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30.08.19 / Erinnerungen eines Augenzeugen des Mauerfalls

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 35-19 vom 30. August 2019

Erinnerungen eines Augenzeugen des Mauerfalls
Dirk Klose

Angehörige der Evangelischen Kirche in der DDR waren bekanntlich nach der Wende 1989 maßgeblich am Neubeginn in der DDR beteiligt. In der letzten Regierung saßen die Pfarrer Markus Meckel und Rainer Eppelmann als Außen- beziehungsweise Verteidigungsminister. Etwas in der zweiten Reihe, im regionalen Bereich von Berlin, der „Hauptstadt der DDR“, stand an zentraler Stelle der Superintendent Werner Krätschell aus der Kirchengemeinde Pankow. Als Anfang 1990 überall in der DDR die „Runden Tische“ eingerichtet wurden, an denen zwischen bisheriger Staatsmacht und Bürgerrechtlern gemeinsam über die Geschicke von Stadt und Land entschieden wurden, moderierte Krätschell den Runden Tisch in Berlin, an dem er die unterschiedlichsten Strömungen immer wieder besänftigend zusammenführte.

In diesem Herbst jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal, und unter den vielen Büchern, die dazu schon erschienen oder angekündigt sind, möchte man dem schmalen Band „Die Macht der Kerzen“ mit Krätschells Erinnerungen einen besonderen Rang zuerkennen. Krätschell, geboren 1940 im Osten Berlins, beschreibt auf knapp 100 Seiten anschaulich und oft geradezu spannend, wie er die dramatischen Monate zwischen Sommer 1989 und deutscher Einheit im Oktober 1990 erlebt hat. Und ständig eingeschoben in seine erinnernde Rückschau hat er Texte aus einem seinerzeit akribisch geführten Tagebuch, was dem Leser eine außerordentliche Authentizität vermittelt, erlebt er doch damalige Meinungen und Stimmungen ganz unmittelbar.

Als die Mauer gebaut wurde, war Krätschell zufällig auf Urlaub in Schweden. Er hätte im Westen bleiben können, doch er ging in die DDR zurück, weil er Familie und Freunde nicht verlassen wollte. Sein Pankower Kirchenkreis wurde in den 1980er Jahren einer der „aufmüpfigsten“ in der DDR, was im Herbst 1989 teilweise gefährliche Formen annahm. Im Buch ist ein haarsträubend zu lesender „operativer Vorgang“ der Stasi abgedruckt, aus dem hervorgeht, dass allein fünf IM‘s auf ihn angesetzt waren. 

Aber die Entwicklung war dann nicht aufzuhalten. Krätschell bringt eine Fülle bisher kaum bekannter Einzelheiten zum Herbst 1989 und dann zum Runden Tisch, freut sich über alle erreichten Fortschritte, ist aber auch abwartend gegenüber der selbstherrlich auftretenden Art vieler Westpolitiker. Seine Kraft, selbst in schwersten Situationen durchzuhalten, zieht er aus seinem Glauben: „Ich bin Gott dankbar, dass er mich hat erleben lassen, dass das, was wir glauben und predigen, nicht nur kirchliche und geistliche, sondern auch eminent irdisch-weltliche Qualität besitzt“. 

Bald nach dem Mauerfall hat er wieder viele Kontakte zu Freunden in England und in den USA aufnehmen können, Reisen dorthin sind ihm wie ein Geschenk. Erst die Wende, so sagt er, bedeutete für ihn das endgültige Ende des Zweiten Weltkrieges.

Krätschell endet mit dem Bekenntnis, dass auch heute ein „aufrechter Gang“ nötig sei. Und immer wieder fragt er, was gut und wertvoll an den Jahren in der DDR gewesen sei. Seine Kinder, waren sie die Leidtragenden? „Ja, was die äußeren Entbehrungen angeht, – nein, in Bezug auf den inneren Reichtum.“ Krätschell hat vielen Menschen dieses Gefühl inneren Reichtums vermittelt, auch dieses Buch tut es noch.

Werner Krätschell: „Die Macht der Kerzen. Erinnerungen an die Friedliche Revolution. Mit einem Essay von Timothy Garton Ash. Eine Veröffentlichung der Stiftung Berliner Mauer“, Ch.Links Verlag, Berlin 2019, 94 Seiten, 15 Euro