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13.09.19 / Schlag gegen die Liberale Theologie / Karl Barths Kommentar zum Römerbrief richtet den Blick weg vom Menschen und hin zur Göttlichkeit Gottes

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 37-19 vom 13. September 2019

Schlag gegen die Liberale Theologie
Karl Barths Kommentar zum Römerbrief richtet den Blick weg vom Menschen und hin zur Göttlichkeit Gottes
Christiane Rinser-Schrut

Karl Barth gilt als einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. 1919 veröffentlichte er seinen Kommentar zum Römerbrief, der wahrliche Durchschlagskraft besaß. 

Karl Barth wollte eigentlich Soldat werden. Seine eingeschränkte Sehkraft hinderte ihn jedoch daran. So kam der schon als Schüler passionierte Raucher über Umwege zu dem Wunsch, wie sein Vater Theologe zu werden, aber „nicht etwa, weil ich begierig war, zu predigen oder eine Gemeinde zu leiten, sondern schlicht, weil mir als 16-jährigem Gymnasiasten eingeleuchtet hat: Man kann also auch denkend an diese Dinge herangehen, so oder so, aber denkend!“ 

Seine Studienzeit begann der 1886 in Basel geborene Schweizer in Bern, wo er seinen lebenslangen Freund Eduard Thurneysen kennenlernte, wechselte dann nach Berlin, wo er mit Begeisterung die Vorlesungen des 1914 geadelten Adolf Harnack besuchte, der die damalige dogmatische Kirchenlehre kritisierte und eine Rück­kehr zur sittlichen Religion im Sinne der Verkündigung Jesu vom Reich Gottes forderte; seine liberale Theologie ist stark durch Immanuel Kant geprägt. 

Nach einem kurzen Aufenthalt in Tübingen wechselte Barth an die Universität nach Marburg. Dort traf er auf Wilhelm Herrmann. Dessen Christus-zentrierter Blick und dessen Verständnis der christlichen Religion als sittlich befreiende Kraft beeindruckten Barth sehr. Für Herrmann trat Jesus den Menschen in den Evangelien entgegen und seine Beziehung zu Gott werde für sie zur Offenbarung, bewirke den Glauben und führe zur sittlichen Freiheit. Herrmann trat in Bezug auf die moderne liberale Erfahrungstheologie in die Fußstapfen Friedrich Schleiermachers. 

Schleiermacher gilt mit seinen „Reden über die Religion“ aus dem Jahr 1799 als Vater der liberalen Theologie. Für ihn ist Religion eine „eigene Provinz im Gemüt“, ein „Gefühl“, sie erscheint als „Anschauung des Universums“. Diese theologische Richtung ist nicht homogen, dennoch gibt es einige verbindende charakteristische Elemente. Die liberale Theologie will Glaube und Vernunft zusammenbringen, den Glauben für einen seinerzeit modernen Menschen attraktiv machen. So lehnt sie dogmatische und kirchliche Traditionen ab, trennt Glauben vom Wissen und misst der Ethik eine zentrale Bedeutung bei. Der historische Jesus dient als Ausgangspunkt, weshalb die Leben-Jesu-Forschung in dieser Strömung so bedeutend wurde.

Barths Berliner Lehrer orientierten sich an Albrecht Ritschl. Dieser vertrat die Auffassung, dass die Berufung Jesu dem Zweck diene, das Reich Gottes im Diesseits zu gründen. Das Reich Gottes sei, so Harnack, ein religiöses Bewusstsein und bezeuge den unendlichen Wert der Menschenseele. Die Aufgabe der Menschen sei es, den Willen Gottes zu tun.

Der Erste Weltkrieg veränderte Barths Einstellung zu den Lehren seiner Lehrer Harnack und Herrmann. Barths Kritik beinhaltete die rigorose Ablehnung der menschlichen Einsicht über den Willen Gottes. Diese Kritik ver­fass­te er in seinem Kommentar zum Römerbrief. Der Mensch könne gar nichts machen, er könne Gott überhaupt nicht beeinflussen, er sei ungleich Gott. Der Mensch kann nach Barth nichts von Gott wissen, muss sich aber zu Gott in Verbindung setzen, kann es aber nicht, muss es doch versuchen. Um Gott zu ehren, muss sich der Mensch gemäß Barth dorthin begeben, wo er nur noch Hohlraum ist, wo der Mensch zu Ende ist. Gott kann keinem Weltbild untergeordnet werden. Der Mensch kann Gottes Handeln nicht willentlich beeinflussen. Eine Aufschrift „Gott mit uns“ kann nach Barth Gottes Handeln nicht lenken. Barths Dialektik, das Problem des wollenden aber nicht könnenden Menschen, den er besonders im zweiten Kommentar zum Römerbrief formuliert, löst er in späteren Jahren etwas auf. Die Göttlichkeit Gottes, die im Kommentar so groß geschrieben wird, wendet sich hin zur Menschlichkeit Gottes. „Gott ist der von ihm geschaffenen Welt nicht nur fern, sondern auch nah, nicht nur frei ihr gegenüber, sondern gebunden an sie.“

Aber zurück zum Auslöser. Ohne den Ersten Weltkrieg hätte Barth seinen berühmten Kommentar vermutlich nicht verfasst. Ihn schockierte sehr, dass die sozialistische Bewegung, welcher der „Genosse Pfarrer“ Barth  anhing, dem Kriegstreiben nichts entgegenstellen konnte und sogar seine theologischen Lehrer den Krieg unterstützten. Durch dieses einschneidende Erlebnis löste sich Barth von seinem Gelernten. 

In vielen Gesprächen mit seinem nahebeiwohnenden Freund Thurneysen entwickelte Barth seinen Römerbriefkommentar, der in diesem Jahr 100 Jahre alt wird. Darin lässt er den Apostel Paulus neu zu Wort kommen: „Denn die Welt und Menschheit, die jetzt ist, ist tatsächlich in das Chaos, in das Nichts zurückgekehrt, der Gewalt des Todes verfallen. Eine neue Welt muß anbrechen, wenn die Wahrheit und Güte Gottes wirklich und nicht nur in trügerischem Schein zu Ehren kommen sollen. Und gerade das ist nun geschehen. Gott hat … in die alte Welt hinein ,seinen eigenen Sohn‘ gegeben.“ 

Die ersten 300 Exemplare wurden dank der finanziellen Unterstützung des befreundeten Unternehmers Rudolf Pestalozzi bereits im Winter 1918 gedruckt. Datiert wurde das Werk jedoch mit 1919. Deshalb gilt 2019 als Jubiläumsjahr des Kommentares. Zufrieden war Barth damit jedoch nicht. 

Ein neuer Kommentar erschien im Jahr 1922 (auch hier eigentlich Ende 1921), ein Jahr nach seinem Ruf an die Universität in Göttingen – trotz fehlender Promotion. Dieses Mal enthielt der Kommentar Barths „Dialektische Theologie“, in der sich Gott und Mensch radikal unterscheiden: „Immer ist Gott dem Menschen jenseitig, neu, fern, fremd, überlegen, nie in seinem Bereich, nie in seinem Besitz.“ Der Gott der Menschengerechtigkeit, so Barths Aussage, sei ein „Götze und tot“. Später formuliert er: „Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.“ 

Barth erhielt im Januar 1922 von der Universität Münster die Ehrendoktorwürde verliehen und wechselte 1925 als Professor für Dogmatik und neutestamentliche Exegese dorthin. 1930 zog es ihn nach Bonn, wo er den Lehrstuhl für Systematische Theologie innehatte. 

Die „Deutschen Christen“ (DC), die eine Gleichschaltung der Kirche mit dem NS-Staat forderten, lehnte er ab und entgegnete: „Dar­um kann die Kirche, kann die Theologie auch im totalen Schlaf keinen Winterschlaf antreten, kein Moratorium und auch keine Gleichschaltung sich gefallen lassen. Sie ist die naturgemäße Grenze jedes, auch des totalen Staates. Denn das Volk lebt auch im totalen Staat vom Wort Gottes.“

Nachdem die DC die Kirchenwahlen 1933 gewonnen und Ludwig Müller als Reichsbischof an der Spitze der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) durchgesetzt hatten, gründete Martin Niemöller mit dem „Pfarrnotbund“ die Keimzelle der „Bekennenden Kirche“.

Im Mai 1934 tagte in Wuppertal-Barmen die erste „Reichsbekenntnissynode“, während der die „Barmer Theologische Erklärung“ maßgeblich von Barth verfasst wurde. Hierin einigten sich Reformierte, Lutheraner und Unier­te erstmals auf ein Glaubenszeugnis als Basis der Bekennenden Kirche. 

Weil ihm in Bonn die Lehrerlaubnis entzogen wurde, wechselte Barth 1935 nach Basel. Grund dafür war neben der Weigerung, einen Eid auf Adolf Hitler zu leisten, seine Äußerung vom Oktober 1933: „Was ist geschehen in diesem Sommer in Deutschland? … Diese Beschlagnahme von Vermögen? Was ist denn geschehen in den Konzentrationslagern? Was ist geschehen an den Juden? … Ist die Kirche nicht mitschuldig daran, weil sie geschwiegen hat? … Wer das Wort Gottes zu verkünden hat, der muß zu solchen Vorgängen sagen, was das Wort Gottes sagt.“

In den Jahren 1932 bis 1967 schrieb Barth seine „Kirchliche Dogmatik“. Sie sei „nicht vom Himmel gefallen, sondern sie ist hier an meinem Schreibtisch geschrieben“. Er verstand sie nicht als orthodoxes Werk, „sondern als Anleitung zum eigenen Denken“. Darin betont er die Person Jesu Christi und den Bund mit Israel als Inbegriff der gnädigen Beziehung Gottes zum Menschen. Gott habe sich frei für den Menschen entschieden und sich an ihn partnerschaftlich gebunden. Christus, indem er das Böse erleide, nehme das „Nichtige“ aus der Welt und erneuere den Bund mit den Menschen. Der Mensch sei mündig und könne frei auf das gnädige Handeln Gottes antworten. Und das machten Christen, indem sie für menschengerechte Verhältnisse eintreten – auch in staatlichen Bereichen, denn auch diese unterlägen der Herrschaft Christi.

Die Freiheit Gottes und die Freiheit des Menschen beschäftigten Barth durch die Kriege hindurch und auch bezüglich der Rassentrennung in den USA. Dieser doppelte Freiheitsbegriff nahm seinen Anfang in Barths Kommentar zum Römerbrief.





Karl Barths Leben

Der „fröhliche Biertrinker“, wie Karl Barth in der Studentenverbindung genannt wurde, war der Welt zugewandt. Schon als Schüler fing er das Rauchen an, das für ihn gemeinsam mit dem Lachen das Menschsein ausmachte. Er las gerne Kriminalromane, spielte Schach und wanderte mit seinen Söhnen in den Bergen der Schweiz. Besonders zugetan war er neben dem Reiten der Musik, vor allem Wolfgang Amadeus Mozart mit seinem „positiven Ton“ hatte es ihm angetan. So hängte er in seinem Arbeitszimmer direkt neben das Portrait von Johannes Calvin eines von Mozart. Zu Mozarts 200. Geburtstag schrieb Barth in Basel am 23. Dezember 1955 einen Dankesbrief an den Musiker: „Wie es mit der Musik dort steht, wo Sie sich jetzt befinden, ahne ich nur in Umrissen. Ich habe die Vermutung, die ich in dieser Hinsicht hege, einmal auf die Formel gebracht: Ich sei nicht schlechthin sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen sind, gerade Bach spielen – ich sei aber sicher, daß sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielen und daß ihnen dann doch auch der liebe Gott besonders gerne zuhört.“

Geboren wurde der Lebemann Barth am 10. Mai 1886 in Basel. Mit seinen Eltern, der Vater war Pfarrer und lehrte an der Universität Bern Neues Testament und Kirchengeschichte, und seinen vier Geschwistern wuchs er in einem christlichen Haus auf. Er war ein vielschichtiges Kind, das neben eigenen Theateraufführungen im Kreis der Familie auch keiner Prügelei aus dem Weg ging. Das Tragen einer Brille verhinderte eine militärische Karriere, ganz zu Barths Verdruss.

Zusammen mit Schulkameraden gründete er eine Verbindung, in der über „Gott und die Welt“ dis­kutiert wurde. So reifte am Ende seiner Konfirmandenzeit der Wunsch heran, Theologe zu werden, weil er diesem großen Thema denkend begegnen wollte, wie er es zu Schulzeiten erfahren hatte.

Er studierte zunächst in Bern, wo er seinem wichtigen Freund Eduard Thurneysen begegnete, traf seinen Lehrer Adolf von Harnack in Berlin, wechselte für eine kurze Zeit nach Tübingen, um in Marburg auf seinen Lehrer Wilhelm Herrmann zu stoßen

Nach seinem Examen blieb der junge Theologe für ein Jahr bei der Marburger Redaktion „Christliche Welt“ und wechselte dann als Hilfspfarrer nach Genf in eine deutschsprachige reformierte Gemeinde. Zurück in der Schweiz begegnete er Johannes Calvins „Instituto“, blieb aber seiner Marburger Schule treu. Die Armut, die er in seiner Gemeinde erlebte, bewegte ihn tief. Ändern konnte er sie nicht. Außerdem begegnete ihm dort seine spätere Verlobte Nelly Hoffmann – eine seiner Konfirmandinnen. Im Sommer 1911 verließ Barth diese Gemeinde und wechselte nach Safenwil, westlich von Zürich im Kanton Aargau gelegen. Dort schlug er sich auf die Seite der Arbeiter, die unter den harten Bedingungen der dortigen Textilindustrie litten. So wurde er zum „Genossen Pfarrer“, gründete eine Gewerkschaft, trat in die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) ein und beschäftigte sich intensiv mit dem „Religiösen Sozialismus“. Die ansässige Textilindustrie freute sich weniger über sein rotes Engagement, was zu Kirchenaustritten führte, worauf Barth predigte: „Der falsche Prophet ist der Pfarrer, der es den Leuten recht macht.“ Für den Theologen Barth war sein Beruf eine umfassende Berufung, ohne dabei eine realistische Weltsicht aufzugeben.

In seinen späteren Schriften wie „Kirchliche Dogmatik“ und „Christengemeinde und Bürgergemeinde“ fragte Barth in zugespitzter Form: „Geht Gott in Politik und Kultur auf? Oder ist er der ganz Andere, der uns immer wieder aufgibt, ihm neu zu begegnen?“

Sein Römerbriefkommentar brachte Barth den Ruf nach Münster ein, dem er mit seiner Ehefrau Nelly folgte. In Münster lernte er 1925 Charlotte von Kirschbaum kennen, zu der sich eine Arbeits- und Lebensbeziehung entwickelte, sodass sie 1929 zu Nelly, die eine Scheidung ablehnte, und Karl Barth nach Hause zog. Charlotte von Kirschbaum vertrat Barth nach 1933 als Sprecherin auf Konferenzen und bei Besprechungen der Bekennenden Kirche.

1930 zogen alle drei nach Bonn um und später nach Basel.

Seine Lebenspartnerin Charlotte erkrankte 1966 an einem schweren organischen Gehirnleiden und wurde von Karl Barth jeden Sonntag in einem Pflegeheim besucht. Karl Barth selbst starb am 10. Dezember 1968 in Basel. Nach seinem Tod übernahm seine Ehefrau Nelly die Pflege ihrer Kontrahentin bis zu deren Le­bens­ende im Jahr 1975. Auf Barths zu Lebenszeiten ausgesprochenen Wunsch wurde Charlotte im Familiengrab beigesetzt.CRS