computeranimierten Langfilm produzierte. WikiLeaks-Gründer Julian As­sange erhielt den Preis 2009, noch bevor er 2010 US-Geheimdokumente im Internet veröffentlichte. Auch Jimmy Wales von Wikipedia oder Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, befinden sich unter den Siegern aus dem Who’s who der Medienwelt. Mal sehen, wen man diesmal groß herausbringt.

Infos: www.linztourismus.at; www.ars.electronica.art