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27.09.19 / Frei gedacht / NS-Familienpolitik: Ist es heute wirklich anders?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-19 vom 27. September 2019

Frei gedacht
NS-Familienpolitik: Ist es heute wirklich anders?
Eva Herman

Heute möchte ich über Johanna Haarer sprechen, die im Nazi-Deutschland der 1930er und -40er Jahre im Auftrag Adolf Hitlers mehrere Erziehungsratgeber zur Säuglings-und Kinderpflege veröffentlichte. Die schaurigen Richtlinien der Kinderärztin, mit denen ein ganzes Volk umerzogen wurde, hat die deutsche Erziehungskultur bis zum heutigen Tage dunkel beeinflusst: Haarer empfahl vor allem die frühzeitige Trennung von Mutter und Kind, eine Maßnahme, die zu allen Zeiten in totalitären Systemen eine Schwächung der Persönlichkeiten zum Ziel hatte, um eine manipulierfähige Masse von Menschen zu formen, die von früh an in der Gruppe zu leben und funktionieren lernen und sämtlichen vorgegebenen Richtlinien widerspruchslos Folge zu leisten haben. Wer an dieser Stelle darüber nachdenkt, dass ja auch die heutigen Methoden den hier genannten nicht ganz unähnlich sind, liegt damit völlig richtig. 

Keine körperliche Nähe, keine „Verzärtelung“, keine „Affenliebe“. Die dramatischen Folgen solcher gefühllosen Trennung sind heute hinreichend erforscht: Frauen, die von ihren kleinen Kindern getrennt werden, kann es nachfolgend schwerfallen, eine innige Beziehung zu ihnen zu entwickeln. Zwei Gedanken prägten Haarers Bücher: die physische Trennung von Mutter und Kind und die emotionale Distanz. Im Reichsmütterschulungskurs der NS-Frauenschaft galten die Bücher als Grundlage der Ausbildung nahezu aller jungen Frauen. Die Schriften kamen in jedes Haus des Dritten Reiches. Haarers offizielles Erziehungsziel war „schon bei Kleinkindern die Vorbereitung auf die Unterwerfung unter die NS-Gemeinschaft bzw. die Gleichschaltung im Sinne von deren Ideologie“. 

Es ist dem Bayerischen Rundfunk ausdrücklich zu danken, dass im September 2019 ein Interview mit Haarers jüngster Tochter Gertrud Haarer veröffentlicht wurde. Man darf dies getrost als ein bemerkenswertes Zeugnis unserer Geschichte bezeichnen, stellvertretend wohl für ungezählte Schick-sale im Land. Gertrud Haarer weiß aus eigener Kindheit Details zu berichten, die ein grausiges Licht auf die einstige Vertreterin der Hitlerschen Familienpolitik werfen. Die Mutter sei für sie stets „die oberste Instanz“ gewesen, die hinter ihrem „Hitler-Schreibtisch“ gesessen und von den Kindern verlangt habe, „Termine“ zu vereinbaren für ihre Fragen und Anliegen, so Gertrud. Sie könne sich an ihre Kindheit „so gut wie nicht erinnern“: „Ich weiß nichts. Das fängt erst an mit zirka sechs Jahren.“ Sie könne sich auch nicht erinnern, bei der Mutter je auf dem Schoß gesessen zu haben: „Das gab es nicht!“ Am schönsten sei es gewesen, „wenn ich krank war“. Wenn sie eine der häufigen Mittelohrvereiterungen gehabt habe, habe sie auf dem Diwan im Arbeitszimmer der Mutter liegen dürfen: „Die Mutter saß wieder hinter dem Schreibtisch, aber ich hatte sie für mich! ... Aber nur, wenn ich krank war.“ 

Gertrud, das jüngste von fünf Kindern, wurde 1942 in München geboren. Oft habe sie in ihrem Lieblingsversteck auf dem Dachboden gesessen, in die Gärten heruntergeschaut und den Vögeln beim Singen zugehört. Immer wieder habe sie dasselbe gedacht: „Wenn ich nur ein Vogel wär und davon könnt.“

Das erste Buch der Hitler-Ärztin Haarer trug den Titel „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Das oberste Erziehungsprinzip hierin lautete, „den Willen des Kindes zu brechen, das Kind von Geburt an gehorsam und gefügig zu machen“. Ein „verdammtes Buch“ sei dies gewesen, so heute Haarers Tochter. Dennoch habe die Mutter damit „einen Bombenerfolg gehabt“, es habe sich um eine „Millionenauflage“ gehandelt. Für das Ego der Mutter sei dies „das Größte“ gewesen: „Davon haben wir gelebt!“ 

Eindringlich hatte die Kinderärztin Haarer vor einem „Übermaß an Liebe“ gewarnt und empfohlen, den Säugling einzig zum Stillen in den Arm zu nehmen. Mit anderen Worten: Wenn das Baby schrie, lautete die Devise: „Schreien lassen“; „Liebe Mutter, werde hart“, gab Haarer zu verstehen. „Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bette herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten.“ Das Kind solle schnell lernen, nachts allein zu sein. Grausame Methoden, um den Willen eines Menschen schon früh zu brechen.

Auch ein Erzählbuch für Kinder hatte Haarer geschrieben, von dem ihre Tochter jedoch erst viel später erfahren habe. Titel: „Mutter, erzähl von Adolf Hitler!“ Hierin bereitete die Kinderärztin die ideologischen Ziele und die Rassenlehre der Nazis für Kinder auf. Gertrud: „Es triefte nur so von Antisemitismus!“ Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches seien die Haarer-Bücher „ein bisschen kosmetisiert“ worden, und schnell erreichten sie wieder hohe Auflagen. Wie weit die Bücher verbreitet waren und was diese angerichtet hatten, „das war mir nicht klar“, so die Tochter. „Entsetzliches“ habe die Mutter mit diesen Schriften verbreitet, „Verheerendes“, zumal „die sich ja alle dran gehalten“ hätten. 

Der Verleger Michael Buckmiller, der im Hause Haarer einst ein und aus gegangen war, befasste sich mit den Auswirkungen der Erziehungsratgeber der Kinderärztin: „Sie war eine der großen Mittäterinnen der ideologischen Helfer des nationalsozialistischen Systems und, was noch schlimmer ist, auch über das Dritte Reich hinaus, nämlich durch die Langzeitwirkung der Erziehungsmethode“, die auf die schwarze Pädagogik zurückzuführen sei. Als eine Täterin der ersten Kategorie hätten die Alliierten Johanna Haarer denn auch auf ihre Liste gesetzt. 

Die Erziehung durch ihre Mutter hatte Gertrud nachhaltig geprägt: Unnahbar sei sie selbst jahrzehntelang gewesen, unkalkulierbar, nicht nur für andere, sondern auch gegenüber sich selbst: „Ich wusste einfach nicht, was los war, irgendetwas stimmte nicht.“ Immer habe sie sich „gepanzert“, um nicht verletzt zu werden. Die politische Vergangenheit der Mutter hatte die Tochter für viele Jahre einfach weggeschoben, verdrängt. Ihr späterer Lebensgefährte, der über ein gutes geschichtliches Wissen verfüge, habe bei ihr endlich ein Umdenken eingeleitet. Mit ihrer alten Mutter, der Nazi-Ärztin Haarer, versuchte Gertrud schließlich, über die Machenschaften im Dritten Reich zu diskutieren. Doch die wollte davon nichts hören. „Wir haben uns richtig gekracht!“ Die Mutter habe ihr Hörgerät herausgerissen und geschrien: „Ich höre nichts mehr!“ Ihr Leben sei ja dann vertan, wenn sie diese „Schuld“ anerkennen würde, berichtet die Tochter.

Beim Betrachten eines der letzten Familienfotos mit all ihren erwachsenen Geschwistern resümiert Gertrud: „Oh, je, da schauen wir alle recht harmlos aus. Aber was diese Erziehungsmethode letztendlich anrichtet, welche Schäden sie verursacht – von diesen Schäden haben wir alle genügend in der Familie.“ Gertrud spricht von psychischen Schäden, mit denen alle Kinder von Johanna Haarer bis heute zu kämpfen haben. Nach dem Tod der Mutter fiel die Tochter in tiefe Depressionen, sollte gar in eine Klinik eingewiesen werden. Der Liebe und Fürsorge ihres Lebensgefährten verdankt sie, dass sie langsam wieder an das Leben glaubte.

Wer heute die Trennung der Mütter von ihren kleinen Kindern, also zum Beispiel die Kita, propagiert, macht sich schuldig. Gleichgültig, ob er es heute zu erkennen vermag oder nicht, es geht wieder in dieselbe Richtung.